Charly´s weite Reise
Hallo Leute, oder wie man hier sagt: Hi guys!
Also, am Anfang konnte ich es ja kaum glauben, dass wir in Kanada sind. Ich habe in meinem Leben einige Reisen unternommen und bin auch schon geflogen, aber so weit waren wir zusammen noch nicht weg. Außerdem hat man mir diesen Job hier übertragen, die Berichterstattung. Mal sehen, ob ich das auf Dauer machen werde. Das Gute ist, dass endlich mal ich zu Wort komme und meine Sicht der Dinge schildern kann. Allerdings muss ich in meinem Alter auch etwas mehr an mich denken, schließlich bin ich ja quasi retired, wie man hier sagt, also in Rente. Aber man soll ja aktiv bleiben und so ein bisschen stolz bin ich auch.
Als wir Anfang Juli am Frankfurter Flughafen mit meiner riesigen Transportkiste ankamen, war mir klar, dass es dieses Mal weiter weg gehen würde als sonst. Die Vorbereitungen der letzten Zeit waren deutlich umfangreicher gewesen und die Aufregung größer. Das Haus war ausgeräumt und wir von allen Freunden verabschiedet worden.
Jetzt stehen wir am Schalter um einzuchecken. Als der Mensch dort meint, ohne Wasserbehälter an der Tür der Kiste sei kein Weiterkommen möglich, geht das Gerenne durch den halben Flughafen los. An der zuständigen Stelle hat man solch einen Behälter auch nicht mehr. Allerdings gibt man uns Klebeband, um meine Wasserschüssel auf dem Boden der Kiste zu befestigen - das, meint der freundliche Herr, sollte doch reichen. Zurück am Schalter wird also die Schüssel am Boden festgeklebt, womit die inzwischen zuständige Dame auch einverstanden ist. Leider schaltet sich die junge Kollegin vom Nachbarschalter ein, die uns so auf keinen Fall mitfliegen lassen will. Daraufhin gibt uns die Dame eine Rolle mit teuflisch haftendem Klebeband und sagt, wir sollten die Schüssel jetzt irgendwie an der Tür der Kiste festkleben, vor allem schnell, sonst würden wir am Ende den Flug noch verpassen.
So kommen wir im letzten Moment an Bord, ich in den Frachtraum. Besonders schön ist das nicht, aber ich habe Gesellschaft - eine Hundedame, mit der ich mich ein wenig unterhalten kann. Aber Stunde um Stunde vergeht, ohne das etwas passiert. Schließlich starte ich mein gefürchtetes Gekläff, das bis in den Passagierraum zu hören ist. Der Pilot hat ein Einsehen und landet in Halifax. Leider ist der kanadische Zollbeamte ziemlich pingelig und nimmt mir mein gesamtes Futter ab, ich fürchte schon das Schlimmste. Es ist Abend, kein offenes Geschäft in Sicht, wir sind noch nicht mal in der Stadt. Aber auch hier gibt es gute Menschen, und so bekomme ich eine Portion des besten und teuersten Futters geschenkt, das man in Kanada kaufen kann. Die blöde Transportkiste wird gleich am Flughafen verschenkt, die bin ich los.
Wir übernachten in einem Wolkenkratzerhotel im 12. Stock und holen am nächsten Morgen das Auto im Hafen ab. Was für eine Erleichterung, dass das Haus dabei ist. Ich richte mich ein, während der Fahrt werde ich hinten auf der Bank liegen und zum Schlafen nehme ich erst mal die Sitze vorne. Außer meiner Aufgabe als Berichterstatter habe ich ja auch noch für die Bewachung und die Reiseleitung zu sorgen.
Halifax liegt in Nova Scotia und so geht es als erstes nach Cape Breton, eine Insel im Osten, die man über eine Brücke erreicht. Hier gibt es einen Nationalpark, in dem Elche und Bären leben sollen, und vor der Küste kann man im Sommer Wale beobachten. Um es gleich zu sagen: Vor mir haben sie Angst und lassen sich nicht blicken, nicht ein großes Tier haben wir bisher gesehen. Ansonsten ist Nova Scotia schön. Es gibt überall nette Picknick - Plätze, an denen wir essen und manchmal auch übernachten können, man kann im Meer oder in Seen baden und kleine oder größere Wanderungen machen. Wir lassen es ruhig angehen und machen erst mal ein paar Tage Urlaub.
Überraschend ist, welche Aufmerksamkeit wir durch das Auto bekommen. Die einen finden es toll, weil es so ein kleiner Camper ist und wollen es mal von innen sehen, die anderen bewundern den Landcruiser, den man in Kanada anscheinend nicht kaufen kann. Und das in einem Land, in dem jeder zweite mit einem 4x4 Pick - up und einenm riesigen Wohnwagen Urlaub macht.
