Charly´s weite Reise
Buenas dias! Como estais?
Der argentinische Grenzbeamte ist sehr entspannt, probiert seine Englischkenntnisse an meinen Leuten aus und interessiert sich weder für Lebensmittel noch für mich. In dem Gebäude sieht es aus, als gäbe es nicht allzu viel zu tun. In den Regalen schlafen die Grenzhunde, Aktenordner oder andere Hinweise auf bürokratische Abläufe sind nicht zu sehen.
Wir sind ein paar Tage am Lago Lacar, kurz vor dem schmucken Touristenörtchen San Martin de los Andes. Es ist Ausgangspunkt für Besuche des Vulkans Lahin oder Touren durch das argentinische Seengebiet Siete Lagos. Wir folgen der Route, die nach Bariloche führt. Es geht zwischen Bergen hindurch, an Seen und Flüssen vorbei. An den Ufern wird gecampt und vor allem gegrillt. Eine Familie, die ihr Zelt neben uns aufbaut, hat nicht nur einen Hänger Feuerholz, sondern auch ein Schaf dabei. Ob es Heiligabend überleben wird? Wir bleiben leider nicht lange genug, um das herauszufinden - mir hätte ein solcher Weihnachtsbraten gefallen!
Kurz vor San Carlos de Bariloche taucht das Schild `Patagonien´ auf. Bis zum `Ende der Welt´, nach Ushuaia, sind es jetzt noch gut zweitausend Kilometer. Bariloche liegt in dem riesigen Naturschutzgebiet Nahuel Huapi an dem gleichnamigen See. Im Westen erheben sich majestätisch die Berge, im Osten beginnt die baumlose Pampa, die bis zum Atlantik reicht.
Heiligabend verbringen wir unspektakulär auf einem gut besuchten Campingplatz. Weihnachten ist in Argentinien keine große Sache, und man nutzt den Feiertag für einen Ausflug. So treffen wir ein paar Spaziergänger im Südbuchenwald am See bei Llao Llao und Picknickgäste in der Colonia Suiza. Eigentümlicherweise hat sich diese von Schweizern gegründete Colonia, die aus einigen verstreut liegenden Häusern besteht, zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt. Es gibt nichts Besonderes zu sehen, keine schweizer Häuser, niemanden, der deutsch spricht, und auch keine Rösti oder Emmentaler. Aber die Einwohner haben einen Markt eingerichtet, auf dem sie Pommes, selbst Gehäkeltes, Geschnitztes und sonst wie Gebasteltes an die Touristen verkaufen.
Wir bleiben ein paar Tage in der Gegend und wandern, allerdings nicht die großen Touren. Diese würden mehrere Tage dauern, und man müsste Zelt und Verpflegung mitnehmen. Schwer bepackt kommen uns einige Wanderer entgegen, manche sind völlig erledigt und wanken unter dem Gewicht ihrer Rucksäcke.
Dann wird es kalt, der Wind fegt eisig über den See und durch die Stadt, in der es nach Schokolade duftet. In Bariloche wird gleich in mehreren Fabriken gute Schokolade hergestellt und in richtig großen Geschäften angeboten. Während sich meine Leute in einer der Confiterias herumdrücken und nicht wissen, welche der Leckereien sie zuerst kaufen sollen, passe ich einmal mehr aufs Auto auf.
Dass sich bisher noch keiner an unserer `Casa Rodante´ zu schaffen gemacht hat, geht schließlich auch auf mein Konto. Gerade in den Touristenorten werden Reisefahrzeuge häufig aufgebrochen und leer geräumt. So haben wir von verschiedenen Bekannten gehört, dass sie zerschlagene Scheiben und den Verlust diverser Wertgegenstände zu beklagen hatten. Vor Hunden haben die Latinos aber Schiss - zu Recht - so schlecht, wie die meisten uns behandeln. Wenn sich also einer dem Auto nähert, steige ich mit lautem Gebell an der Scheibe hoch, und schon sucht der Gauner das Weite.
