Charly´s weite Reise

August 2012

So, da bin ich wieder! Erst einmal vielen Dank für die freundlichen Reaktionen auf unsere Seite.

Inzwischen fahren wir auf dem Trans - Kanada - Highway nördlich um den Lake Superior nach Westen. Es gibt keine andere sinnvolle Verbindung mehr, auch keine kleineren Straßen. Also lassen wir die Trucks an uns vorbeidonnern und halten in Orten mit Namen wie Marathon, Schreiber oder Nipigon, den früheren Handelsposten der großen Trading Companies. Diese machten ihre Geschäfte mit Pelzen, die sie von den Indianern bekamen, später mit Gold und anderen Metallen. Sie entwickelten die Eisenbahnverbindung von Ost nach West, die legendäre Trans - Pacific - Railway. Viel später wurde die Straße gebaut und deren letztes Teilstück erst in den 1960iger Jahren fertig gestellt.

Kurz vor Wawa halten wir an einem Wasserfall, der mit mächtigem Getöse vor uns über die Felsen kracht. Wir beschließen hier zu übernachten und überlegen gerade, ob es zum Schlafen zu laut sein könnte, als schlagartig vollkommene Ruhe einkehrt. Wir blicken nach draußen und sehen: nichts, nur Fels. Der Wasserfall ist verschwunden. Am nächsten Morgen, pünktlich um acht, geht das Spektakel wieder los, bereit den Touristen eine Freude zu machen.

In Red Rock werden wir von einem sehr alten Mann angesprochen, der seine Hunde spazieren führt. Er erzählt uns von einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager, in dem in den 1940iger Jahren mehr als tausend deutsche Soldaten inhaftiert waren. Später wurde in dem Gebäudekomplex eine der häufig anzutreffenden Zellulosefabriken eingerichtet. Diese und einige Minen sind weit und breit die einzigen Arbeitsmöglichkeiten. Man kann hier außerordentlich günstig Häuser kaufen, aber um Geld zu verdienen muss man nach Alberta zu den Ölsandfeldern gehen. Also pendeln einige tausende von Kilometern, bleiben für zwei oder drei Wochen fort, und der Rest der Familie bleibt im Wald und angelt.

In Thunder Bay ( welch klangvoller Name für eine so hässliche Stadt ) verlassen wir die Großen Seen auf einer Nebenstrecke, dem Hwy 11. Das ist die Touristenroute, und sie führt uns nach Fort Frances. Während wir Eier mit gebratenemm Bacon essen, einer wirklich leckeren amerikanischen Erfindung - mit deutschem Speck nicht zu vergleichen - fährt endlos im Schneckentempo ein Güterzug in die USA. Er ist doppelstöckig mit Containern beladen und wird von mehreren Loks gezogen und geschoben. Züge dieser Art sieht man immer wieder in Kanada, Personenzüge dagegen keine. Wer ohne eigenes Auto reist benutzt den ebenfalls legendären Greyhound - Bus. Noch ein Schlenker durch den weit verästelten Lake of Woods, und wir verlassen Ontario und sind in der Provinz Manitoba, dem ersten Präriestaat.

Vor den Präriestaaten haben uns alle gewarnt: Reiseführer, Bekannte, Kanadier. Langweilig und `flat like a pancake´ sollen sie sein, außer riesigen Weizenfeldern gäbe es nichts zu sehen. Hier könne man nur so schnell wie möglich durchfahren, am besten auf dem Highway 1. Da wir die Grenze am Abend des 6. August überqueren, biegen wir sofort auf eine Nebenstrecke ab. Der 6. August ist ein Feiertag, das `long august weekend´. Man fährt mit allem was man hat, also Auto mit Wohnwagen, Boot oder Pferdeanhänger, los und belagert sämtliche Park- und Picknickplätze, die sich finden. Auch alle Campingplätze sind voll. Ein einsamer Wanderparkplatz rettet uns schließlich, und ein markierter Wanderweg lässt am nächsten Morgen mein Herz hüpfen. So groß das Land auch ist, als Wanderfreund oder Radfahrer wird man in Kanada bescheiden. Die Radwanderer trifft es besonders hart - ihnen bleibt nur der Highway. Undenkbar, Europa mit dem Rad auf der Autobahn zu durchqueren!

