Charly´s weite Reise
Hello my friends,
einen großen Bogen haben wir im letzten Monat geschlagen. Kurz bevor wir Nevada verlassen, hat der Bordmechaniker noch die Wasserleitungen unseres Autos isoliert und es so für das Colorado-Plateau vorbereitet. Immerhin sind wir die nächste Zeit auf etwa 2000m Höhe unterwegs und fast ein bisschen spät im Jahr zu Besuch bei den weltberühmten Canyons.
In St. George kommen wir nach Utah, dem Staat der Mormonen. In der Stadt gibt es einige große Sandsteingebäude, wie sie auch am Main stehen könnten, und unübersehbar leuchtet eine weiße Kirche beeindruckenden Ausmaßes, der Tempel der Mormonen. Man ist hier sehr religiös und legt Wert darauf, dass die Sonntagsruhe eingehalten und nicht zuviel getrunken wird. Die Fotografin muss ihren Wein wieder im staatlichen Laden zum doppelten Preis kaufen, Bier wird weniger streng gesehen. Insgesamt achtet man deutlich mehr auf sein Haus als im restlichen Westen, vielleicht haben die Menschen auch mehr Geld als in den anderen Staaten.
Das erste Ziel unserer großen Nationalparkrunde ist der Zion-Park. Hauptattraktion ist eine Fahrt in den Canyon, die jedoch nur mit Shuttle zu machen ist. Aus Rücksicht auf mich verzichten meine Leute darauf und begnügen sich mit einer Spazierfahrt durch den Park. Es gibt viel hellen Sandstein zu sehen und Schilder weisen auf versteinerte Sanddünen hin, die vor Urzeiten hier angeweht wurden. Das ganze Gebiet des Colorado-Plateaus, das sich aus etlichen kleineren Plateaus zusammensetzt, wurde in Abständen von zig Millionen Jahren immer wieder von Meeren und großen Seen überschwemmt. Als diese sich dann zurückzogen, lagerten sie verschiedene Arten von Sediment ab, die unter Druck versteinerten. Schließlich wurde das Plateau durch Bewegungen der Erdplatten angehoben und der Erosion ausgesetzt. Herausgekommen sind ausgesprochen abwechslungsreiche, wunderschöne Sandsteinlandschaften.
Wie man uns erzählt hatte, gibt es in Utah viele Übernachtungsmöglichkeiten im National Forest oder BLM ( Bureau of Land Managment )-Land. Diese Gebiete sind öffentlich und erlauben das freie Campen an geeigneter Stelle. Also suchen wir uns einen Platz mit Feuerstelle und übernachten dort völlig unbehelligt, oft in direkter Nachbarschaft zu einem der Nationalparks.
Auf dem Weg zum Bryce Canyon kommen wir durch den Red Canyon und sind schon hier beeindruckt von den roten Felsformationen, die sich beiderseits der Straße auftürmen. Aber der Bryce Canyon haut uns um. Auch ich darf auf dem Weg am oberen Rand des sogenannten Amphitheaters mitlaufen und kann Euch sagen: sagenhaft, so etwas habt Ihr noch nicht gesehen. Man kann gar nicht glauben, dass diese Wunderwelt aus Stein ist! Eher sehen die Gebilde aus wie Tropfsteine, die eine Zauberwelt formen, und alles ist in unwirkliches Licht getaucht. Meine Leute drehen noch eine Runde zu Fuß bis auf den Boden des Canyons, sie können sich kaum sattsehen an dieser Pracht. Ihr merkt, ich komme geradezu ins Schwärmen, wenn ich daran zurückdenke.
Aber auch die nächste Etappe durch das Gebiet der Grand Staircase-Escalante ist gut. Es geht durch farbenfrohe Steinwelten, in denen nicht mehr allzuviel wächst. Nur in den Talsohlen halten die Cottonwoods durch, Bäume, denen wir seit Kanada immer wieder begegnen. Jetzt im Herbst ist ihr Laub leuchtend gelb und bringt zusätzlich Farbe ins Spiel. Gerade als wir eine kurvige Straße hochfahren, sieht der Bordmechaniker ein großes LKW-Wohnmobil im Tal stehen. Neugierig drehen wir und kommen auf einen kleinen Campingplatz, der malerisch an einem Flüsschen liegt. Das Wohnmobil entpuppt sich als deutsches Fahrzeug, aus Mespelbrunn, und die Leute sind ebenfalls auf dem Weg nach Südamerika. Wir bleiben und folgen gegen Abend einem Wanderweg, der zu den Calf-Creek-Falls führt. Unsere Erwartungen an den Wasserfall sind gering - wo soll hier schon viel Wasser herkommen? Aber als wir ihn schließlich erreichen, staunen wir nicht schlecht. Ausgesprochen schön fällt das Wasser vom oberen Rand der Schlucht in einen darunter liegenden kleinen See, der zusätzlich von einem schmalen Sandstrand umrahmt wird.
