Charly´s weite Reise

Dezember 2012

Hola amigos, buenos dias,

hoffe, Ihr hattet schöne Feiertage und seid gut ins neue Jahr gerutscht.

Ein Erlebnis aus Kalifornien möchte ich Euch nicht vorenthalten, bevor ich von Mexiko erzähle. Als wir von der Salton Sea in den Süden fahren, halten wir in Calipatri zum Tanken. Ein älterer Mann auf einem Motorrad kommt ebenfalls an die Tankstelle und spricht uns an. Er möchte wissen, ob wir auf unserer Reise auch nach Costa Rica wollen, und als wir das bejahen, erzählt er, dass er selbst einige Jahre dort gelebt und nun ein Buch darüber geschrieben habe. Nachdem er uns noch ein paar Tips zum Campen aufgeschrieben hat, findet er, er könne uns ja eines schenken. Wir folgen Jon einige Meilen und landen in Slab City.

Slab City ist auf unseren Karten nicht zu finden, obwohl um die tausend Menschen mit etwa genauso vielen Hunden hier leben. Es ist auf einem ehemaligen Militärgelände entstanden, dass man in den 1960iger Jahren nicht mehr brauchte und der kalifornischen Lehrergewerkschaft überließ. Als auch die nichts damit anfangen konnte, siedelten sich zuerst Hippies und später alle folgenden Aussteiger- und Freakgenerationen hier an. Sie wohnen umsonst hier, manche für Jahre und führen ein sehr bescheidenes Leben in der staubigen Wüste. Der weitgereiste 72jährige Jon schenkt uns ein Exemplar seines tatsächlich existierenden Buches und gibt uns viele Ratschläge und gute Wünsche mit auf den Weg.

Inzwischen haben wir einen Monat in Mexiko erlebt und sind in der Zeit die Baja California runter, hoch und wieder runter gefahren. Wie das gekommen ist?

Als wir vom kalifornischen Calexico zum mexikanischen Mexicali (Vorsicht Wortspielhölle!) die Grenze passieren, sind wir auf strenge Kontrollen gefasst. Man hat ja schon einiges über den Grenzzaun gehört, den die USA ständig weiter ausbauen um unerwünschten Besuch aus Mittel- und Südamerika fernzuhalten. Obwohl die Grenze in südlicher Richtung durchlässiger ist, sind wir trotzdem verblüfft, als wir einfach durchgewunken werden und niemand unsere Pässe und die Papiere für das Auto sehen will ( für mich interessiert sich hier sowieso niemand mehr). Meine Leute wissen, dass sie eine Touristenkarte und eine Zollerlaubnis für das Auto brauchen, wenn wir aufs Festland übersetzen wollen. Der wichtigste Hafen, um dorthin zu kommen, liegt ganz im Süden der etwa 1200 km langen Halbinsel in La Paz. Die Touristenkarte braucht man erst 100 km südlich der Grenze, aber als auch dort niemand danach fragt, fahren wir weiter und gehen davon aus, dass wir beides schließlich in La Paz bekommen werden.

Also beeilen wir uns nicht weiter und gewöhnen uns erst einmal ein. Der Bordmechaniker hat einen leichten Kulturschock, als unmittelbar nach der Grenze mittelamerikanisches Durcheinander auf uns einstürmt und die gewohnte amerikanische Ordnung ablöst. Auch die blitzsauberen Straßenränder Nordamerikas gehören der Vergangenheit an. Hier gibt es kein `Adopt a Highway´-Programm mehr, bei dem sich Anwohner um die Beseitigung schmutziger Hinterlassenschaften kümmern. Also fliegen Plastiktüten, Glasflaschen, Essensreste und Klopapier in der Gegend herum, vom Winde verweht.

Für mich ist alles schöner als vorher. Keine Leine mehr, keine Verbote, alles riecht viel intensiver und meine mexikanischen Kollegen sind freundlich. Sie sind leider nicht so dick wie ich, aber führen ein recht freies Leben. Nur die bissigen sind zum Glück angebunden und kläffen aus sicherer Entfernung.

Wir können wieder übernachten, wo wir es für schön und richtig halten. Die Strände sind für jedermann zugänglich und häufig menschenleer. In früheren Jahren hatte sich ein bescheidener Tourismus entwickelt, dessen Überbleibsel als Wohnwagenruinen in den Dünen stehen. Aber seit der sogenannte `Drogenkrieg´ wütet, haben die Amerikaner mehr als alle anderen die Hosen voll. Kanadier treffen wir recht häufig, und sie glauben, dass die Horrormeldungen im amerikanischen Fernsehen der Grund dafür sind. Jede Bluttat wird so oft wiederholt, bis man das Gefühl hat ein Massensterben mitzuerleben. Auch uns hatten einige versichert, dass sie für kein Geld der Welt hierher fahren würden.

