Charly´s weite Reise

März 2013

Hi guys, how are you?

Ja, Ihr lest richtig, ich spreche wieder englisch! Seit einigen Tagen sind wir in Belize, einem Land so groß wie Hessen, nur mit viel weniger Einwohnern.

Aber ich greife vor. Begonnen hat der Monat damit, dass meine Leute mich zum Tierarzt bringen. Doktor de Ocana, ein älterer Herr, macht zwar einen Vertrauen erweckenden Eindruck, aber sein Vorschlag meine Pfote operieren zu wollen, gefällt mir nicht. Leider habe ich in solchen Fällen nichts zu melden und werde nach einigen Vorbereitungen in Narkose versetzt. Die Entfernung der Geschwulst verläuft unproblematisch. Nur als man mich wieder aufweckt, bekomme ich einen Krampf, der meinen ganzen Körper durchschüttelt. Der Arzt gibt ein Gegenmittel und vermutet, dass die Aufregung Ursache dafür gewesen sei. Mit verbundener Pfote geht es zurück zum Stellplatz, ich schlafe mich noch aus und fühle mich am Abend schon wieder ziemlich fit. Man verwöhnt mich mit Grillfleisch und alles scheint in bester Ordnung - bis nachts um drei.

Zwei grauenhafte Krampfanfälle, die kurz aufeinander folgen, zerren an mir. Meine Leute halten mich fest, damit ich mich nicht verletze oder ersticke. Danach muss ich raus aus dem Auto, nur noch raus, und laufen und laufen. Ich kann mich kaum an die Stunden erinnern, die nun folgen. Wie man mir später erzählt, irre ich viele Stunden lang über den Platz, erkenne niemanden mehr und komme erst gegen Morgen vor Erschöpfung zum Liegen. Allmählich fühle ich mich wieder ein wenig besser. Zwar taumele ich noch und werde von leichten Krämpfen geschüttelt, aber das Schlimmste scheint überstanden. Aber gegen Abend kommt erneut eine teuflische Attacke, und jetzt geht es sofort zum Arzt. Dieser ist entsetzt, als er mich durch seine Praxis stolpern sieht und meint, dass es wie ein epileptischer Anfall aussehe. Um sicher zu gehen will er sich aber noch mit einem Kollegen beraten.

Zurück am Platz krampfe ich erneut und denke: Das ist das Ende - aber bevor ich sterbe, werde ich um mein Leben laufen - das lebenslange Training soll nicht umsonst gewesen sein. Meine Leute halten Nachtwache und beobachten mit Grauen, wie ich Stunde um Stunde meine Bahnen ziehe, zusammenbreche, wieder aufstehe, weiterlaufe und irgendwann mehr tot als lebendig im Dreck liege. Ich erkenne sie kaum noch, weiß nicht mehr, in welchem Auto ich zuhause bin und kann mich gerade noch auf mein Fressen konzentrieren. Sollte ich Epilepsie haben, sind meine Tage gezählt, und sollte die Geschwulst Krebs sein - was im Labor untersucht wird - so wäre meine Reise eher früher als später beendet.

Aber soweit ist es noch nicht. Dr. de Ocana gibt Entwarnung und ein neues Medikament. Die Krämpfe sind Zeichen eines allergischen Schocks gewesen, der durch die Narkose ausgelöst wurde. Epilepsie kann in meinem Alter wohl nicht mehr auftreten, immerhin. Die Laborergebnisse will er uns mailen, und erleichtert verabschieden wir uns von dem netten Arzt. Nach zwei Wochen verlassen wir den Platz, der uns inzwischen ans Herz gewachsen ist. An kaum einem anderen Ort hätte ich völlig unbehelligt und sicher meine Kreise ziehen können, und die Leute, die wir hier kennen gelernt haben, waren besonders freundlich und hilfsbereit.

Das Wichtigste ist jetzt, alles für meine Genesung zu tun. Das bedeutet vor allem: raus aus der Hitze. Meine Leute wollen so schnell wie möglich in die Berge und nach San Cristobal de Las Casas. Nach einer langen Fahrt, bei der nicht einmal der Wind Kühlung bringt, sind wir schließlich am Abend so weit in der Höhe, dass ich mich wieder erholen kann.