An Silvester wird das Wetter so schlecht, dass wir einen Fahrtag einlegen und abends El Bolson erreichen. Es gibt ein paar Böller, wir stoßen mit einem französischen Backpacker-Pärchen auf das Neue Jahr an und haben 2014! Vor einigen Tagen habe ich übrigens meinen fünfzehnten Geburtstag gefeiert, bei bester Gesundheit und bereit für ein neues Lebensjahr auf Reisen.
El Bolson ist zum Anziehungspunkt für Aussteiger und Freaks geworden, die sich in der Gegend ein Haus zusammen gezimmert haben und ihre mehr oder weniger kunstvoll gefertigten Artesania-Artikel auf dem Kunsthandwerker-Markt verkaufen. Ein Deutscher, der vor vielen Jahren mit seiner Freundin eine mehrjährige Weltreise unternommen und darüber ein Buch geschrieben hat, wohnt ebenfalls hier und vermittelt heute Fahrzeug-Versicherungen für Argentinien und die angrenzenden Länder.
Wir wollen unsere Police abholen und fahren bei ihm auf seiner großen `Farm´ vorbei. Allerdings dürfte es schwierig sein, auf dem steinigen, kargen Boden Landwirtschaft zu betreiben. Nur ein paar Schafe und zwei Pferde finden zwischen den unzähligen Hagebutten genug Gras, um satt zu werden. Overlander können gegen Entgelt ein paar Tage bleiben. Am liebsten sieht es der Ex-Abenteurer, wenn sie während ihres Aufenthalts umsonst bei einem seiner Bauprojekte helfen, und er ihnen seine Geschichten erzählen kann.
Bei einer Werkstatt lernen wir noch die Mau-Moni mit ihrem VW-Yoga-Bus aus der Schweiz kennen, die uns mit geradezu unbezahlbaren Tipps zu Feuerland versorgt, dann kehren wir El Bolson den Rücken. Wir kommen durch Cholila, wo Butch Cassidy, der berühmte Bankräuber des Wilden Westens, nach seiner Flucht aus Amerika mit seiner Bande eine Zeit lang lebte und erreichen den Parque Nacional Los Alerces.
Alercen gehören zur Familie der Zypressen und wurden wegen ihres guten Holzes von den Siedlern so gut wie alle abgeholzt. Um einen der letzten stattlichen Bäume zu sehen, muss man weit in den Park hinein wandern. Geschützt wird eher das Wassersystem aus Flüssen und Seen des Futalaufquen.
Am Parkeingang bezahlen wir den erhöhten Ausländerpreis, um dann auf einer Schotterpiste durch den Wald - ohne Alercen - zu fahren. Laut des offiziellen Parkprospektes soll es einige freie Campingplätze an den Ufern der Seen geben, so dass wir vorerst mit dem Eintrittsgeld einverstanden sind. Als wir dann jedoch Halt machen, kommt ein Ranger zu uns und erklärt, dass seit Beginn der Ferienzeit alle freien Plätze wegen des Hanta-Virus geschlossen seien.
Da der patagonische Bambus im vergangenen Jahr geblüht und beim Absterben seine Samen freigegeben habe, hätten die Langschwanzmäuse so viel zu fressen, dass ihre Population sprunghaft angestiegen sei. In ihren Ausscheidungen befinde sich der Virus, der zu Erkrankungen führen könne. Bei den kostenpflichtigen Plätzen seien Vorsichtsmaßnahmen ergriffen worden. Auf die Frage, warum man die Gäste nicht bereits am Parkeingang informiere, meint er, das wisse er auch nicht, dafür sei er nicht zuständig. Die Fotografin kann den Bordmechaniker, der das Ganze für eine Farce hält, nur mit Mühe von einem Wutausbruch abhalten und zum Weiterfahren bewegen. Auf dem Camping, der vermutlich voll wie nie ist, hat man als Sicherheitsmaßnahme schwarze, etwa zehn Zentimeter hohe Plastikbänder auf dem Boden um die Zelte gespannt. Für Fahrzeuge hat man leider noch keinen wirksamen Schutz entwickeln können, so dass wir dem Virus hier genauso schutzlos ausgeliefert sind wie an irgend einer anderen Stelle des Parks.