Wir sehen nur tote Tiere. Wird eine Kuh überfahren, so bleibt sie liegen, bis die Geier und die Sonne ihr Werk vollbracht haben und nur noch eine ledrige Hülle bleibt. Einmal machen sich die Geier über einen toten Hund am Strand her - das allerdings gibt mir zu denken, einen sicheren Übernachtungsplatz stelle ich mir anders vor. Auch Meeresschildkröten sehen wir leider nur in leblosem Zustand, ein Skorpion dagegen ist sehr lebendig und sorgt für Aufregung.

Wir folgen der Golfküste über San Felipe und Puertecitos bis zur Bahia Luis Gonzaga. Es ist schön warm, und man könnte schwimmen gehen. Die ganze Baja besteht aus Wüste und die verschiedenen Regionen unterscheiden sich nur wenig. Es kann jahrelang nicht regnen, sodass es selbst den Kakteen zu trocken wird und gar nichts mehr wächst. Wir haben Glück und sehen die Baja von ihrer grünen und angenehmen Seite. Man kann sich die Unmenge an großen Kakteen kaum vorstellen - dagegen sind die paar in Arizona wirklich ein Witz.

Kurz vor der Bahia Luis Gonzaga merken wir, dass die befestigte Straße endet. Wir sind sozusagen in einer Sackgasse gelandet und müssen entweder zurück oder 60km Piste fahren. Dieser Abschnitt ist Teil der Baja 1000, einer Ralleystrecke für Autos, Motorräder und Buggies. Es rumpelt, es staubt, und die Fahrt kommt uns ewig vor, bis wir endlich Cocos Corner erreichen. Coco ist ein Mann in den Sechzigern, dem beide Unterschenkel fehlen. Er hat hier im Hochtal eine Kneipe, die während der Ralley wohl als Hauptquartier dient. Überall hängen Fotos von Fahrern und an der Decke flattern die Unterhosen der weiblichen Fans. Es gibt Bier, Soda und ein dickes Buch, in das Coco eine zittrige Zeichnung des Fahrzeugs malt und uns dann zum Schreiben gibt. So sind auch wir jetzt verewigt und können den letzten Teil der Strecke in Angriff nehmen. Als wir nach mehr als drei Stunden wieder Asphalt erreichen, merken wir einmal mehr, wie schön geteerte Straßen sein können.

Jetzt rollen wir auf der Mexico 1, der einzigen Verbindung von Nord nach Süd. In Guerrero Negro gibt es große Salinas, es soll einmal das größte Salzwerk der Welt gewesen sein. Wale, die hier im Winter ihre Jungen bekommen, gibt es noch nicht zu sehen. Ansonsten nimmt der Sand sich das Land.

Die Straße ist schmal und hat keinen Seitenstreifen. Am Rand hacken Männer mit Macheten das Gras ab oder betonieren mit der Hand Wasserabläufe und streichen sie mit einer Bürste weiß an. Der Zement wird in einer Schubkarre angerührt, es gibt keinerlei Maschinen. Alle paar hundert Kilometer kommen wir an einen Militärposten: Sicherheitskontrolle. Das Auto wird von freundlichen jungen Soldaten oberflächlich nach Waffen und Drogen inspiziert, größeres Interesse wecken die Postkarten an der Wand. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei, Papiere will auch hier niemand sehen.

Als wir San Ignacio erreichen, taucht eine Palmenoase vor uns auf. Es gibt einen See, auf dem Enten schwimmen und an diesem sogar einen Campingplatz. So verbringen wir seit langem wieder etwas Zeit im Grünen, spazieren in den Ort mit seinem schattigen Dorfplatz, und ich lerne die Hunde der Gegend kennen.

In Santa Rosalia kommt man wieder an die Küste. Die Altstadt liegt eingezwängt in einem Seitental und bietet alles, was man sich wünscht. Es gibt eine Bäckerei mit guten Brötchen und Straßenstände, die Burritos, Tacos und Tamales verkaufen oder Obstsalat mit Salz und Chili. Das mexikanische Essen ist gut und abwechslungsreich, wenn man von den allgegenwärtigen Tortillas einmal absieht. Auch mit den verschiedenen Chilisalsas sollte man ein bisschen vorsichtig sein, wenn man vermeiden will, dass einem die Tränen in die Augen schießen und der Schluckauf einen schüttelt.

