Charly´s weite Reise

September 2012

Hi dears, melde mich zurück um Euch zu erzählen, ob es in British Columbia wirklich so schön ist, wie alle Welt behauptet..

Als wir von Jasper aus am höchsten Berg der kanadischen Rockies, dem Mount Robson, vorbeikommen, hat der Himmel ein Einsehen und gibt den Blick für kurze Zeit auf den Schnee bedeckten Koloss frei. Danach schieben sich wieder Wolken vor die Giganten, und wir setzen unsere Fahrt durch dünn besiedeltes Gebiet Richtung Clearwater fort

Von einem älteren Ehepaar, das seit Jahren Langzeitreisen unternimmt, hatten wir in Jasper den Tip mit den freien Übernachtungsplätzen bekommen. Freies Übernachten bedeutet ja nicht nur kostenloses, sondern im eigentlichen Sinne freies Stehen. Also ohne eine lange Liste von Vorschriften, die vor allem meine Person betreffen: Hunde immer und überall an der Leine zu halten, niemals ohne Aufsicht zu lassen und manchmal sogar im Fahrzeug in einer Box einzusperren. Meine Leute sind ja nicht blöde und passen mehr auf mich auf, als ich es von zuhause gewohnt bin. In B.C. hatte die staatliche Forstverwaltung vor Jahren etliche Campgrounds angelegt, die heute keinen Service wie Müllentsorgung oder die Bereitstellung von Toilettenpapier mehr haben. Hier kann man sich unbehelligt und kostenlos aufhalten, wenn man sie denn findet. Sie sind in den Backroad-Maps eingezeichnet und über Pisten zu erreichen. Selbst in abgelegenen Gegenden gibt es immer Camper, die diese empfehlenswerten Plätze nutzen.

Bis kurz vor Lillooet geht es mal wieder durch Wald. Es ist Wirtschaftswald, der auf großen Flächen vom Borkenkäfer befallen ist. Je nach Stadium der Schädigung sieht er dann rot oder grau aus, man nennt es `red attack´ bzw. `grey attack´. Genau wie in Deutschland hat einseitige Bepflanzung und Kahlschlag zu dieser Situation geführt. Wenn alle Bergkiefern gleich alt sind, so um die achtzig Jahre, dann freuen sich der Pine-Beetle und seine vielen Kinder! Ein übriges tun heiße trockene Sommer wie dieser, der uns das Reisen so angenehm macht.

Aber als wir an den Fraser River kommen, ändert sich plötzlich die Landschaft. Ein wüstenartiger Canyon liegt unter uns. Auf halber Höhe befinden sich bewässerte Terassen mit Weiden, die eigentümlich künstlich in ihrem satten Grün wirken. Durch diese Schlucht zogen vor gut hundert Jahren die Goldsucher nach Norden, wir folgen ihr in entgegengesetzter Richtung. Zwischen Lillooet und Whistler liegen sozusagen die Alpen, eine herrliche Landschaft. An einem gut besuchten Wanderparkplatz halten auch wir und folgen dem steilen Weg über Felsblöcke und ausgewaschenes Wurzelwerk. Es ist ganz schön anstrengend, und einmal rutsche ich so zwischen die Steine, dass ich befreit werden muss. Aber die Mühe lohnt sich. Insgesamt drei türkisfarbene Seen, die Joffre Lakes, liegen auf unterschiedlicher Höhe am Hang des Gletschers, an dessen Eiszunge der Weg endet. Als wir wieder am Auto sind, bin ich schlagkaputt. Doch als ich dort von einem echten Bergsteiger höre, dass er zwei Tage unterwegs war um den Gletscher zu erklimmen und dabei einen white-out, einen Schneesturm, erlebt hat, geht es mir schon besser.

Bis Whistler ist es angenehm ruhig. Hier wurden 2010 die olympischen Winterspiele ausgetragen und man hat entsprechend investiert. Das Ergebnis ist eine künstliche Stadt mit shoppingmalls, alles sehr sauber und ohne Charakter. Es ist ein Ort, um im Winter Geld zu verdienen. Jetzt im Sommer sind hier downhill-biker am Start. Sie werden mit dem Lift nach oben gezogen, um sich dann mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die staubigen Hänge wieder hinunter zu stürzen. Unter den verschiedenen Arm- und Beinprotektoren sieht man gelegentlich Verbände aufblitzen, die in einer der vielen Kliniken angelegt wurden.