Leider sind wir somit auch am Ausgang des Parks angelangt - eine teure Durchfahrt. Wir wundern uns noch, dass so viele Wanderer auf der staubigen Piste unterwegs sind und nicht den Pfad entlang des Ufers benutzen, bis wir selbst versuchen, diesem Weg zu folgen. Bis auf wenige Meter ist er unbegehbar - für mich als ehemaligen Wander-Wegewart im Odenwald ist es eine Unverschämtheit, hier noch Eintritt zu verlangen.
Bis Esquel reichen die Ausläufer der Berge, dann sind sie nur noch im Rückspiegel zu sehen. Vor uns liegt die endlose Pampa, die baumlose Steppe. Anfangs mischt sich noch ein wenig Grün unter das Gelb des Grases, aber mit jedem gefahrenen Kilometer wird es weniger. Auch Büsche und letzte Blumen verschwinden allmählich, bis nur noch das schwarze, kniehohe Gestrüpp Mata Negra und braune Grasreste zu sehen sind. Endlos ziehen die Weidezäune auf beiden Seiten der Straße vorbei, und nur selten sieht man von Weitem die roten, blauen oder grünen Blechdächer einer Estancia.
Riesige Flächen werden benötigt, um die Schafherden zu ernähren. Ein einziges Tier benötigt sechs bis acht Hektar, also sechzig- bis achtzigtausend Quadratmeter, Weideland. Die Einzäunung des Landes begann um 1850. In den folgenden Jahrzehnten gaben die Argentinier fast zehnmal so viel Geld für den Import von Draht wie für den von Zuchtvieh aus. Die eigentlichen Bewohner der Steppe, die Guanakos, ziehen wie seit ewigen Zeiten über das Land und überwinden die Zäune normalerweise mit einem eleganten Sprung. Aber immer wieder sieht man die Kadaver von Tieren, die mit den Hinterläufen am obersten Draht hängen geblieben und verendet sind.
Tagelang fahren wir durch die leere Landschaft, die aus dem geschlossenen Auto merkwürdig bewegungslos wirkt. Nur ein Plastikfetzen zerrt hin und wieder an einem Draht, alles andere hat der Wind weg geblasen. Man kann kaum aussteigen, ohne dass einem die Autotür aus der Hand gerissen wird und ist froh, zum Übernachten eine Tankstelle oder Polizeistation zu finden, die etwas Windschutz bietet.
Schließlich erreichen wir El Chalten am Fuße des Fitz Roy. Als wir ankommen, können wir die berühmten, senkrecht abfallenden Granitfelsen gar nicht sehen, da sie von Wolken verdeckt sind. Der kleine, unansehnliche Ort ist der Treffpunkt von Wanderern, Bergsteigern, Travellern und Tourbussen. Wir sehen die Radwanderer aus Alaska wieder, die am Lago Desierto auf einem Fußweg über den südlichsten Andenpass von Chile nach Argentinien gekommen sind und ihren Weg nach Süden fortsetzen. Am meisten erstaunt uns, dass sie von Panama, wo wir sie das erste Mal sahen, bis hierher nicht länger gebraucht haben als wir.
Als am nächsten Morgen die Sonne scheint, zeigt sich Fitz Roy von seiner besten Seite. Ich darf mal wieder nicht mit, als meine Leute eine kleine Wanderung machen, diesmal nicht wegen der Diebe, sondern zum Schutz des Andenhirschs. Ich frage mich schon länger, wer eigentlich für die Dezimierung so vieler Tierarten verantwortlich ist. Eigentlich dachte ich, dass dies auf das Konto der Menschen ginge, aber anscheinend täusche ich mich, und zumindest in Amerika waren es in Wirklichkeit die Hunde.
