Charly´s weite Reise

September 2012

Hi guys, wie wird es wohl in den berühmten Vereinigten Staaten von Amerika sein, wie wird sich das Reisen im Land der Freiheit gestalten?

Mitte September, steht uns die Einreise in die USA bevor. In White Rock stehen wir an der Grenze, deren Parkanlage eher einem Golfplatz ähnelt. Wir werden als Europäer mit Fahrzeug natürlich auf die Seite gewunken, und ich muss in einen Zwinger gesperrt werden - unglaublich. Um nicht die gesamte Aktion zu gefährden, lasse ich auch das über mich ergehen, aber an mein Gebell werden sie noch lange denken. Am Ende waren sie froh, dass mich meine Leute wieder mitgenommen haben. Außer unseren Paprika, dem Reis und etwas Knoblauch wollten sie nichts behalten. Mein Futter konnte die Grenze problemlos passieren, und auch für meine Impfpapiere hat sich keiner interessiert. So hatten wir die Hürde nach anderthalb Stunden mit Bravour genommen, und von den recht rüden Grenzern unser 90-Tage-Visum in der Tasche. Man soll, hat man mir gesagt, mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein. Deshalb nur soviel: Die Umgangsformen der Kanadier haben wir in bester Erinnerung, an denen einiger US-Offizieller könnte vielleicht noch etwas gefeilt werden.

Insgesamt sind die Menschen, denen wir begegnen, ausgesprochen offen, interessiert und freundlich. In den USA scheinen wir mehr skurrile Leute zu treffen. So haben wir einen Schriftsteller kennengelernt, der die Geschichte seines Vaters veröffentlichen will. Dieser war der berühmte, aber nie gefasste Flugzeugentführer, der mit der erpressten Beute über dem Columbia River mit dem Fallschirm abgesprungen ist. Oder der junge Mann, der mit einem Gipsfuß und zwei Krücken unter dem Arm am Ufer des Columbia River auftaucht. Er hat ein Gesicht wie Kurt Cobain und wirkt wie ein verdurstender Cowboy aus einem Italo Western. Aber er will nur sein Pfeifchen rauchen und fragt höflich, ob uns das auch nicht störe. Dann meint er, dass die Army als nächstes, wenn sie in Afghanistan fertig sei, wohl nach Mexiko gehen werde, um dort mit den Drogenkartellen aufzuräumen. Während er spricht, sammelt er kleine Steinchen vom Strand und erklärt uns, dass dies Artefakte von den Indianern seien.

Aber zurück zu unserer Route. Sie führt uns an der Küste entlang bis Coupeville, einem kleinen Ort, und wir setzen mit der Fähre nach Port Townsend über. Unser Ziel ist der Olympic National Park, der drei Hauptattraktionen zu bieten hat. Zum einen eine Fahrt auf die Hurricane Ridge, die einen wunderbaren Blick auf den Gletscher Mount Olympia und seine Kollegen eröffnet. Zum anderen einen Besuch an den Stränden im Westen. Wir waren schon an vielen Küsten, aber das hier ist die wildeste, die wir je gesehen haben. Seit ein paar Tagen bildet sich auf dem Meer Nebel und verleiht dem Steinstrand mit seinen riesigen Treibholzstämmen und Totholzbäumen ein gespenstisches Aussehen. Ein großer Robbenkadaver rundet das Ganze ab. Zum dritten führt die hohe Feuchtigkeit dazu, dass einige Kilometer landeinwärts Regenwald zu bestaunen ist. Meine Leute sind so frei und nehmen mich trotz Verbotes auf einen Spaziergang durch diesen grandiosen Wald mit. So große Bäume haben wir in Europa nicht und leider stehen auch im Nordwesten Amerikas nicht mehr allzu viele. Der Holzhunger der Weißen hat ihnen den Garaus gemacht, und nur wenige Meilen entfernt wird weiter munter abgeholzt. Aber hier sind wir im Märchenwald, die Fotografin kapituliert und kauft am Ende eine Postkarte zur Erinnerung.

In Washington lernen wir die Einrichtung der `primitive campgrounds` kennen. Ähnlich wie die ehemaligen Forstcamps in B.C. haben sie keinen Service, sind aber auf US-Staatsgebiet zu finden. Es gibt sie etwa in den Nationalparks oder in Gegenden, die den Indianern zum Jagen und Fischen vorbehalten sind. Ansonsten ist das Land zum größten Teil privat oder gehört dem Bundesstaat bzw. dem County. Um sich hier aufzuhalten benötigt man in Washington einen Pass, der 30$ Jahresgebühr kostet. Ohne ihn darf man auf öffentlichem Grund keinen Strand benutzen, Picknick machen oder spazieren gehen. Allerdings gibt es viele Campgrounds zu moderaten Preisen und oft schön gelegen. Eigenartigerweise sind die `primitive campgrounds` selbst vielen Amerikanern unbekannt. Normalerweise bekommt man immer den `Geheimtipp` Walmart-Parkplatz. Für die Fotografin ist das der Alptraum schlechthin, und bisher haben wir nur einmal auf einem übernachtet - sozusagen gezwungenermaßen. Ein hilfsbereiter Wohnmobilkollege ließ es sich nicht nehmen uns einen ganz großen Gefallen zu tun. Er begleitete uns persönlich zum nächstgelegenen Walmart in etwa 35 Kilometern Entfernung, gewissermaßen am `Frankfurter Kreuz´. Es war die bescheuertste Übernachtung bisher.