Auf dem Weg nach Capitol Reef kommen wir durch Boulder. Es ist ein winziger Ort mit einem winzigen Laden, der bis vor wenigen Jahren im Winter praktisch von der Außenwelt abgeschnitten war. Immerhin dauert dieser von Ende November bis in den Mai, und auch im Sommer musste man weite Strecken bis in den nächsten Ort zurücklegen. Hier erfahren wir, dass Obama die Wahl gewonnen hat und freuen uns mit der Ladenbesitzerin. Wir können zum Glück die Straße über die gut 3000m hohen Boulder Mountains nutzen und uns an der Fernsicht erfreuen.
Capitol Reef ist für uns ein Park zum Durchfahren, der einige Haltepunkte zum Staunen hat. Das eigentlich Besondere, den Waterpocket Fault, eine lange Verwerfung in der Erdoberfläche, kann man gut leider nur aus der Luft sehen. Wir verlassen den Park Richtung Caineville und sind verblüfft, wie sich die Landschaft erneut völlig verändert und an den Mond erinnert. Nach wenigen Meilen halten wir und übernachten in der Nähe des Factory Butte - hier wächst praktisch nichts mehr. Falls es einmal regnen sollte, wird sich die ganze Gegend in Schlamm verwandeln und unpassierbar sein. Ich hätte diesen Platz nicht ausgesucht. Kein Strauch, kein Halm, nichts zum Markieren - ich bin froh, als wir wieder weg sind.
Der Wetterbericht hat für die nächsten Tage einen Temperatursturz angekündigt. Um nicht auf allzu großer Höhe übernachten zu müssen, fahren wir nach Moab, einer Kleinstadt. Sie liegt auf etwa 1200m und bietet sich als Ausgangspunkt für Besuche des Arches NP und Canyonland NP an. Es gibt Geschäfte, Waschsalons und Kneipen, eine angenehme Atmosphäre und viele Übernachtungsmöglichkeiten. Beliebt ist der Ort auch bei Mountain-Bikern und Kletterern, die anspruchsvolles Gelände lieben. Der Colorado River fließt vorbei, und an seinem Ufer bleiben wir ein paar Tage.
Der Arches NP enttäuscht uns verwöhnte Touristen ein wenig. Von den berühmten Steinbögen, die auf vielen Fotos zu sehen sind, bekommt man nur wenige zu Gesicht, wenn man nicht wandert. Da in den Nationalparks Hunde auf allen Wanderwegen verboten sind, fällt diese Möglichkeit für uns aus. Im Canyonland NP ist es einfacher. Dieser ist auf typisch amerikanische Art so angelegt, dass sich alle guten Aussichtspunkte bequem mit dem Auto erreichen lassen und nur kurze Wege zu Fuß zurückzulegen sind. Als wir hier unterwegs sind, zeigt sich, dass der Wetterbericht Recht behält. Es wird immer kälter, Wolken ziehen auf und schließlich schneit es. In Moab fällt gerade noch Regen, aber ungemütlich wird es auch hier.
Man denkt eigentlich, dass sich soweit im Süden gar kein richtiger Winter mehr einstellen kann. Ist man oben auf dem Plateau, so ist alles flach und man vergisst leicht die Höhe von etwa 2500m. Berge, wie die La Sal Mts. östlich von Moab, erscheinen nicht sonderlich hoch, erreichen aber über 4000m. Befindet man sich am Boden eines Canyons, so bewegt man sich auf etwa 1200m und denkt, man wäre in der Wüste. Für jemanden, der wie ich aus einem deutschen Mittelgebirge kommt, ist das alles recht ungewöhnlich.
Um der angekündigten kältesten Nacht die Spitze zu nehmen, fahren wir am Veterans Day in den Süden nach Bluff. Ausgerechnet jetzt, wo kaum noch jemand unterwegs ist, hat man zu Ehren der vielen Veteranen den Eintritt in alle Parks frei gegeben. Auch uns nützt das nichts, da wir schon länger einen Jahrespass haben und die Campinggebühren weiterhin zu zahlen sind. Leider geht unser Plan nicht auf. Es wird richtig kalt, das Thermometer fällt auf -14°C und die Heizung brummt. Aber die Wasserleitung des Autos bleibt frei, und als am nächsten Tag die Sonne wieder wärmt, ist alles halb so wild gewesen.