Und dann sind sie da, die weiten Felder. Über Manitoba liegt der Geruch von Raps. Landwirtschaft, soweit das Auge reicht. Man sieht auf einmal wieder etwas, der Blick endet nicht am nächsten Baum, herrlich. Ich bin ja wirklich ein Waldfreund, aber das hier ging mir auf die Nerven. Du hast das schönste Sommerwetter, die Sonne scheint, aber der Kanadier sitzt im Wald im Schatten. Ob in seinem Haus oder auf einem x - beliebigen Campingplatz, bloß keine Sonne. Davon haben wir jetzt reichlich. Ich fühle mich, als wäre ich auf einmal im Süden unterwegs. Auch die Ortschaften haben einen anderen Charakter. Sie sind zwar nach wie vor klein, aber in der Main Street finden sich ein paar Geschäfte und es gibt immer eine Railway Ave und einen großen Getreidespeicher. Bis vor wenigen Jahren wurde von hier aus das Getreide der Umgebung mit der Bahn weiterbefördert. Je größer der Speicher, desto wohlhabender war der Ort. Wir durchqueren Winnipeg und sind beeindruckt. Alles wirkt strukturiert, modern, angenehm. Es gibt große Grünanlagen und selbst die Außenbezirke gefallen uns. Aber für weitere Abstecher haben wir diesmal keine Muße und fahren weiter nach Westen.

Erst an der Grenze zu Sasketchewan werden wir gebremst. An der obligatorischen Tourist - Information drückt uns die resolute Dame nicht nur die gewünschte Straßenkarte sondern noch einige Broschüren in die Hand, weist jeden Ankömmling auf die Zeitumstellung hin:`"Sie haben jetzt eine Stunde gewonnen!" und erinnert meine Leute daran, dass wir keinen Grund zur Eile haben. Also verlassen wir in Whitewood den Highway 1. Whitewood besteht ebenfalls aus drei Häusern, einem Supermarkt und einem Kornspeicher. Außerdem hat es ein winziges Museum und eine Pharmacy, in der man sich mit alkoholischen Getränken versorgen kann. Der Alkoholverkauf ist in Kanada reglementiert und eigentlich nur in eigens dafür vorgesehenen Geschäften erlaubt. Aber in dünn besiedelten Gegenden findet man Lösungen. Genau wie beim Tabak werden enorme Preise verlangt. Dies führt, wen wundert´s, nicht zu geringerem Konsum, sondern füllt die öffentlichen Kassen.

Sasketchewan ist flach, eben, kaum dass man einen Hügel sieht. Überrascht stellen wir anhand des Höhenmessers fest, dass wir stetig an Höhe gewinnen. Man sieht es nicht, man merkt es nicht. Plötzlich kommt am Straßenrand ein Schild: Achtung, Gefällstrecke 10%. Und so fahren wir das erste Mal hinunter in einen Canyon, einen kleinen diesmal, und auf der anderen Seite hinauf. Oben ist alles flach, vom Einschnitt ist nichts mehr zu sehen, die Felder breiten sich wieder aus. Der Qu`Appelle ist der erste Schmelzwasserabfluss der Eiszeit, dem wir begegnen. Auf dem Weg nach Regina, der Hauptstadt Sasketchewans, kommen wir nach Neudorf. Es gibt das Gasthaus Neudorf mit einem Schild, das an den Jägermeisterhirsch der 1950iger Jahre erinnert. Leider ist Ruhetag und auch sonst wirkt alles sehr verschlafen. Allerdings stoßen wir hier zum ersten Mal auf eine Einrichtung, die viele der kleinen Orte haben: einen Wiesenplatz, auf dem man campen kann.

Moose Jaw, eine Stadt westlich von Regina, war angeblich früher ein Umschlagplatz für geschmuggelten Alkohol. Es soll unterirdische Höhlen und Verbindungsstollen geben, in denen man seinen Geschäften nachging und sich bei Bedarf versteckte. Heute verkaufen sich Bier und Wein ganz offiziell im schönsten und größten Liquor Store, den wir gesehen haben, dem ehemaligen Bahnhof.

Wir wollen zum Grassland Nationalpark, der im Südwesten an der Grenze zu den USA liegt. Bereits nach wenigen Kilometern ändert sich die Landschaft. Bisher lagen zwischen den Getreidefeldern und Weiden immer Tümpel oder kleinere Feuchtgebiete, die bei der Bewirtschaftung ausgespart werden oder den Rindern als Wasserstelle dienen. Auch konnte man Waldflächen sehen, ebenso wie Hecken und Bäume. Jetzt ist alles trocken und leer. Kein Baum, kein Strauch. Meilenweit gewelltes Land mit Getreide, dazwischen wie Oasen grüne Flecken, die sich als Baum umstandene Höfe entpuppen. Hält man in einem der Orte, wird man erstaunt gefragt, wie man sich hierhin verirrt hat. Die Leute freuen sich, dass wir uns für die Landschaft, in der sie leben, begeistern. Und uns gefällt es ausgesprochen gut. Man sieht tatsächlich bis zum weit entfernten Horizont. Kommt man in einen Ort, so hat er ein Zentrum und große Bäume schützen vor Wind und Sonne. Je weiter wir nach Süden kommen um so mehr lösen Weiden die Getreidefelder ab. Sie sind riesig, und nur wenige Rinder sind zu sehen. Allmählich können wir uns die Ausmaße der früheren Prärie vorstellen.