Zwischen Mulege an der Bahia Concepcion und Loreto wird es grüner. Nicht nur für uns ist hier der schönste Abschnitt der Baja mit Buchten, in denen sich Sandstrände vor grünblauem Meer ausbreiten und im Hintergrund die Sierra de la Giganta als Bergkulisse aufragt. Etliche Wohnmobile halten die Stellung, ordentlich aufgereiht. Die Gemeinden haben jedem eine Mülltonne und ein Schattendach, sogenannte Palapas, hingestellt und somit einen Campingplatz geschaffen. Andere Überwinterer haben sich Hütten aus Schilfmatten gekauft und können nun hoffen, dass die nächste höhere Flut nicht alles mitnimmt.

Jetzt kommt der ödeste Abschnitt auf dem Weg nach La Paz. Für Radwanderer, die auch hier unterwegs sind, ist die Strecke sicher ein Graus. Wir überqueren die Berge und fahren dann auf schnurgerader Straße nach Ciudad Insurgentes und Ciudad Constitucion. Man betreibt Landwirtschaft dank Bewässerungsanlagen, an der Küste in San Carlos gibt es eine Fabrik für Fischkonserven. Eigentlich wollen wir an der Lagune übernachten, aber eine Angriffswelle von Moskitos lässt meine Leute flüchten und so endet der Tag zwischen unseren alten Bekannten, den Kakteen. Auch der weitere Weg nach La Paz zieht sich hin, langweilig. Am Straßenrand sorgen nur die kleinen und größeren Kapellchen der Jungfrau Maria für Abwechslung und sichere Fahrt. Als wir endlich in die Stadt kommen, regnet es und lässt die überforderte Kanalisation überlaufen. Außerhalb von La Paz wollen wir für die nächsten Tage an der Playa Tecolote den Pelikanen beim Fischen zuschauen und alles für die Überfahrt aufs Festland vorbereiten. Soweit der Plan.

Als meine Leute freitags aus dem Büro der Migracion zurück ans Auto kommen, ahne ich, dass alles etwas länger dauern wird. Man stellt ihnen hier keine Touristenkarte aus, sondern klärt sie auf, dass sie sich illegal im Land befinden. Man beauftragt sie, sich per Internet ein Formular zu besorgen, Passbilder und Kopien der Pässe machen zu lassen und am Montag wieder zu erscheinen. Im Internet-Cafe finden sie kein passendes Formular auf der Website der Regierung und brechen die Aktion fürs Erste ab.

Samstags fahren sie zum Fährterminal und fragen beim Zoll, ob es nicht doch eine Möglichkeit zur Verschiffung gäbe. Die Dame am Schalter weist darauf hin, dass diese ausschließlich mit der Touristenkarte möglich sei und nicht mit dem Papier der Migracion. Die Karte jedoch könne man nur an der Grenze! erhalten, vielleicht gebe es eine kleine Chance am hiesigen Flughafen.

Also geht es weiter zum Aeropuerto Internacional. Ein erkälteter, frierender Angestellter, der sich später als Luis vorstellt, erklärt, dass er keinesfalls befugt sei, die ersehnte Karte auszustellen. Auch wolle er von Anfang an klarstellen, dass er unter keinen Umständen bereit sei Geld anzunehmen und seinen Job zu riskieren. Als man ihm versichert, dass man an so etwas bislang gar nicht gedacht habe, setzt er sich und überlegt. Nun, da er die missliche Lage verstehe, werde er seinen Chef anrufen und fragen, ob eine Ausnahme möglich sei. Der Chef ist beim Essen und will zurückrufen. Also wartet man und unterhält sich ein wenig. Luis zeigt den Block mit den Formularen, die Flugreisende im Flugzeug selbst ausfüllen und die er - er zeigt den Stempel - dann abstempeln würde. Er stempelt noch auf ein Papier um zu zeigen, dass ein Flugzeug die Einreise über den Luftraum dokumentiert. Da wir aber mit einem Fahrzeug gekommen wären, müsste es in diesem Fall ein Auto sein. Luis würde wirklich gerne helfen - er wedelt mit dem Block herum - aber seit die Regierung gewechselt habe, sei alles viel schwieriger geworden. Nach einer guten Stunde klingelt das Telefon und Luis bespricht die Angelegenheit (oder vielleicht auch eine andere) und kommt mit bedauernder Miene zurück. Da sei nichts zu machen, ihm wären die Hände gebunden. Er setzt sich wieder, schaut schnell von einem zum anderen, beugt sich vor, senkt die Stimme und meint, dass montags sein freier Tag sei und er zum Hafen kommen könne. Dort könne er meinen Leuten eine Karte geben, die aus der Zeit der vorherigen Regierung stamme, was aber kein Problem sei. Er schreibt seine Telefonnummer auf einen Zettel, setzt die Sonnenbrille auf und geht mit ihnen nach draußen, um das Auto zu sehen. Dann verabschieden sich alle mit Handschlag, er nimmt noch das Versprechen ab, keinem etwas zu erzählen und verschwindet dann.