Eine andere Eigenart in Chile und Argentinien ist das Erheben von Wegegebühren. Da fast das gesamte Land in Privatbesitz ist, kann der Eigentümer das Betreten entweder ganz verbieten oder für das Durchqueren Geld verlangen. So sind wir auf einem Wanderweg unterwegs, der außerhalb des Parks liegt, und den man nur bis zu einem Campingplatz kostenlos benutzen darf. Will amn zum eigentlich interessanten Ziel, einer Gletscherzunge, weiterlaufen, so muss man bezahlen. Entweder nutzt man den Platz oder bezahlt die gleiche Summe als Eintritt. So kann eine einfache Wanderung schnell fünf bis zehn Euro pro Person wert sein.
Das Fitz-Roy-Massiv liegt im Norden des Nationalparks Los Glaciares, der sich bis zum Moreno-Gletscher im Süden erstreckt. Hier liegt das südliche Eisfeld, das etwa so groß wie Hessen und eine der größten Süßwasserreserven der Erde ist. Entsprechend kalt ist der Wind, wenn er von West nach Ost über die Berge kommt. Es ist Hochsommer, aber alle sind dick angezogen: Mütze, Schal und Daunenjacke sind Pflicht.
Weiter geht es nach El Calafate, einer Kleinstadt, mit guter touristischer Infrastruktur. Der Camping bietet windgeschützte Plätze, die Sonne wärmt, und wir verschnaufen. Außer uns sind Motorradfahrer da, es wird gegrillt und über staubige Schotterpisten und den Wind gejammert. Die beiden aus Lüneburg schwärmen vom Gletscher, und so machen wir am nächsten Tag unseren Ausflug dorthin.
Hier bekommt man für das Eintrittsgeld etwas geboten: Einen Shuttle-Service vom Parkplatz zum Besucherzentrum und solide, schön geführte Metallstege, von denen aus man die Abbruchwand des Gletschers sieht. Obwohl viele Leute da sind - wohl jeder Patagonientourist kommt hierher - verteilen sich die Besuchermassen über die verschiedenen Aussichtspunkte.
Der Perito-Moreno-Gletscher ist einer der wenigen Gletscher der Erde, der noch wächst. Seine Eisströme, die Gletscherzungen, bewegen sich auf einer Wasserschicht jeden Tag bis zu einem halben Meter ins Tal um dann im Lago Argentino abzusschmelzen. Durch die Bewegung treten enorme Spannungen auf, und unter lautem Getöse bilden sich tiefe Spalten im Eis. Die Abbruchkante ist vier Kilometer lang, sechzig Meter hoch und schimmert in unwirklichen Blautönen. Immer wieder brechen große Eisblöcke ab und landen als Eisberge im Wasser. Die Gletscherzunge bewegt sich auf das gegenüber liegende Ufer zu, an dem die Schaulustigen stehen, schneidet alle paar Jahre den Seitenarm des Sees von diesem ab und lässt den Wasserspiegel des Brazo Rico um bis zu achtzehn Meter ansteigen. Wird der Druck auf das Eis des Gletschers zu groß, so bricht dieses schließlich mit einer enormen Explosion, und das Wasser fließt ab.
Leider ist es zur Zeit nicht so weit. Noch gibt es einen schmalen Durchlass, und meine Leute müssen sich damit begnügen, unzählige Fotos zu machen und auf das `Kalben´ des Gletschers zu warten. Aber nur `Kälbchen´ fallen in den See, allerdings muss man zugeben, dass selbst Eisbrocken von der Größe eines Autos vor der mächtigen Eiswand wie Eiswürfel wirken. Sogar ich kann vom Parkplatz aus diesen beeindruckenden Koloss sehen und im Wasser treibendes Gletschereis lecken.