Auf dem Weg nach Page zum Lake Powell, einem der vielen Stauseen, die es entlang des Colorado gibt, kommen wir in das größte Indianergebiet, durch das wir bisher gefahren sind. Die Navajo Lands reichen weit nach Arizona hinein, und auch die Apachen und Hopi bewohnen relativ große Gebiete dieses südlichen Staates. Das Monument Valley liegt hier und spielt immer noch das Lied vom Tod. Eigentlich sind es nur wenige Felsen, die als Filmkulissen geeignet sind, aber riesige Werbetafeln versuchen die Durchfahrenden zum Halten zu bewegen. Auch hier geht es nicht ohne Eintritt, noch nicht einmal ins Besucherzentrum. Die ersten Schmuckstände tauchen auf und werden uns die nächsten Tage begleiten. Das ganze Volk scheint Silber- und Türkisschmuck herzustellen, jeder ein Künstler zu sein. Die Stände allerdings sind wenig einladend, und die Armut in den Siedlungen ist offensichtlich. Page ist die erste Stadt, in der wir Indianer auch im Supermarkt oder der Bücherei sehen. Sie betreiben Geschäfte, wohnen hier und leben mit der weißen Bevölkerung zusammen.
Allmählich nähern wir uns dem Superlativ aller Parks, dem Grand Canyon. Am offiziellen Beginn der Schlucht, in Lees Ferry, gibt es außer einem kleinen Campingplatz und einem Klohäuschen nichts. Aber im Sommer starten von hier aus sämtliche Bootstouren, die Jahre im Voraus gebucht werden müssen. Ohne Erlaubnis geht hier gar nichts, egal ob privat oder kommerziell, ob Kanu oder Motorschlauchboot.
Wir wollen den Grand Canyon vom Nordrand aus bestaunen und fahren viele Kilometer auf dem Plateau durch Wald. Es liegt etwas Schnee, ein kleiner Spaziergang macht Laune, und schließlich sind wir an der Abbruchkante. Außer uns ist kaum jemand da, alle Einrichtungen wie Visitor Center oder Lodge sind geschlossen, und so komme ich mal wieder mit um in den Canyon zu schauen. Weit weg kann man den Südrand des etwa 30km breiten Schluchtensystems sehen. Es liegt etwas Dunst in dem gigantischen Loch, dessen Boden kaum zu erkennen ist. Die Fotografin hat schlechte Karten - man müsste über den Canyon fliegen, um das Ausmaß zu erfassen. Schwer beeindruckt warte ich im Auto, während meine beiden Begleiter sich noch einmal auf den Weg zum Bright Angel Point machen. Auf einem schmalen Grat ist ein sehr schöner Weg angelegt, der einen geradewegs in die Tiefe blicken lässt - nichts für Leute mit Höhenangst!
Mit ein wenig Wehmut verlassen wir das Plateau und seine großartigen Felsen. Aber der Winter naht, und wir wollen wieder ins Warme. So wenden wir uns nach Süden und kommen über Flagstaff nach Sedona. Völlig überraschend für uns sind die Red Rocks noch einmal da und haben aus dem Trading Post einen Touristenort werden lassen. Jede Menge Wanderwege wurden angelegt, und so spazieren wir ausgiebig herum. Die Gegend verfügt über genügend Wasser um viele verschiedene Pflanzen gedeihen zu lassen. So sehen wir wie in einem botanischen Garten von Kakteen über die typischen Halbwüstenpflanzen bis zu Bäumen mal wieder viel Grün. Aber eine Besonderheit der ganz anderen Art hat Sedona auch noch zu bieten: Vortex. Was das ist? Laut einem Prospekt energetische Wirbel, die sich an mehreren Stellen Sedonas spüren und nutzen lassen. Meine Leute sind skeptisch, aber ich tanke ordentlich auf, bringe Yin und Yang ins Gleichgewicht und fühle mich bestens gerüstet, als wir nach wenigen Tagen weiterfahren.
