Charly´s weite Reise

Januar 2013

Hola, buenas dias!

Wegen der Feierlichkeiten zum 50ten Geburtstag der Fotografin kommt der Bericht diesmal ein wenig später - ich kann mich ja schlecht zum Schreiben hinsetzen, während die anderen alle fünfe grad´ sein lassen.

Begonnen hat der Monat an einem herrlichen Strand, südlich von Todos Santos. Es ist ein Surfer - Strand wie aus dem Bilderbuch: starke Wellen, die sich zu sogenannten tubes (Röhren) aufbauen, auf denen die Surfer je nach Geschicklichkeit `reiten´ können und eine sehr entspannte Atmosphäre, da nur die nächste Welle zählt. Einige der Leute sind mit Zelten da, andere schlafen in ihren Autos, und in einem alten Toyota mit Wohnkabine lebt eine vierköpfige belgische Familie. Sie sind seit vielen Jahren auf Reisen. Der inzwischen erwachsene Sohn wurde unterwegs geboren und hat nun selbst eine Freundin, die ebenfalls mitfährt. Er bietet uns großzügig sein Surfbrett an - aber wir schauen lieber zu, als uns in die Brecher zu stürzen.

Außerdem haben wir französische Nachbarn aus Montpellier, ein älteres Ehepaar um die siebzig, die vor gut zwei Jahren ihre Reise in Argentinien begonnen haben. Obwohl sie kein englisch, nur wenig spanisch und wir kaum französisch sprechen, haben wir eine unterhaltsame Zeit miteinander. Sie laden uns zum Aperitivo ein und organisieren frische Langusten, wir lassen uns in die verschiedenen Arten der Zubereitung einweihen und spendieren die Getränke.

Sie erzählen von ihren Erlebnissen in Südamerika. Irgendwo hatte man ihnen auf einem bewachten Parkplatz ihr Auto geklaut, so dass sie plötzlich ohne alles dastanden: sie hatten keine Klamotten, keine Toilettensachen, keine Unterlagen mehr - alles war weg. Jean-Michel wollte schon aufgeben und die Heimreise antreten, aber für seine Frau Eliane kam das überhaupt nicht in Frage. Und wie durch ein Wunder tauchte das Auto an der nächsten Grenze wieder auf, zwar völlig leer geräumt, aber fahrtüchtig, und sie konnten ihre Reise fortsetzen. Sie warnen uns vor der anscheinend äußerst korrupten Polizei in Peru, etwas, was wir schon häufiger gehört haben, schwärmen von den Guanacas und Gürteltieren und dem Äquator-Museum in Quito.

Aber bevor wir nach Ecuador kommen, nehmen wir erst einmal die Fähre und setzen nach Topolobambo/Los Mochis aufs mexikanische Festland über. Nachdem uns einige die Fahrt durch den Kupfercanyon ans Herz gelegt hatten, überwinden wir unsere Abneigung gegen tagelange Pistenfahrten und nähern uns dem Nationalpark von Nordwesten. Höher und höher geht es, bis wir nach ein paar Tagen das auf 2300m gelegene Creel erreichen. Eisiger Wind und leichter Schneefall erwarten uns, nachts wird es mal wieder richtig kalt.

Viele der Einheimischen sind erstaunlich leicht gekleidet, dünne Jäckchen und Sandalen müssen reichen. Die Frauen, die dem Volk der Raramuri bzw. Tarahumara angehören, tragen farbenfrohe Tracht, die Männer hingegen sind westlich gekleidet, mit Jeans und Basecap. Erst als wir in die abgelegeneren Gegenden kommen, sehen wir auch Männer mit dem traditonellen Tuch um die Hüfte, vorne kurz, hinten lang - eine Art Lendenschurz in weiß.

In der Tourist-Info hat uns Ivan, ein sehr engagierter Mitarbeiter, die Strecke durch die Berge auf einer kopierten Karte eingezeichnet, die besonders schön sein soll. Er ist zuversichtlich, dass wir mit unserem Auto ohne Probleme durchkommen und den richtigen Weg finden werden.

Für die Nacht in Creel haben wir uns einen Parkplatz ausgesucht, der in einem Wohngebiet liegt. Wir stehen kaum, als ein Mann ans Auto kommt und meine Leute erst auf spanisch, dann auf englisch, zum Essen in sein Haus einlädt. Er meint, seine Frau würde sich ebenfalls sehr freuen, und so nehmen sie die Einladung an. Sie lernen eine amerikanische Familie kennen, die einer christlichen Kirche angehört und mit ihren fünf Kindern seit Jahren in Mittel- und Südamerika für diese unterwegs ist. Albert arbeitet als Lehrer, und seine Frau zieht die Kinderschar groß. Sie sind ausgesprochen interessiert und überraschend aufgeschlossen. Wenn man Judy und die Mädchen in ihren langen, einfachen Kleidern und der weißen Haube sieht, vermutet man nicht, dass sie völlig auf der Höhe der Zeit mit Internet und Computer leben. Die älteren Kinder haben amerikanisches Lehrmaterial, unterrichten sich praktisch selbst und machen den Eindruck, als würde das erstaunlich gut funktionieren.