Im ersten Moment scheinen alle Probleme gelöst, auf den zweiten Blick könnten sie erst richtig anfangen. Die Fotografin findet, man solle lieber gleich zurück zur Grenze fahren, der IT-Spezialist will es noch einmal bei der Migracion versuchen. Den Sonntag verbringen wir in La Paz mit der erneuten Suche nach dem richtigen Formular. Schließlich füllen die beiden irgendeins aus und lassen es dann montags ausdrucken. Nachdem auch die Passbilder und Kopien besorgt sind, sitze ich wieder im Auto und meine Leute bei der Migracion und warten. Es stellt sich heraus, dass es völlig egal ist, welches Formular man ausfüllt, es geht nur um das Aktenzeichen. Gerardo, auch der Migracionsbeamte stellt sich vor, findet, dass jetzt alles in Ordnung sei und man die Papiere am Dienstag ab neun abholen könne. Erleichtert flanieren wir durch die Stadt und machen schon mal Pläne für die nächsten Tage. Am Dienstagmorgen stehen wir pünktlich auf der Matte, aber einen klitzekleinen Momentito dauere es noch, versichert die Kollegin ein ums andere Mal. Immerhin lernen die beiden so noch zwei Kanadier kennen, die exakt das gleiche Problem haben, ein schwacher Trost. Schließlich ist es Mittag, und dem Bordmechaniker gehen allmählich die Nerven durch, da sind die Papiere auch schon fertig. Es ist zwar nur eine Art Visum für 30 Tage, aber besser als nichts. Denken wir, bis wir wieder am Zoll sind. Ja, sagt man uns, wir könnten jetzt durchaus die Fähre nehmen, aber das Auto nicht!

Ich bin froh, dass diesmal nicht ich das Problem bin. Als wir in den USA waren, habe ich das schon ab und zu mal vom Chef gehört: Ja, wenn wir den Hund nicht dabei hätten... - jetzt habe ich mich raus gehalten und die beiden sind blöd genug gewesen, die einfachsten Einreisebestimmungen nicht einzuhalten. Eine gewisse Schadenfreude kann ich nicht verhehlen, als es somit am nächsten Morgen wieder zurückgeht, die ganzen vielen Kilometer erst nach Norden nach Mexicali und dann alles noch mal zurück. An meinem 14. Geburtstag bekommen die zwei Schnarchnasen ihre Touristenkarten, jetzt für satte 180 Tage und das gute Auto seinen Aufkleber vom Zoll.

Natürlich haben wir auch in den letzten beiden Wochen ein paar nette Leute kennen gelernt und gesehen, dass sich auch andere zum Depp machen. So waren wir wieder auf dem schönen Campingplatz in San Ignacio, wo uns morgens zwei Motorradfahrer begrüßten, die aus der Nähe von Göttingen stammen. Sie sind über Russland und Asien gefahren, nach Südamerika geflogen, dann bis hierher gefahren und mittlerweile auf der Heimreise. Und wenn ich an den armen Mann denke, der in San Felipe, einen Tag vor Heilig Abend, bei Ebbe erst seinen Jeep und später noch ein zweites Auto in den Sand gefahren hat, muss ich immer noch lachen - wie doof dürfen Menschen sein?

Jetzt haben wir schon 2013 und stehen wieder an der Playa Tecolote. Die Pelikane können wegen des starken Windes nicht fischen, die Strandhunde suchen Schutz in den Dünen und ich an meinem Lieblingsplatz auf dem Beifahrersitz. Vielen Dank auch für die guten Wünsche zum neuen Jahr - wie Ihr seht, kann ich die gut gebrauchen!

Hasta luego, amigos!

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