Wir sind im Chiapas, dem ärmsten Staat Mexikos, in dem die meisten Indios leben. Die Bewegung der modernen Zapatisten hat hier ihren Ursprung, und bis ins entfernte Europa konnte und kann man ihre Forderungen nach sozialer Gleichberechtigung und wirtschaftlicher Entwicklung vernehmen. Erst vor kurzem marschierten 40 000 vermummte Menschen schweigend nach San Cristobal. Kein Laut war bei dieser Kundgebung zu hören und kein Transparent zu lesen. Trotzdem berichtete die Weltpresse darüber und richtete zumindest für einen kurzen Moment ihr Augenmerk auf etwas anderes als den sogenannten `Drogenkrieg´. ( Auch wenn sich Hunde gemeinhin nicht politisch äußern, so möchte ich dazu anmerken, dass dieser vermutlich weitergehen wird, bis die Regierung die Korruption, also eigentlich sich selbst bekämpft.)

In der Nähe von Tuxtla Gutierrez, der Hauptstadt des Chiapas, besuchen wir den Canon de Sumidero. Von einer eigens angelegten Straße kann man an mehreren Aussichtspunkten in die 1000m tiefe Schlucht schauen. Leider ist es etwas diesig und die Sicht nicht allzu gut.

Am Nachmittag erreichen wir endlich wieder grünes Land. Nachdem wir uns Wochen, wenn nicht Monate, in Trockengebieten aufgehalten haben, sind wir begeistert. Auch die Temperaturen sind auf 2000m Höhe ganz nach unserem Geschmack. Abends kühlt es ab, die Luft ist trockener, und so steht einem Besuch von San Cristobal eigentlich nichts mehr im Weg.

Gut vorbereitet steuern wir ein Hotel mit Trailer-Park an, von dem wir den Namen und sogar die GPS-Koordinaten haben. Leider finden wir es auch nach mehreren Versuchen nicht und fragen schließlich eine Polizistin. Sie telefoniert und schickt uns dann genau dahin, wo wir schon ein paar Mal vorbei gefahren sind. Aber auch jetzt sehen wir es nicht und erkundigen uns an einer Tankstelle. Sie sagen uns, dass das Hotel seinen Namen geändert habe und wir genau davor stünden. Leider gibt es den Trailer-Park nicht mehr, und wir müssen eine andere Übernachtungsmöglichkeit finden. Der IT-Spezialist macht im Internet, dass wir seit Neuestem via Telefonverbindung ansteuern können, die Koordinaten eines Campingplatzes ausfindig, und die Suche beginnt erneut. Es dämmert schon, als uns ein Toyota aus München begegnet, dessen Leute auch auf dem Weg zu diesem Platz sind.

Wir fahren und fahren, ich müsste dringend `mal, aber keiner hält an. Dann geht es die gleiche Strecke wieder zurück, und es wird dunkel. Leute, die wir nach dem Weg fragen, schicken uns erneut zurück und lachen, als wir schließlich zum dritten Mal bei ihnen vorbeikommen. Endlich spricht die Chefin genervt ein Machtwort, und wir halten auf dem Gelände einer Pemex-Tankstelle. München befürchtet zwar Lärm von der nahen Straße, bleibt aber ebenfalls stehen. Völlig erledigt gehen alle früh schlafen, nur um kurz darauf wieder geweckt zu werden. Die Tankstelle hat nachts zu und wird deswegen mit Gittern abgesperrt. Wir müssen diesen Bereich verlassen und können drei Meter weiter parken. Am nächsten Morgen um acht Uhr reicht es uns. Die Koordinaten werden noch einmal überprüft und berichtigt, und nach weiteren zehn Minuten haben wir tatsächlich den Platz gefunden. Auch München trudelt im Laufe des Vormittags ein. Sie ist eine Nette: "Sagn`s, die Advocats, habn`s die net fei fui Fett?", und er hat alles schon gesehen, gehört und gelesen, dem brauchts gar nix mer verzäln!