Im Nationalpark sehen wir sie dann in ihrer Urform. Wir machen eine kleine Wanderung und fahren in einem weiten Bogen durch die grandiose Landschaft. Aus der Ferne sehen wir Büffel. Man hat 150 Tiere wieder hier angesiedelt, nachdem ihre Vorfahren von den Vorfahren der heutigen Siedler hunderttausendfach in kürzester Zeit abgeschlachtet worden waren. Dies bedeutete nicht nur das Ende der Büffel, sondern auch das Ende der traditionellen Lebensweise der Prärieindianer, die von den Büffeln lebten. Zum Schluss des großen Gemetzels drohten sie zu verhungern und mussten von den eingewanderten Europäern versorgt werden.

Ganz aus der Nähe können wir prairie dogs beobachten, die wir für Erdmännchen halten. Ich würde sie und ihre Bauten gerne näher untersuchen, aber das ist strengstens verboten. Sie dienen als Futter für Koyoten und Marder, und mir bleibt nur der übliche Dosenfraß. Dass wir im Park auch übernachten können, entschädigt ein wenig. Neben uns zeltet ein Paar. Der junge Mann erzählt, dass er Jurist sei und ein wenig deutsch spreche. Auf die Frage, wo er das gelernt habe, sagt er allen Ernstes, er sei Fan von deutschem Hard Rock und zählt mindestens zehn Bands auf, von denen meine Leute noch nie etwas gehört haben.

Die Grenze zur Provinz Alberta überqueren wir im äußersten Süden auf einer Piste im Nirgendwo. Unser Ziel ist Elkwater in den Cypress Hills. Die Cypress Hills sind ein sehr kleines Gebirge, das auf 1400 m ansteigt und als Tanneninsel über die Prärie ragt. Das Gefühl, im Schwarzwald zu sein, überkommt uns und ein kleiner Waldspaziergang bestätigt es: Farne, Himbeeren, Löwenzahn und Pilze. Aber als wir diese Insel verlassen, hat uns die weite, offene Landschaft wieder. Von der Stadt Medicine Hat sind alle begeistert. Die einen vom Charme, die dieser Ort ausstrahlt, und ich von dem schönen Park mit seinem Badebrunnen. Leider macht ein police officer auf seinem Fahrrad dem Treiben ein Ende, als er mit strenger Miene auf das Leinengebot hinweist. Später stellen wir fest, das uns in Alberta nur der Touristenstatus vor einem Strafzettel bewahrt.

Aber noch sind wir in den dünn besiedelten Bad Lands unterwegs, auf dem Weg zum Dinosaur Park. Keine Ahnung, was uns da erwartet. Erst einmal schüttet es für Stunden wie aus Kübeln, und wir sehen fast nichts. Als wir kurz vor Einbruch der Dämmerung endlich auf dem Parkplatz stehen, sind wir sprachlos. Wir schauen in ein riesiges Loch, einen Canyon, der sich unter uns ausbreitet. Am nächsten Morgen hat sich das Wetter beruhigt. Wir fahren in das Loch hinunter und sehen einmal mehr eine erstaunliche Landschaft, diesmal ganz aus Fels. Auch das ist ein Schmelzwasserabfluss der Eiszeit. Übrig geblieben ist ein eher kleiner Fluss, der Red Deer River. Man hat hier Dinosaurierskelette gefunden und das ganze zum Welterbe erklärt.

Soweit es möglich ist folgen wir dem Red Deer Canyon, und genießen den Anblick der erodierten Felswände. Übernachtungsplätze zu finden ist hier kein Problem, nicht umsonst heißt es `Schlechtes Land´. Hier kann man nichts anbauen, keine Weiden einrichten, noch nicht einmal die Cowboys wollten hier durchreiten. Für uns also einfaches Terrain, nur nachts wird es langsam kalt. Meine Leute haben mich zwar eingepackt, aber wenn ich mich nachts drehe und schüttele, dann ist alles umsonst gewesen.