In Prescott bekommt unser gutes Auto neue Reifen, und dann geht es Richtung Westen immer tiefer hinab in die Wüste Arizonas. Die ersten Saguara-Kakteen, Wahrzeichen Arizonas, tauchen auf. Als wir zwischen bis zu 8m hohen Exemplaren übernachten, bin ich nicht so begeistert wie die Zweibeiner, die immerhin Schuhe anhaben. Ich dagegen trete seit einiger Zeit immer mal wieder in so stachelige Teile, die mir das Leben schwer machen. Ein Abstecher zum Alamo Lake steht noch an, dann geht es wieder an den Colorado, nach Parker. Ein Campingplatz reiht sich an den anderen und die Gebühren steigen rasant. Also fahren wir weiter bis Bullhead City und finden kurz danach am Lake Mohave ein schönes, freies Plätzchen in BLM-Land, schon auf der anderen Seite, im Spielerstaat Nevada. An jedem Grenzübergang scheint man ein paar Kasinos hingestellt zu haben, und lohnen wird es sich auch.
In der gleichen Ecke beginnt auch Californien, das ich mit gemischten Gefühlen betrete. Aber solange meine Leute im Hinterland bleiben, werde ich hoffentlich Ruhe vor aufdringlichen Rangern haben. Vorläufig bleiben wir in der Mojave-Wüste und fahren von Needles bis Amboy auf der historischen Route 66. Da heute eine Interstate die bessere Verbindung nach Los Angeles bietet, haben die wenigen Läden entlang der Route aufgegeben. Nur Nostalgiker legen neben der Straße ihre Namen und Botschaften mit Steinen in den Sand, kilometerweit. Auch Amboy hat bis auf eine Tankstelle mit Motel dicht gemacht, und das Einzige, was noch läuft ist Chloridgewinnung am ausgetrockneten Bristol Lake. Auf dem Weg nach Twentynine Palms kommen wir durch Wondervalley. Hier ist der Traum vom american way definitiv am Ende. Es ist schon so, dass die Leute in den USA deutlich ärmer sind, als wir uns vorgestellt hatten. Wir haben einige Menschen getroffen, die schon in Europa waren und die Lage in ihrer Heimat kritisch betrachten. Es waren sogar welche dabei, die sich bei Europabesuchen als Kanadier ausgeben, weil ihnen ihr Land peinlich ist. Aber dass etliche Amerikaner glauben, ihrem Land und seinen Leuten gehe es gut, ist erstaunlich. Ist es Ignoranz, das Fernsehen oder reiner Durchhaltewille? Wir wissen es nicht, wir wundern uns bloß.
Der letzte Park auf dem Weg nach Mexiko ist der Joshua Tree NP. Die Yuccas, nach denen er benannt wurde, heißen so, seit die Mormonen in ihnen den Baum Joshuas sahen. Sie zeigten ihnen den Weg ins Gelobte Land, heute Utah. Im Park treffen die Mojave- und die Colorado-Wüste aufeinander, und von einem Aussichtspunkt blickt man in den San-Andreas-Graben. Er ist die Linie, an der die pazifische gegen die nordamerikanische Erdplatte stößt. Am nächsten Tag fahren wir dorthin und befinden uns jetzt ungefähr 50m unter Meeresspiegel.
Inzwischen stehen wir kurz hinter Mecca an der Salton Sea, einem großen Salzsee. Er entstand vor gut hundert Jahren, als ein Damm des Colorado brach. Für einige Jahrzehnte entwickelte sich Tourismus und neue Orte entstanden. Inzwischen aber haben die mit Düngemitteln belasteten Abwässer der umliegenden Landwirtschaft und eine zunehmende Austrocknung des Sees alle Bemühungen in diese Richtung zunichte gemacht. Der See hat einen höheren Salzgehalt als Meerwasser und die Überdüngung lässt die Algen blühen. Folge: Erst vergangenen September kippte der See, es stank bestialisch nach faulen Eiern, und die Fische starben. Ihre Kadaver liegen jetzt noch zu tausenden am Strand, gesalzen und vertrocknet. Gesellschaft leisten uns einige Kanadier und die verbliebenen Vögel. Große Kolonien weißer Pelikane lungern am Ufer herum. Es ist so warm wie in Deutschland im Sommer, Wetter für kurze Hosen. Ich wollte hier nicht im Juli sein, dann ist es garantiert brutal heiß. Die Orte in der Umgebung könnten bereits in Mexiko liegen. Es gibt Tortillas, man spricht spanisch und arbeitet auf bewässerten Zitrus- und Dattelplantagen, die allerdings den weißen Amerikanern gehören. Den State Park, in dem wir sind, haben die Kalifornier schon aufgegeben - keine Verbotsschilder und Ranger mehr weit und breit. In einigen Tagen werden wir die offizielle Grenze passieren und sehen, was uns dort erwartet.
Hasta luego, amigos!
© Die Reiseleitung 2012