Für mich interessiert man sich dagegen kaum. Hauptsache man ist als Hund an der Leine, sogar auf den Grundstücken sind viele angebunden. Nun, in Kanada hat man so gut wie keine Zäune, vielleicht ist das ein Grund. Meine Leute sind da gewohnt großzügig und bisher ist es für mich gut gelaufen.
Die Reise geht entlang der St.Lawrence-Bay durch den Osten von New Brunswick, das wir in Campbellton schon wieder verlassen. Jetzt sind wir im französischen Quebec, in der Gaspesie. Hier gehen wir zum ersten Mal auf einen Campingplatz, der typischerweise im Wald liegt, jede Parzelle eine kleine Lichtung. Alles ist sehr einfach. Es gibt an jedem Platz eine Feuerstelle und eine Picknick - Bank, einige der Toiletten sind Plumpsklos. Es ist kaum etwas los, obwohl im Juli und August die Ferien sind. Aber die Erwachsenen haben natürlich nicht so lang Urlaub, deswegen verteilt sich das alles. An Werbung und Touristeninformation mangelt es nicht. Kommt man in einen neuen Bundesstaat, so wird man großzügig mit Material versorgt. Selbst abgelegene Orte unterhalten Büros, in denen der Besucher erwartungsvoll begrüßt und freundlichst beraten wird.
In den Küstenorten der Halbinsel Gaspesie finden diesen Sommer Fotoausstellungen im Freien statt. Fotojournalisten großer kanadischer Zeitungen zeigen hier ihre Bilder zu gesellschaftlichen und politischen Ereignissen der letzten Jahre, meinen Leuten hat das sehr gut gefallen. Was sie auch toll finden, sind die hiesigen Supermärkte mit dem für kanadische Verhältnisse großartigen Angebot. So beginnt eine Zeit des Schlemmens, französische Lebensart macht sich breit. Dafür nehmen sie gerne in Kauf, dass hier auch wirklich nur noch französisch gesprochen wird.
In einer Nacht im Wald an einem See sehen wir das erste Mal Polarlichter. Wüsste man nicht, was es ist, würde man an Überirdisches glauben. Um die Erscheinung besser zu sehen, hat man die Dachluke weit geöffnet. Als sich alle wieder zum Schlafen legen, haben wir Besuch bekommen. Etwa eine Hundertschaft winziger schwarzer Fliegen hat sich zu den gewohnten Schnaken gesellt und raubt meinen Leuten den letzten Nerv. Mit über den Kopf gestülpten Kissenbezügen liegen sie in ihrer Koje und schimpfen. Als es hell wird, sieht man das Ergebnis: Schwellungen und kleine Blutergüsse an den Stellen, an denen die schwarzen Fliegen zugebissen haben.
Wir verlassen die Gaspesie und überqueren den Lorenz -Strom. Die Überfahrt dauert mehr als zwei Stunden. Der gewaltige Fluss ist hier etwa sechzig Kilometer breit, das andere Ufer nicht zu sehen. Überhaupt ist hier alles groß und weit. Man fährt endlos auf schnurgeraden Straßen durch einen unzugänglichen Wald, kommt an hunderten unzugänglichen Seen vorbei, die man häufig nur auf dem GPS -Bildschirm sieht. Um so mehr freut man sich, wenn man plötzlich ein kleines Fleckchen findet, von dem aus man Zugang oder Ausblick hat. Man hält sofort an, nimmt ein Bad oder macht eine längere Pause. Spazierengehen kann man fast gar nicht. Es gibt keine Wege oder sie sind privat. Wenn man einen der seltenen Trails zum Wandern findet, kann man nur hin und zurück laufen, häufig sind sie überwachsen und nicht markiert. Zufällig sind wir jetzt zwei-, dreimal auf den Trans-Canadian-Trail gestoßen, auch er ein Superlativ. Er führt über tausende von Kilometern quer durch Kanada. Ob ihn überhaupt schon mal jemand gelaufen ist?
Ihr denkt vielleicht, warum laufen die nicht einfach im Ort herum. Ganz einfach: das geht nicht. Viele Orte bestehen lediglich aus einer Reihe von Häusern, die sich den Highway entlang ziehen. Größere Ortschaften haben zusätzlich ein Gewerbegebiet, in dem sich Supermärkte, Schnellrestaurants und Baumärkte befinden. Hier liegen auch das Krankenhaus, die Tankstelle und Betriebe.
Flussaufwärts folgen wir dem Lorenz - Strom in die Stadt Quebec. Allmählich gibt es immer mehr Landwirtschaft und die Besiedlung wird dichter. Als wir durch die Altstadt von Quebec laufen, fühlen wir uns nach Rüdesheim in die Drosselgasse versetzt. Internationales Publikum auf den Spuren der guten, alten Zeit. Wir schließen uns dem Treiben eine Weile an, genießen das anhaltend schöne Wetter und essen gutes Eis.