Von Whistler nach Vancouver ist die Straße vierspurig ausgebaut, und es herrscht ein enormer Verkehr. Unser Bordmechaniker wird vor lauter Verwirrung kurzfristig zum Geisterfahrer. Erst als uns das dritte entgegenkommende Fahrzeug mit Lichthupe grüßt, werden meine Leute stutzig und kapieren, dass dies nicht mehr Ausdruck kanadischer Freundlichkeit ist. Bei Squamish finden wir einen der schönen freien Plätze, auf denen man sich von Strapazen aller Art erholen kann.

Als wir uns wieder fit fühlen, geht es an die Besteigung des Stawamus Chief. Das ist einer der besten Kletterfelsen Kanadas und bei jungen Kletterern sehr beliebt. Wir wundern uns, dass viele von ihnen eine Art Bett auf dem Rücken durch die Gegend tragen. Schließlich traut sich die Fotografin zu fragen und erfährt, dass es ein sogenanntes crash-pad ist, das die Stürze mildern soll. Wir jedenfalls sind zu Fuß unterwegs, was hart genug ist. Erst muss man Stufen hinauf, die für Riesen gemacht sind, später über eine Felsenleiter klettern und an einem Seil entlang hangeln. Ich muss einen Brustgurt tragen, damit man mich festhalten kann. Dieser Weg ist von den strengen Rangern ausdrücklich für das leinenlose Wandern mit Hund freigegeben, und wir wissen jetzt, warum. Ist man dann oben, schweißgebadet, so hat man den Pazifik unter und die Gletscher hinter sich.

Wir machen einen Abstecher an die Sunshine-Coast, die sich zwischen Gibsons Landing und Powell River erstreckt. Um dorthin zu gelangen, muss man von Horseshoe aus die Fähre benutzen und hat so eine wunderschöne Überfahrt durch den von Bergen umgebenen Howe Sound. Hier sehen wir zum ersten Mal Strände, die voller Treibholz liegen. Fast gelingt es uns, den Strand auf den bleichen Stämmen entlang zu gehen, ohne den Kies zu betreten. Ein anderes Mal wandern wir durch einen verwunschenen Wald, in dem dicke, alte Tannen stehen, überwachsen von Moos und Flechten. Umgestürzte Baumriesen zerfallen langsam, und Farne leuchten hellgrün im Dämmerlicht. Leider gibt es auch hier nur noch relativ kleine Gebiete, in denen man diesen alten Wald finden kann.

Schließlich geht es nach Vancouver. Ich hatte ja schon erwähnt, dass wir große Städte eher meiden. Aber diese wollen wir sehen, soll sie doch eine der schönsten sein. Und tatsächlich. Vancouver strahlt. Die Stadt besteht aus glänzenden, spiegelnden Glashochhäusern, viele von ihnen sind Wohntürme. Hier zu wohnen und dann von seinem Balkon im zwanzigsten Stock auf die Gletscher und den Pazifik zu blicken ist bestimmt toll - und teuer. Im Nordwesten der Stadt liegt der riesige Stanley-Park, in ihm kann man Tage zubringen und die Skyline Vancouvers aus verschiedenen Perspektiven bewundern. Wir versuchen zu Fuß die historische Chinatown zu finden, vergebens. Als wir später die Stadt Richtung Süden durchqueren, kommen wir allerdings durch die moderne. Über viele, viele Kilometer erstrecken sich die asiatischen Stadtteile, in denen nicht nur Chinesen sondern auch Thais und Vietnamesen ihre Geschäfte haben. Meine Leute gehen einkaufen, nur zum chinesischen Friseur traut sich der Bordmechaniker nicht, er hat Angst vor der Wok-Frisur. Alles in allem: wirklich eine absolut sehenswerte Stadt!

Kurz bevor wir B.C. mit seinen abwechslungsreichen Landschaften verlassen, plaudern wir mit einem Paar aus dem Odenwald, die bis vor zwei Jahren in Mühltal gewohnt haben und jetzt mit ihrer Tochter in Kanada leben. Tja, die Welt ist... .

Für uns geht der Aufenthalt in Kanada zu Ende, ein wenig schade ist es schon. Das Land ist schön, vor allem der Westen hat uns gut gefallen - und die Leute sind ausgesprochen nett, offenherzig und freundlich gewesen.

Aber wer weiß, vielleicht kommen wir ja mal wieder!

So long, macht`s gut!

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