Das letzte Highlight in den Südanden gehört zwar zu Chile, ist aber nur von Argentinien aus zu erreichen: Torres del Paine. Auch dieser Park zieht die Massen an, wenn auch die meisten nur für eine Tagesrundfahrt. Einige bleiben zum Wandern, aber mehrtägige, anstrengende Touren bei eher frischen Temperaturen sind nicht jedermanns Sache. Wir sind am Rande des Parks auf einem kostenlosen Camping an der Laguna Azul und versuchen, die Bergtürme ohne Wolken zu sehen, machen eine kleine Wanderung zum `Zwiebelsee´ und treffen unsere Bikerfreunde wieder. Und schließlich starten wir zur letzten Etappe Richtung Süden, nach Feuerland.
Über das verschlafen sympathische Puerto Natales geht die Fahrt ins lebhaftere Punta Arenas, die südlichste Stadt auf dem Festland. Hier ließen sich früher die reichen Estancieros, die erfolgreichen Schafzüchter, nieder, bauten sich schöne Häuser, in denen heute Museen untergebracht sind, und errichteten sich so prächtige Grabstätten, dass ein Besuch des Friedhofs vom Reiseführer empfohlen wird. Neben anderen Europäern wanderten viele Kroaten hier ein, wie die Namen auf den Grabsteinen und Mausoleen zeigen.
Bevor wir die Fähre nach Porvenir besteigen, wollen meine Leute endlich einmal Pinguine sehen. Am Otway-Fjord sollen Magellan-Pinguine sein, manche Berichte sprechen von einigen hundert Tieren, andere von der größten Kolonie Südamerikas. Die kleinen Pinguine kommen von September bis März hierher, um ihre Jungen aufzuziehen und verbringen den Rest des Jahres auf dem Meer. Die Fahrt geht über die übliche Schotterpiste zu dem privaten Park. Ein schmaler Holzsteg führt zum Ufer, und tatsächlich watscheln einige der putzigen Vögel durch das Gras und über den Strand. Die Jungen sind schon einige Zeit geschlüpft, fast so groß wie die Altvögel, und werden bald ihr wasserdichtes Gefieder bekommen. Allerdings scheint meinen Leuten die Gruppe tatsächlich ziemlich klein zu sein - es sei denn, dass einige tausend Tiere gerade beim Fischen im Wasser sind.
Die Überfahrt über die Magellan-Straße nach Feuerland ist unspektakulär, und der kalte Wind lädt nicht zum Verweilen auf Deck ein. Nach zweieinhalb Stunden rollen wir an Land und finden einen windigen Platz mit schönem Blick am Ufer. Der erste Hund, den wir kennenlernen, ist weiß gefleckt wie ich, allerdings mit der Figur eines großen Dackels. Er steht wie ein Staffelläufer vor der Übergabe des Holzes am Straßenrand und wartet darauf, dass sich ein Auto nähert. Jetzt rennt er mit Höchstgeschwindigkeit neben ihm her und flippt aus, wenn der Fahrer auf die blöde Idee kommt zu bremsen und langsam zu fahren.
Auf Feuerland sieht es wie im restlichen Patagonien aus, aber da wir in Chile sind, gibt es ausschließlich Pisten. Wir nehmen die, die an der Bahia Inutil entlang führt, der `Nutzlosen Bucht´, wie sie von Seefahrern auf der Suche nach einem Durchgang vom Atlantik in den Pazifik genannt wurde. An ihrem Ende liegt Onaisin, wo seit wenigen Jahren die einzigen Königspinguine nördlich der Antarktis ihre Jungen großziehen. Da wir nicht zum Südpol wollen und den eisigen Kontinent nicht besuchen werden, nehmen meine Leute die Gelegenheit wahr und gehen Vögel gucken.
