Charly´s weite Reise
Hola, buen dia!
Dass Ihr diesmal so spät von mir hört, liegt zum einen an einer gewissen Faulheit, die sich eingeschlichen hat, und zum anderen am Mangel von guten wifi-Stellen, um meinen Bericht ins Netz zu stellen. Aber keine Sorge: Uns geht es gut, keiner ist krank, und das Auto läuft und läuft.
In Ushuaia bleiben wir nicht lange. Das feuerländische Wetter lädt nicht zum Campen ein, und so setzen wir unsere Fahrt nach Norden zügig fort. Wir bleiben an der Atlantikseite und kommen über Rio Gallegos nach Monte Leon, einem großen privaten Schutzgebiet. Es wurde von dem reichen Amerikaner Tompkins, Gründer der Outdoormarke NorthFace, eingerichtet, der auch den Pumalin-Park auf chilenischer Seite gestiftet hat. Man zahlt keinen Eintritt und kann durch eine wirklich große Kolonie von Magellan-Pinguinen hindurch spazieren und sie beobachten. Außerdem gibt es Seelöwen, die jedoch während unseres Besuchs gerade anderweitig unterwegs sind, und einen Felsen, auf dem unzählige Vögel leben.
Die Strecke bis nach Comodoro Rivadavia ist, gelinde gesagt, langweilig. Zwischen den weit auseinander liegenden Hafenstädtchen gibt es nichts. Wir übernachten hier jeweils an den Promenaden, die schön angelegt sind und dennoch wegen des kalten Windes nicht zum Verweilen einladen. Nachts kommen die PS-Freunde dann auf Touren. Sie rasen mit ihren Autos durch die Straßen, fliegen über die Langsamfahrschwellen, die Topes, und lassen die Motoren heulen.
An der schmalsten Stelle Argentiniens biegen wir nach Westen ab und fahren an Ölpumpen vorbei nach Sarmiento. Die Kleinstadt liegt zwischen zwei Seen und verfügt über ausreichend Wasser, um Landwirtschaft zu betreiben. In der Nähe gibt es einen sogenannten versteinerten Wald, der wie eine Erinnerung der Erde an die Wälder ist, die vor vielen Millionen Jahren hier wuchsen.
Die Bewegungen der Erde und ihrer Platten sowie gewaltige Vulkanausbrüche haben ihnen, ebenso wie den Dinosauriern, den Garaus gemacht. Erosion durch den permanenten Wind bringt die Stämme nun wieder zum Vorschein. Sie sehen aus wie Holz, aber durch Einlagerung von Mineralien in die Zellwände sind sie tatsächlich zu Stein geworden.
Der Ranger hat meine Leute am Eingang darauf hingewiesen, dass man nichts, auch keine Holzsplitter, mitnehmen darf und man mit einer Kontrolle rechnen muss. So widersteht der Bordmechaniker schweren Herzens der Versuchung eines der schönen Stücke einzupacken, die wie Porzellan klingen, wenn man sie anschlägt.
Nachdem wir das vorläufig letzte Gesundheitszertifikat für mich in der Tasche haben, für das der Tierarzt nicht einmal mehr Geld genommen hat, überqueren wir noch einmal die Grenze nach Chile und fahren nach Coyhaique, der einzigen größeren Stadt im gesamten Süden auf dieser Seite der Anden. Fast schlagartig ändert sich die Landschaft, die trockene Pampa weicht grünen Wiesen und ersten Bäumen - und es regnet. Wir sind jetzt auf der Carretera Austral, der Fortsetzung der Panamericana, die von Puerto Montt nördlich von uns bis zu ihrem südlichsten Punkt in Villa O`Higgins führt. Pinochet ließ sie in den 70er Jahren als Schotterpiste anlegen, um die Besiedlung des unwegsamen Gebiets zu erleichtern. Heute hat man neben ökonomischen Interessen auch das touristische Potential erkannt und ist dabei, die letzen Abschnitte der Straße zu asphaltieren.