Nach dem Regenwald steht uns der Sinn nach Vulkanen. Sie bilden die Cascade Range. die sich in Nord-Süd-Richtung hinter der Küste erhebt. Ihren nördlichsten Vertreter, den Mt. Baker, hatten wir schon in Vancouver zum ersten Mal gesehen. Seine weiße Spitze schwebte über der gesamten Umgebung . Dieser Anblick hatte uns bis Olympia begleitet, bevor er allmählich im Dunst verschwand. Wir fahren nun zum Mt. St. Helens, der im Frühjahr 1980 explodierte und seine Nordseite wegsprengte. Von dieser Seite nähern wir uns und bewundern einmal mehr die Großartigkeit eines Vulkans. Andere mag es ängstigen, aber wir sind fasziniert von der Energie, die jederzeit losbrechen kann, unaufhaltsam. Nach diesem Ausbruch war nichts mehr wie vorher. Die Flüsse waren blockiert und bildeten neue Seen, die irgendwann überliefen und mit einer Schlammlawine zu Tal gingen. Die ultraheißen Gase verbrannten alles in der Umgebung und der Waldbesitzer guckte blöd. Inzwischen hat er viele Dollars in die Hand genommen und alles mit Edeltannen aufgeforstet.

Da die Sicht immer schlechter wird, wenden wir uns dem Columbia River zu und überqueren mit ihm auch die Grenze nach Oregon. An einem langen, weißen Sandstrand verbringen wir eine Weile und schauen den Schiffen zu, die nach Portland wollen. Es sind überwiegend chinesische Frachter; sie scheinen die einzigen zu sein, die emsig weitermachen, so, als wollten sie den ganzen Laden bald übernehmen. Ein Reisebericht hat uns auf die Schlucht des Columbia aufmerksam gemacht, und so wenden wir uns nach Osten und folgen dem Fluss. Er ist nicht so imposant wie wir dachten, aber die `Gorge´ sieht vor allem von oben schön aus. Früher gab es hier Stromschnellen, die den Fluss unpassierbar machten. Aber mehrere Dämme haben ihn gezähmt und eine kleine Brücke, die `Bridge of Gods´, bringt uns noch einmal hinüber nach Washington.

Auf dieser Seite führt eine gemütliche Straße nach Bingen. Windsurfer nutzen den windigen Tag, und wir sehen plötzlich den Mt. Hood, einen weiteren Vulkan im Süden. Eben waren wir noch im herbstlichen Wald unterwegs, als sich auf einmal die Bäume zurückziehen und den Felsen Platz machen. Es wird mit jeder Meile trockener, und am Abend sind wir einmal mehr in einer anderen Welt. Die Sommerkleider sind wieder gefragt, die Sonnenmilch auch. Den nächsten Tag verbringen wir am Ufer des Columbia, ich gehe schwimmen und trocknen und schwimmen und...- der Sommer ist zurück. Man erklärt uns, dass der Dunst, der über dem Land liegt, von Waldbränden stammt. Der haze verdeckt von nun an die Sicht auf die Berge. Später erfahren wir, dass diese Brände erst mit Beginn des Schneefalls ausgehen werden, da man nur die Ortschaften schützen kann.

Ein weiterer Tipp führt uns in Biggs über den Fluss zurück nach Oregon. Es sollen die John Day Tage werden. Erst kommt der John Day Dam, in dessen Nähe wir übernachtet haben, dann weiter südlich die John Day Fossil Beds. Hier findet man Felsen, die von Vulkanausbrüchen stammen, die vor 40 Mio Jahren alles verschütteten. Am nächsten Tag sehen wir die John Day Painted Hills, eine bizarre Landschaft. Wir übernachten am John Day River, fahren durch Dayville - nur wer John Day eigentlich war, wissen wir immer noch nicht.

Ein wirklich cooler Ort auf unserem Weg ist Shaniko. Einstmals eine stolze Stadt mit heute gerade mal 18 Einwohnern. Hier hat man sich die Mühe gemacht, die alten Gebäude und Fahrzeuge aufzubewahren und den wenigen vorbeikommenden Touristen zu zeigen. Ein humorvoller älterer Mann warnt uns vor Klapperschlangen und erzählt uns von seinem Ort. Davon, dass die Jungs hier mit acht, neun Jahren das Schießen lernen, und dass er gerne in dem Nest lebt, weil die mexikanischen Gangs hier keinen Ärger machen.

Uns gefällt die Gegend und so geht es weiter in die High Desert. Wir kommen an einem Fire Lookout vorbei, der hoch oben in 2200m Höhe auf einem Berg liegt. Er wird von einer Frau um die siebzig bewacht. Sie lebt von Anfang Juni bis zum ersten Schnee auf dem Holzturm in einem Raum, der zum Schlafen, Kochen und Ausschauhalten dient. Sie hat eine grandiose Rundumsicht und erzählt uns begeistert von ihrem Job, den sie seit mehr als zwanzig Jahren macht. Von den rund 800 Firelookouts werden die meisten von Frauen bewohnt, die Männer hätten die Geduld nicht, meint sie.

Jetzt sind wir in der Steens Mountain Area, einem Wildtier-Schutzgebiet. Inmitten der Halbwüste sitze ich im Schatten eines Wacholderbaumes auf einem herrlichen Campground. Wir sind im Donner und Blitzen Valley auf 1400m Höhe, haben wolkenlosen, tiefblauen Himmel und 30 Grad im Schatten. Ein Flüsschen lädt direkt nebenan zum Baden ein, ich kaue zwischendurch auf einem alten Knochen herum und halte Ausschau nach den Rehen, die hier morgens und abends vorbeikommen. Morgen werden wir uns die Gegend genauer betrachten - aber davon beim nächsten Mal.

Have a good time, see you!

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