Weiter geht es, an Montreal vorbei nach Ottawa. Es ist alles staubtrocken, die Rasenflächen gelb. So gerne die Kanadier auch ihre großen Rasenflächen mähen, hier gibt es nichts mehr zu tun. Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich gewisse Aufgaben der Reiseleitung übernommen habe. Diese sind extrem wichtig. Ohne meine Anwesenheit würden meine Leute zu viele Fehler machen. So sorge ich seit Jahren dafür, dass die Pausen eingehalten werden. Pause ist nicht gleich Pause. An einem beschissenen Ort kann man keine schöne Pause machen. Ich suche Plätze aus, die gut liegen, an denen man frei herumlaufen kann und die etwas für meine Nase bereithalten. Meine Leute wollen einen schönen Blick und in Kanada eine Picknick - Bank, wenn es heiß ist auch noch einen Badeplatz. Man darf auf keinen Fall zu lange fahren, vor allem nicht auf großen Straßen. Da findet man solche Plätze nicht. Mit der Zeit bekommt man ein Gespür dafür, wo man abbiegen sollte und wird mit Glück sogar mit einem freien Übernachtungsplatz belohnt. Große Städte meide ich auch. Sie sind meistens auch für mich interessant, aber es gibt zu viele Probleme. Da sollen die Menschen lieber eine der sogenannten Städtereisen machen. Ein letzter wichtiger Punkt: spazierengehen. Zwar laufe ich nicht mehr so viel wie früher, aber zu Fuß sieht man mehr und entdeckt die dollsten Sachen. Zum Beispiel einen Ziegenkadaver am Strand. Der ist mir zwar nicht so gut bekommen, aber Krebsschalen und Fischgräten ergänzen meinen Speiseplan.
Inzwischen sind wir in Ontario auf dem Weg zu einer Freundin von Freunden. Sie ist vor vielen Jahren ausgewandert und ich habe sie sofort ins Herz geschlossen. Erst hatte sie etwas Angst wegen ihrer Katze. Also habe ich mich vorbildlich verhalten, überlegt, womit ich ihr eine Freude machen könnte und mich in den Katzenkorb gelegt. Das hat ihr sehr gefallen, da ihre Katze den Korb nicht benutzt (das hatte ich natürlich längst gerochen). Danach hat sie hat mich `good boy´ genannt und mit Katzenfutter versorgt. Wir haben wiederum Freunde von ihr kennengelernt, die Umgebung gezeigt bekommen und eine schöne Zeit mit ihr verbracht.
Jetzt kommt das absolute Highlight, das `must see´. Wir nähern uns langsam aber sicher Toronto, halten uns Richtung Süden, fahren durch Weingebiete und Obstplantagen und sind in und am Niagara. Erst in der Region, dann in einem extrem schönen Städtchen, schließlich am Fluss und endlich an den Fällen. Mich haben meine Leute tatsächlich im Auto gelassen. Es war soviel Trubel, dass sie es mir (wohl eher sich) nicht zumuten wollten. Ich habe die Bilder gesehen - den Menschen gefällt so etwas. Eine tolle Promenade, von der aus man die beiden Wasserfälle bestaunen kann. Jede Menge Souvenirshops, Hotels und ein Kasino. Nach zwei Stunden Fotoshooting sind sie wieder da, und wir fahren erst mal zu einem guten Pausenplatz.
Die letzten Tage waren wir ja am Ontario - See, jetzt geht es weiter zum Huron - See und später dann zum Superior - See. Das sind drei der `Großen Seen´, die wirklich unglaublich riesig sind. Ich dachte erst, wir wären wieder am Meer. Erst als ich beim Baden vorsichtig das Wasser gekostet habe und es immer noch nicht salzig war, konnte ich es glauben. Da stehen Leuchttürme, es wird von Schiffswracks berichtet und es gibt lange Sandstrände. Auch einige der Amish haben wir mit ihren Pferdewagen gesehen. Ihre Bauernhöfe sind leicht zu erkennen: Es gibt kein Auto und keine Maschinen im Hof, es führt keine Strom- oder Telefonleitung zum Haus. Sie machen die Feldarbeit mit Pferden und mit der Hand. Außerdem tragen alle eine Art Tracht.
Je weiter wir nach Norden kommen um so ruhiger wird es wieder. Auf den Manitoulin - Islands leben relativ viele Natives, People of First Nation, wir kennen sie als Indianer. Welche Rolle sie in Kanada spielen? Schwer zu sagen. Unser Eindruck: Kaum eine. Ihre Siedlungen in den Reservaten sind eine ärmliche Kopie der weißen Siedlungen, sie haben Kirchen, christliche Friedhöfe, große Versammlungshäuser, Autos und sind in der Öffentlichkeit nur durch Souvenirläden präsent. Inwieweit sie in der Mehrheitsgesellschaft leben, wissen wir nicht.
© Die Reiseleitung 2012