Nach einem Abstecher nach Puerto Aisen, das im Nieselregen vor sich hindöst, wenden wir uns nach Norden. Wegen der tief hängenden Wolken und dem Nebel, der sich inzwischen in Regen verwandelt hat, ist von der grandiosen Bergkulisse nicht viel zu sehen. Das ist das Schicksal derer, die mit Fahrrad, Motorrad, Auto oder als Backpacker auf dieser Route unterwegs sind: Mit schlechtem Wetter ist immer zu rechnen, und dann beschränkt sich das Naturerlebnis auf wenige Meter Sicht. Anfangs rollen wir noch auf Teer, doch dann beginnt die Piste. Sie schlängelt sich durch den Kalten Regenwald, in dem große Farne und noch größere Talcas, die wie Rhabarber aussehen, den Waldrand säumen. Ein Vorteil des Regens ist, dass es nicht staubt und die Blätter in frisch gewaschenem Grün leuchten.
Plötzlich kommt uns ein vertrauter VW-Bus entgegen, und tatsächlich sitzen die Kalifornier Tom und Brooke mit ihrem Hund, dem Hühnerdieb, darin. Großes Hallo bei strömendem Regen, an Aussteigen ist leider nicht zu denken. Tom rangiert etliche Male vor und zurück, um andere Autos vorbeizulassen, und während die wichtigsten Fragen beantwortet und gute Wünsche für die Weiterreise ausgetauscht werden, tropft es unablässig durch die geöffneten Fenster.
Puerto Puyaguapi gibt es erst seit 1935, als sich vier Sudetendeutsche hier niederließen. Sie bauten Häuser mit gemauerten Kellern und großen Dachstühlen, die noch heute inmitten der üblichen Holzhäuschen, die auf kleinen Stelzen stehen, ins Auge fallen. Man macht ein bisschen Werbung mit der deutschen Architektur, und Gäste können in der Casa Ludwig oder der Hosteria Alemana in der Otto Uebel Straße übernachten.
Nach dem Ort beginnt eine üble Strecke, weil sich die Piste in eine Baustelle verwandelt hat. Viel schlimmer als für uns muss dieser Abschnitt für die Rad- und Motorradfahrer sein, die uns entgegenkommen. Schlammlöcher wechseln sich mit staubigen Passagen ab, und unzählige Straßenbaumaschinen und LKW sind im Einsatz. Nach etlichen Stunden erreichen wir endlich die Brücke, die den Rio Yelcho überspannt, und somit wieder einen bereits geteerten Abschnitt. Die letzten Kilometer nach El Amarillo zum südlichen Sektor des viel gepriesenen Pumalin-Parks schweben wir.
Schon der Eingang zum Park scheint uns in eine andere Welt zu bringen. Der Weg führt über eine weite, gepflegte grüne Rasenfläche, die auch als Landepiste für Kleinflugzeuge dienen kann. Man kommt durch eine Parklandschaft zur ersten großzügigen Campingwiese, ein Stück weiter zur nächsten und schließlich zur dritten. Es gibt schön gebaute, halb offene Unterstände aus Holz mit Bank, Tisch und genug Platz, um ein Zelt regensicher aufzustellen. Die Blüten großer Fuchsiensträucher ziehen Kolibris an, und verschiedene Wege führen durch den intakten Regenwald.
Nicht nur für mich ist es perfekt. Hier sind Hunde erlaubt, und endlich können wir mal wieder Spaziergänge machen, die diesen Namen auch verdienen. Eigentlich sieht es aus wie im tropischen Regenwald, nur vielleicht ist alles eine Nummer kleiner, und die Artenvielfalt ist geringer. Aber die Baumstämme sind überwachsen mit Moosen und Farnen und Aufsitzerpflanzen bevölkern die Äste. Es herrschen angenehme Temperaturen, und es gibt keine Moskitos.
Mehr als eine halbe Million Hektar Land hat Mr. Tompkins zusammen gekauft, um zumindest einen kleinen Teil des Waldes, der bis vor wenigen Jahrzehnten den gesamten Süden Chiles bedeckte, dem menschlichen Verwertungseifer zu entziehen. Natürlich gibt es Leute, die nicht glauben wollen, dass einer ein Vermögen ausgibt, nur um die Natur zu schützen. Nationalisten unterstellen, dass der `Ami´ Südchile spalten will - aber viele chilenische Naturfreunde lieben den Park. Ich glaube, dass es der einzige Park in Chile ist, den man kostelos besuchen kann. Bis vor kurzem war sogar die Nutzung der Campingplätze umsonst - das hat man geändert und erhebt nun einen geringen Betrag.