Auch dies ist ein privater, sehr provisorisch angelegter `Park´, dessen Betreiber gegen stolzes Entgelt immerhin auf nette Weise den Besuchern die Tiere zeigen und ein bisschen erklären. Königspinguine sind nach den Kaiserpinguinen die zweitgrößten ihrer Art und brüten ihr Ei auf den Füßen in einer Bauchfalte aus. Ist die Brutzeit vorbei, so schwimmen sie zu den Falklandinseln und verbringen den Winter dort.
Wir übernachten an der Grenze, die wie mit dem Lineal gezogen Feuerland von Nord nach Süd durchschneidet, und fahren am nächsten Tag nach Argentinien hinein. Wir sind wieder am Atlantik und folgen der Ruta 3 bis Tolhuin. Hier gibt es wieder Südbuchenwald, von dem allerdings große Teile abgestorben sind. Erst ganz im Süden der Insel scheinen die Bäume noch gesund zu sein. Auf dem Camping kann man Hunderte von Holztäfelchen studieren, auf denen sich Reisende, die wie wir Amerika der Länge nach durchquert haben, ein kleines Denkmal gesetzt haben. Auch ich habe es mir nicht nehmen lassen, mich in dieser illustren Runde zu verewigen. Solltet Ihr also selbst einmal zum Camping Hain kommen, so schaut einfach nach `Charlys weite Reise´!
In Tolhuin gibt es eine große Gedenktafel für den Herzspezialisten Rene Favaloro, der in den sechziger Jahren den By Pass erfand und aus Argentinien stammte. Er kehrte aus den USA in seine Heimat zurück und gründete hier eine Stiftung, um die medizinische Versorgung zu verbessern. Aber nachdem diese in Folge der Wirtschaftskrise mit mehr als achtzehn Millionen Dollar hoch verschuldet war, verzweifelte er und beging im Jahr 2000 Selbstmord. In der Bäckerei La Union hat man sein Abbild in Lebensgröße an einen der Kaffeetische gesetzt, und zahlreiche Gäste lassen sich mit dem berühmten Arzt fotografieren.
Und dann kommt Ende Januar der letzte Tag, an dem wir nach Süden fahren - nach Ushuaia. Die nun aber wirklich südlichste Stadt der Erde liegt am Beagle-Kanal und erwartet uns mit angenehmem Wetter und wenig Wind. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff liegt im Hafen und hat seine Passagiere zum Shoppen an Land gelassen. Wie uns einer von ihnen erzählt, werden sie am Abend wieder ablegen, um die Antarktis zu umrunden und Kurs auf Neuseeland und Singapur zu nehmen. Wesentlich kleinere Schiffe machen sich für ihren zwei-wöchigen Trip in die Antarktis bereit und Ausflugsboote bringen Tagesausflügler zu den nächsten Inselchen des Archipels.
Meine Leute schreiben Ansichtskarten und kaufen Briefmarken von DHL. Dann werfen sie die Karten in den Briefkasten der argentinischen Post und sehen Minuten später, dass es auch Briefkästen von DHL gibt. Hoffentlich sind die Postler so nett und bringen die Karten zum richtigen Kasten, sonst wird es nichts mit den Grüßen vom Ende der Welt!
Nun, der Hinweg ist somit nach 574 Tagen und 64.126 gefahrenen Kilometern geschafft. Wer meine Berichte verfolgt hat, kennt die vielen Höhen und wenigen Tiefen dieser Zeit. Jetzt steht die Heimreise bevor, und ich werde mir in der nächsten Zeit Gedanken machen müssen, wo es lang gehen wird - die Zweibeiner haben jedenfalls noch keinen Plan. Sicher ist, dass wir wieder ein ganzes Stück nach Norden müssen, bevor sich neue Routen ergeben. Sobald ich Genaueres weiß, lasse ich es Euch wissen.
Suerte!
© Die Reiseleitung 2012