Ich stelle mir die nächsten Tage ganz angenehm vor: Morgens ein Spaziergang durch die Stadt, danach ein bisschen entspannen, ein Häppchen essen und nachmittags vielleicht noch ein Stückchen zu Fuß zum Einkauf. Am ersten Tag geht dieser schöne Plan auch auf, der zweite Tag verläuft Erfolg versprechend bis zum Abend. Ich komme gerade aus der Stadt zurück - Hauptbeschäftigung der Touristen: Indianer gucken, Sprachkurs machen - als die Dogge unserer amerikanischen Nachbarn plötzlich auftaucht, ihre großen Zähne fletscht und mich ohne Vorwarnung beißt! Sie packt mich, schleudert mich hoch, und ihre bescheuerten Besitzer stehen daneben und tun nichts! Nur der Bordmechaniker greift wie immer beherzt ein und verhindert Schlimmeres. Die Amerikaner reisen mit drei Hunden und vier Papageien durch Mittelamerika auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Der Texaner ist weit über siebzig, fordert Freiheit für alle Tiere und besitzt deswegen auch für keinen seiner Hunde eine Leine. Stellt Euch das in den USA vor! Das Vieh wäre vermutlich eingeschläfert worden, und der Typ hätte ein hohes `ticket´ bekommen.

Nach dem ersten Schreck schaut alles halb so wild aus. Aber am nächsten Morgen zeigt sich, dass ein großes Loch in meinem Fell klafft. Ein Kanadier war bereits am Abend sehr hilfsbereit mit Antibiotikasalbe zur Stelle gewesen. Als er die Wunde sieht, bietet er an, sie hier an Ort und Stelle zu nähen - er sei Chirurg und habe alles Nötige dabei. So werde ich nach allen Regeln der ärztlichen Kunst versorgt, und der Bordmechaniker darf assistieren.

Schließlich verlassen wir die Stadt um nach Palenque weiter zu fahren. Dichte Wolken ziehen über die Berge und in Agua Azul regnet es. Agua Azul ist ein wunderschöner Fluss, der sein türkisblaues Wasser in hunderten kleinen Wasserfällen von einem Kalksteinbecken ins nächste fließen lässt. Kaum angekommen, werden wir von geschäftstüchtigen Frauen und Kindern umringt, die kleine Bananen und süßes Brot anbieten. "Amiga, nur fünf Pesos, amiga!" Über ihren jammernden Tonfall müssen sie selbst lachen, und wir einigen uns darauf, am nächsten Tag ins Geschäft zu kommen. Als kleinen Trost verschenken wir unsere letzten Gummibärchen, die andächtig geknabbert werden.

Regen ist zu einem seltenen Ereignis geworden. Endlich können wir unser neues Regendach ausprobieren, das es ermöglicht, die rückwärtigen Türen offen zu lassen. So wird es im Auto nicht stickig, und die Außenküche kann weiterhin benutzt werden. Es funkioniert prima, alles ist dicht und bleibt trocken.

Als wir nach Palenque mit seinen berühmten Maya-Ruinen kommen, hat sich der Regen schon wieder verzogen. Nur wenige Meter vor dem Eingang des archäologischen Geländes befindet sich ein schöner Campingplatz, der neben den üblichen cabanas sogar ein kleines Schwimmbad anbietet. Über uns turnen Brüllaffen in den Bäumen, die vor allem morgens ihrem Namen alle Ehren machen. Alles sieht schon sehr nach Dschungel aus, und ich drehe vorsichtig meine erste Runde über den Platz. Aber außer dem kleinen Hündchen Poco, das ebenfalls Opfer einer Beißattacke wurde, treffe ich zum Glück keine Vierbeiner. Vorerst habe ich die Schnauze voll von meinen Kollegen. Auch meinen Leuten reicht es. Sobald ein Hund in verdächtiger Größe auftaucht, verhalten sie sich mexikanisch und drohen mit Steinwurf. Sollte das nicht reichen, fliegen den Tölen die Brocken hinterher - hätte nicht gedacht, dass es mal so weit kommen würde.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich einiges an den Ruinen getan. Viele Gebäude der damaligen Priester- und Königsstadt wurden freigelegt und das Gelände in einen großzügigen Park verwandelt. Touristen aus Kanada, den USA und Europa bevölkern zusammen mit unzähligen Händlern das Areal. Man hat bereits den neuen Maya-Kalender im Angebot, der nun aber wirklich fehlerfrei sein soll. Ob man sich wieder auf einen Weltuntergangs-Termin festgelegt hat, bleibt allerdings im Dunklen.