Unser nächstes großes Ziel sind die Rocky Mountains, die hohen Berge und Gletscher. Auf der Höhe der Stadt Red Deer fahren wir westlich nach Rocky Mountain House, einer Katastrophe von Stadt, die ohne diesen Namen wohl schon dicht gemacht hätte. Das eigentliche Rocky Mountain House liegt einige Kilometer weiter und ist ein kleines Fort, über das früher der Pelzhandel abgewickelt wurde. Wir schauen uns pflichtgemäß alles an und brechen dann in die Wildnis auf. Der Wald hat uns wieder. Diesmal wächst er auf dem Vorgebirge und lässt einen ab und zu hinausschauen. Übernachtet wird von jetzt an auch wieder im Wald, alle Campgrounds liegen zwischen hohen, dichten Fichten. Es gibt kein Personal mehr, sondern man registriert und kassiert sich selbst, steckt alles in einem Umschlag in einen Briefkasten. Da Feuerholz im Preis dabei ist, wird auch ordentlich eingeheizt. Was bei uns unvorstellbar ist, lässt sich in Kanada offensichtlich keiner nehmen: im dichtesten Wald Feuer zu machen. Morgens geht es los. Es wird gesägt und gehackt, und es dauert nicht lange bis dichte Rauchschwaden durch den Wald ziehen. An einem dieser Plätze habe ich den ersten Schwarzbären gesehen. Richtig groß war er nicht, aber der Bordmechaniker hat gleich umgedreht - wahrscheinlich hat er die Hosen voll gehabt. Mit den wild - ich sage mal frei - lebenden Tieren ist es wie bei uns: Man sieht sie nur selten. Wann sieht man bei uns ein Wildschwein, obwohl die Wälder und sogar die Städte voll sein sollen? Einen tollen Platz, der nicht im Wald lag, haben wir aber auch noch gefunden, an unserem alten Bekannten, dem Red Deer River. Morgens kamen Leute zum Raften vorbei, es gab was zum Gucken, und insgesamt war alles so, wie meine Leute sich das von Kanada so vorgestellt hatten.

Canmore, endlich schlafen. Heute war ein harter Tag. Kaum war der erste Berg, der Mount Laurie (Iyamnathka) in greifbarer Nähe, schon haben sie nichts besseres zu tun als hoch zu laufen. Natürlich war er steiler und alles hat länger gedauert als gedacht. Für mich hatten sie fast keinen Proviant dabei, und warm war es auch. Und als wir endlich oben waren und das Klettern hätte losgehen können, sind sie umgekehrt. Für alle, die es nicht wissen: Ich klettere für mein Leben gern. Am liebsten stehe ich ganz vorne oder ganz oben auf den Felsen und schaue hinunter. Aber meine Leute sind Weicheier, die denken, das wäre nichts für mich. Jedenfalls sind wir bei netten Menschen gelandet, die wir flüchtig aus dem Odenwald kannten. Sie sind inzwischen fünf Jahre hier und haben einen Hund, George. So einen großen jungen Hüpfer, der mich wohl ganz gut leiden mochte. Jedenfalls ließ George mich auf seinem Sofa liegen, was wohl nicht jeder darf. Jetzt bleiben wir hier für ein paar Tage, erzählen von alten und neuen Zeiten und bereiten uns auf die richtigen Berge vor. Gigantische Felsblöcke türmen sich um uns herum auf, und eines Morgens sind sie von Schnee bedeckt. Ein letzter Gang in die Stadt verhilft mir zu einem Kleidungsstück. Wegen der kalten Nächte bekomme ich einen Fleecepullover in einem Hundegeschäft gekauft. Sieht gar nicht mal schlecht aus, ganz in schwarz mit Leuchtstreifen, und trägt sich gut.

Dann fahren wir los. Unsere neuen alten Freunde haben uns ihren Nationalparkpass geschenkt, und so geht es in den Banff Nationl Parc. Von jetzt an mit ausreichend Proviant im Gepäck machen wir ein paar schöne Wanderungen. Das Highlight ist die Besteigung des Cirque Peak, die jedoch nur der Bordmechaniker bis zum Gipfel auf fast 3000 m schafft. Das letzte Stück ist so geröllig, dass Frauchen und ich zurück bleiben müssen. Nach so einer Tour muss ich mich immer einen Tag erholen, also nur leichtes Auslaufen auf weichem Gelände. Leider schlägt in den nächsten Tagen das Wetter um, es wird nass und kalt. Wir bewegen uns langsam weiter Richtung Jasper, aber die Wolken hängen tief und alle sehnen sich nach Wärme. In Miette Hot Springs gibt es zwar einen Bach mit richtig warmen Wasser und mehrere heiße Schwefelwasserquellen, aber unsere geplante letzte Wanderung fällt buchstäblich ins Wasser. Also verlassen wir den Jasper Parc und Alberta, aber noch nicht die Berge - denn als nächstes kommt Beautiful B.C., das schöne British Columbia! See you!

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