Am nächsten Tag füllen wir die Vorräte auf, geben ein paar Postkarten ab und können nur hoffen, dass diese ihren Weg nach Alemania auch finden. Die mexikanischen Postämter sehen aus, als sei seit Jahrzehnten keiner mehr da gewesen, und die Briefmarken fürs Ausland werden aus dem letzten Winkel heraus gesucht.

Dann starten wir in die wilde, relativ unerschlossene Bergwelt. Der bekannte Kupfercanyon ist nur eine von vielen Schluchten, bzw. tiefen Tälern, die die Sierra Tarahumara prägen. Schmale Pisten steigen in steilen Serpentinen die Hänge hinauf, schlängeln sich die Kämme entlang und stürzen auf der anderen Seite wieder mehr als 1000m ins nächste Tal. Weit verstreut liegen die Lehmziegelhäuschen mit ihren roten Dächern. Sie bestehen aus zwei winzigen Räumen, und haben erst in jüngster Zeit eine Stromleitung bekommen. Es gibt keine Scheunen oder Ställe, obwohl die Raramuri kleine Felder in den Steillagen bewirtschaften und Tiere halten.

Uns begegnen nur wenige Autos, ab und zu klappert ein alter Pick-Up über die holprigen Wege. Allerdings hält auch hier der Fortschritt in Form einer neuen Straße Einzug, und in einigen Jahren wird man die Orte Batopilas und Urique über eine asphaltierte Trasse erreichen können. Heute muss man die Flüsse noch durchfahren, auch wenn mit dem Brückenbau schon begonnen wurde. In den kleinen Orten, die wegen der reichhaltigen Silbervorkommen bereits von den Spaniern gegründet wurden, bereitet man sich heute auf Touristen vor und hält in bescheidenem Umfang Restaurants und Hotels bereit. Als wir durch die Gassen laufen, werden wir dennoch bestaunt wie bunte Hunde. Aber die Leute winken und grüßen wie die Weltmeister und helfen gerne weiter, wenn wir nicht mehr sicher sind, wo es lang geht. Das GPS kennt nur noch die Luftlinie und ohne Ivans Karte wären wir vermutlich immer noch in einem der zahllosen Canyons unterwegs.

Auf dem letzten Abschnitt gibt es noch einmal ordentlich Staub zu schlucken, den die Laster, die zu den heutigen Minen unterwegs sind, aufwirbeln. Nach vier Tagen erreichen wir in Choix die Straße; froh, wieder in der Zivilisation und traurig, nicht mehr in den Bergen zu sein. Als wir über den Fluss in die Stadt fahren, sehen wir die praktische Lösung für dreckige Autos: Man stellt sich mit seinem Fahrzeug in den Fluss und wäscht seinen Liebling!

Als alle wieder sauber sind, bewegen wir uns langsam zur Küste, schauen uns noch El Fuerte an und fahren über Los Mochis nach Mazatlan. In der Küstenebene wird großflächig Landwirtschaft betrieben: Avocados, Kokospalmen, Zitrusfrüchte, Tomaten, Chilis, Weizen und immer wieder Mais. Die abgeernteten Felder werden noch einmal von den Rindern beweidet und Pferde, die hier noch arbeiten müssen, fressen zwischen den Abfallhaufen am Straßenrand das dreckige Grün. In den Bergen war es überraschend sauber, hier ist die Landschaft wie gewohnt zugemüllt.

Wir übernachten an einer der staatlichen Tankstellen PEMEX, die zahlreich im ganzen Land verteilt und immer sehr modern ausgestattet sind. Manche werden nur von Frauen betrieben, fast alle haben Grünanlagen, Versorgung mit sicherem Wasser und benutzbare Toiletten.

Ab San Blas fahren wir ganz offiziell auf der Panamericana durch die schwüle Hitze. Wenn wir gegen Mittag nach einem schattigen Platz Ausschau halten und diesen dann unter einem großen Baum gefunden haben, so fällt es uns schwer, ihn später wieder zu verlassen. Als wir in Aticama eine Wiese unter Palmen am Meer und das Schild `acampar´ sehen, ist klar, dass wir bleiben. Auch wenn die Familie, die hier ein Strandrestaurant betreibt, zu den eher unsympathischen Vertretern gehört, genießen wir den Platz.

Ein paar Tage später folgen wir einem Tip unserer französischen Freunde und kommen kurz vor Puerto Vallarta mal wieder nach San Francisco. Dieses ist deutlich kleiner als das letzte, das wir besucht haben, aber ebenfalls in amerikanischer Hand. Das Örtchen ist aufgehübscht, und auf der Plaza finden zu einer Höllenmusik Aerobic-Kurse statt. Kein Fitzelchen Müll liegt herum - im Gegenteil - der wird hier sogar getrennt gesammelt. Der Strand ist ein Traum, aber leider kann man nur am Zocalo stehen und unter den Augen vieler Neugieriger seinen Tag verbringen. Danach ist die Küste zugebaut, und auf einer Autobahn rauschen wir zum Walmart im Außenbezirk von Puerto Vallarta, kaufen günstig Hundefutter und Wein, und biegen dann ab, zurück in die Kühle der Berge.