Nach der Besichtigung taucht die Frage auf, wie die Reise weiter gehen soll. Das Laborergebnis lässt auf sich warten, meine Genesung schreitet langsam voran, und alle fürchten die bevorstehende Hitze. Eine verlockende Alternative wäre die Rückkehr nach Norden in die USA, was jedoch den weiteren Verlauf, z.B. die Verschiffung des Autos, völlig ändern würde. Auch gäbe es die Möglichkeit, von Veracruz, das am Golf von Mexiko liegt, direkt nach Kolumbien zu reisen und somit Zentral-Amerika zu umgehen. Wir müssen abwarten und denken, dass die Karibikküste ein guter Platz dafür ist. Also fahren wir durch das Tiefland von Campeche nach Chetumal.

Endlos, Stunde um Stunde, geht es durch kaum besiedeltes Weideland, später durch halbhohen Dschungel. Dschungel meint hier lediglich `undurchdringliches Waldgebiet´ und hat nichts mit der üblichen Vorstellung vom tropischen Regenwald zu tun. Wir übernachten an einer Pemex und kommen am Vormittag endlich an die Laguna Bacalar. Sie blitzt blau durch die Bäume, aber als wir unser Ziel erreichen, sieht es aus wie am Bodensee. Ein Hurrikan hat Unmengen von Sediment an diesem Abschnitt in die Lagune gespült und vorerst die tolle Farbe versaut. Aber die Leute, die den schön angelegten Platz betreiben, sind sehr freundlich und machen dieses kleine Manko locker wett.

Aber natürlich wollen auch wir das ultimative Karibik-Feeling erleben, zu dem nun einmal der von Palmen gesäumte weiße Sandstrand vor türkisblauem Meer gehört. So quälen wir uns noch einmal über eine eintönige schnurgerade Straße nach Tulum, auf älteren Karten nicht einmal verzeichnet. Wo früher bis auf eine einzelne Ruine und eine Tankstelle nichts war, befindet sich heute das südliche Ende der Mega-Touristenzone, die bis Cancun reicht. Erfreulicherweise finden wir an der Playa Santa Fe einen kleinen Campingplatz unter Palmen. Der Sand ist weich wie Mehl und das Wasser ein Traum. Wir sehen seit langem wieder Weiße, denen Verbrennungen zweiten Grades noch nicht reichen und die ihre Haut weiterhin unbeirrt nackt zu Markte tragen. Jonglierende Backpacker im Indien-Look, die nach guter, alter Hippieart versuchen, den Campinggebühren am Strand zu entgehen und sich Shampoo `borgen´, gibt es auch noch.

Dann holt uns bei der Suche nach Antibiotika für mich die mexikanische Realität wieder ein. Es gibt die Tabletten in keiner Apotheke und auch keinen Tierarzt, der sie haben könnte. Nicht in Tulum, nicht in Felipe Carillo Puerto und auch nicht in Bacalar. Erst in Chetumal werden wir fündig.

Auch hier gibt es eine schöne Anlage in Calderitas direkt am Meer mit einem Pool, einer Bar und einem Restaurant. So kommen viele Gäste zu einem Tagesausflug hierher und lassen es sich gut gehen. Wir haben inzwischen den festen, sozusagen unumstößlichen Entschluss gefasst, wieder nach Norden zu reisen, als schließlich das Laborergebnis kommt: kein Krebs, `nur´ eine schwere Infektion war die Ursache für das monströse Geschwür! Yeah, wer sagt`s denn! Und kaum sind die Steine, die uns vom Herzen fallen, ins karibische Meer gerollt, so steht auch schon fest, dass wir, wie ursprünglich geplant, nach Süden fahren werden. Mir soll es recht sein - solange sie auf mich achten und das Futter in Ordnung ist, bin ich dabei.

Jetzt wisst Ihr also, wie zäh man sein muss, und dass es sich lohnt, zu kämpfen. Aufgeben gilt nicht! Über Belize erzähle ich Euch dann nächstes Mal mehr.

Stay cool,man!

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