Als nächstes kommen wir nach Chaiten, von wo aus wir die Fähren zur Insel Chiloe und nach Puerto Montt nehmen könnten. Die kleine Stadt wurde 2008 durch einen Ausbruch des gleichnamigen Vulkans komplett zerstört. Inzwischen hat man Vieles wieder aufgebaut, und nur noch wenige Häuser zeigen Spuren der Katastrophe.
Wir bleiben aber noch in der Gegend und verbringen einen schönen, windigen Strandtag im nur wenige Kilometer entfernten Caleta Santa Barbara. Große Gruppen von Delfinen tummeln sich in der Bucht und werden von meinen beiden Hobby-Zoologen zunächst für Seehunde gehalten. Erst als sie auf einem Schild sehen, dass der Ort mit Delfinen wirbt, glauben sie meinen Einwänden.
Dann haben wir tatsächlich eine Verabredung. Seit Anfang des Jahres sind die Schweizer Ursi und Urs wieder in Südamerika und drehen eine zweimonatige Runde. Nach etlichen SMS, bei denen der jeweilige Standort durchgegeben wurde und wir uns immer in entgegengesetzte Richtungen bewegten, sind sie uns jetzt dicht auf den Fersen. Bevor wir sie am Nachmittag auf dem Camping treffen, machen wir allerdings noch eine Wanderung zur Caldera des vor sechs Jahren ausgebrochenen Vulkans.
Zum Glück ist es bewölkt, sonst wäre der steile Aufstieg noch anstrengender. Durch den Ausbruch hat sich die berühmte `Schneise der Verwüstung´ durch den Wald gezogen. Der Weg führt über extrem hohe Stufen den Hang hinauf. Dem Chefinformatiker und mir machen solche Anstiege nichts aus, aber die Fotografin muss ganz schön beißen. Der Blick zum Vulkan, aus dessen Flanken es überall dampft, ist eine kleine Belohnung, bevor es an den ebenso harten Abstieg geht.
Ein paar Tage und einige Wanderungen später verlassen wir den Park mit der Fähre, die uns nach Hornopiren bringt. Wir haben Glück mit dem Wetter und können die Überfahrt auf Deck genießen. Ab und zu taucht eine Lachsfarm auf, von denen es wohl etliche in den vielen Fjorden gibt. Als wir später am Hafen von Puerto Montt vorbeifahren, sehen wir jedenfalls unzählige Säcke mit Lachsfutter.
In Puerto Montt ist es nicht nur mit Patagonien, sondern auch mit der Ruhe des Südens vorbei. Dichter Verkehr drängt sich durch die Stadt, und nach einem Besuch in der Wäscherei verlassen wir sie schnell wieder Richtung Norden. Noch sind Ferien, und so ist Puerto Varas am Lago Lanquihue noch voller Urlaubsgäste. Wir drehen eine Runde um den See, aber er und der Vulkan Osorno bleiben im dichten Nebel verborgen.
In Valdivia steht ein großes Fest zum Saisonabschluss bevor und sogar unser Camping in Los Molinos, weit außerhalb der Stadt, ist überfüllt. Noch eine Woche dauert der Ausnahmezustand, bevor die Schule wieder beginnt und der Spuk vorbei ist. Sogar an den Autobahnraststätten zelten die heim kehrenden Familien, und Heerscharen von Backpackern versuchen einen Lift zu bekommen. Für uns bedeutet das, uns von den touristischen Zentren fern zu halten.
So kommen wir durch die frühere Kohleregion um Concepcion, in der heute intensive Forstwirtschaft betrieben wird. In Cobquecura, durch das wir schon einmal gekommen sind, entdecken wir überrascht eine Seelöwenkolonie. Sie lebt nur wenige Meter vom Strand entfernt auf den Felsen, und nicht nur das Gebrüll, sondern auch der Gestank der Kolosse sind enorm.
Ende des Monats schauen wir noch einmal bei dem schönen Camping am Lago Rapel vorbei und sehen den Platz am letzten Ferientag in beeindruckender Vollbelegung. Aber die Saison endet schlagartig, und so hat man bis zum Abend alle Zelte zusammengepackt und reist ab. Nur an den Wochenenden wird es jetzt noch ein bisschen voller werden, wenn man zum Grillen und Baden kommt.
Auch wir verlassen nach ein paar Tagen Anfang März den See und fahren weiter nach Norden Richtung Atacama-Wüste - doch davon beim nächsten Mal!
Hasta luego!
© Die Reiseleitung 2012