Wir fahren Richtung Guadelajara und sind schon bald wieder auf 1500m. Obwohl verrostende Schilder ein `circuito turistico´ versprechen, sind wir die einzigen Fremden in der Kleinstadt Mascota - und werden wieder freundlich gegrüßt.

( Kommt man in touristisch erschlossene Gegenden, so sind selbst die, die ihren Lebensunterhalt mit den Gästen verdienen, nicht immer angenehm im Umgang. Automatisch werden alle `Weißen´ als Gringos, also Nordamerikaner, wahrgenommen, mit denen die Mexikaner eine Art Hassliebe verbindet. )

Ein Ausflug bringt uns in das Dorf Galope und dann zu einem öffentlich zugänglichen Resort. Es liegt an einem kleinen See und hat eine ungewöhnliche Gartenanlage. Neben Buddha-Statuen stehen Kitschfiguren, die lesende Kinder zeigen, in den Rasenflächen. Das erstaunlichste aber ist eine eigens gebaute Ruine, die eigentlich nur aus riesigen Kaminen besteht - ein sehr spezielles Ensemble. Über Ameca und Cocula geht es nun wieder nach Süden, nach Tapalpa.

Tapalpa ist eines der sogenannten `magischen Dörfer´. Das ist eine Bezeichnung, die einer Idee der Regierung zur Entwicklung des ländlichen Tourismus entspringt. Es ist ein Bergdorf, dessen Häuser allesamt weiß getüncht sind und einem dunkelroten Sockel haben, die übliche Werbung auf den Hauswänden fehlt. Um den Ort machen sich Ferienhäuser breit, die im Sommer vielleicht auch genutzt werden. Ein Fläschchen Eierlikör mit Pistazien wird in einem der zahlreichen Touristenläden noch erstanden, dann verlassen wir Tapalpa wieder und fahren zurück zur Bergkante.

La Cefa, ein Platz für Drachenflieger und Paraglider, bietet neben einer unglaublichen Aussicht und schönen Cabanas auch Camping an - gringos welcome. Wir bleiben zwei Nächte bei den netten Leuten und einer noch netteren Hundedame, essen das erste Mal seit Monaten leckere Pizza und schauen in die Tiefe. Auch unser nächstes Ziel taucht schon am Horizont auf, der Nevado de Colima, ein mit einer leichten Schneekappe bedeckter, erloschener Vulkan.

Zwei südeuropäisch anmutende, aufgeräumte Städte weiter - Sayula und Cd. Guzman - erreichen wir am Abend den Berg. Wir wollen auf dem Weg nach oben übernachten und finden schließlich auf 2600m einen Platz im Wald. Endlich mal wieder richtiger Wald mit Laubbäumen, auch wenn selbst die Hobby-Botanikerin keinen blassen Schimmer mehr hat, um welche es sich handelt. In der Nacht werden die Zweibeiner von Kopfschmerzen geplagt, obwohl die Höhe eigentlich noch kein Problem sein sollte. Bis zum Morgen jedoch geht es allen wieder gut, und wir fahren weiter bis auf fast 4000m. Noch ein Stück zu Fuß, dann erreichen wir das Observatorium, von dem aus die Aktivitäten des benachbarten, aktiven Volcano de Colima gemessen werden. Es ist ein Vulkan wie man ihn sich wünscht. Er pufft vor sich hin ohne Schaden anzurichten und hat die perfekte Form eines Kegels. Am nächsten Tag umkreisen wir den Berg und sehen ihn uns den ganzen Tag von seiner Südseite an.

Um ein Haar hätte ich das nicht mehr erlebt. Als wir am Morgen einen Spaziergang durch den Ort machen, in dem wir übernachtet haben, stürzt aus dem Nichts eine Kampfmaschine den Hang hinunter, um mich zu fressen. Gott sei Dank sehen meine Leute die Bestie rechtzeitig. Bevor der Höllenhund mich zerfleischen kann, hat der Chef ihn gepackt und die 30 Kilo Lebendgewicht weg gezerrt. Das Monster reißt sich los, wird zum Glück noch einmal gefasst und gibt schließlich auf. Was für ein Auftakt zum Geburtstag! Den Rest des Tages beglückwünschen wir uns gegenseitig, dass ich, der Reiseleiter, das unverletzt überstanden habe!

Inzwischen habe ich mich von dem Schreck erholt und verbringe den Tag im Schatten der Palmen. Wir sind wieder am Meer, es ist immer noch warm, aber ein kräftiger Wind nimmt der Hitze die Spitze.

Hasta luego!

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