Charly´s weite Reise
Hola, amigos!
Tja, was soll ich sagen - Pech, dass sich für mich die Reise nach Kolumbien als Quälerei entpuppt, oder Glück gehabt, dass ich es schließlich doch noch über die Grenze geschafft habe und nicht in Panama gestrandet bin? Das ist nämlich einem Kollegen aus der Schweiz passiert, der dort am Flughafen verschwunden war und den man erst Monate später wiederfand. Auch die Schweizer hatten damals ihr Fahrzeug verschifft, waren nach Cartagena geflogen und zufällig im gleichen Hotel wie meine Leute abgestiegen. Der aus England stammende, hundefreundliche Hotelbesitzer Mr. Brian konnte sich noch gut an das Drama erinnern, als ihnen klar wurde, dass ihr Hund einfach weg war. Aber diese Geschichte erzählt er uns erst am Dienstagabend, als ich nach endlosem Theater mit dem kolumbianischen Zoll endlich wieder frei und mit der Fotografin zurück im Hotel bin.
Sie ist schon morgens um acht beim Zoll am Flughafen und wartet auf die Ankunft der ersten Maschine aus Panama City. Hier erfährt sie, dass dies leider, leider nicht geklappt habe, ich aber ganz sicher mit dem nächsten Flugzeug am Mittag kommen soll. Also erledigt sie erste Formalitäten beim Veterinär, der Kolumbien für das schönste und beste Land der Welt hält, und wartet. Als der Flieger landet, sorgt der Leiter des Zollamtes immerhin persönlich dafür, dass ich schnell ausgeladen und aus meiner Box gelassen werde. Ich bin so froh den engen Käfig verlassen zu können, dass mir fast egal ist, was nun folgt.
Eigentlich sollten wir nur mit dem wachsenden Papierstapel zum Veterinäramt, um weitere Formulare zu besorgen. Hier meint man, dass jetzt wirklich alles `listo´ sei. Aber als wir erleichtert eine kleine Runde um den Block drehen, läuft uns der Zollamtsleiter über den Weg. Leider, leider noch nicht `listo´, es fehle immer noch ein Papier mit Stempel und Unterschrift, um die Einfuhr eines an sich wertlosen Hundes ordnungsgemäß abzuschließen. Da ich in das Büro, das am Flughafen liegt, nicht mitdürfe, müsse ich solange noch einmal in der streng bewachten Zollhalle warten. Die Chefin setzt durch, dass ich nicht mehr in die Box muss und verschwindet erneut aus meinem Blickfeld. Nach einer halben Stunde taucht sie sichtlich erregt wieder auf. Man hat den alles entscheidenden Stempel nicht hier - den gibt es nur auf dem Hauptzollamt, das am anderen Ende der Stadt liegt. Als der Leiter verlangt, dass die Fotografin mich dalassen soll, während sie den Stempel besorgt, weigert sie sich. Vielleicht kann der Bordmechaniker helfen? Aber dieser ist den ganzen Tag mit der Wiederbeschaffung unseres Autos beschäftigt und nicht erreichbar. Also erklärt sie dem Leiter, dass sie mich entweder mit ins Hotel nehmen oder selbst über Nacht dableiben werde, setzt sich auf die andere Seite des Maschendrahtzaunes und wartet. Als es fünf ist und das Hauptzollamt für heute schließt, taucht der Leiter wieder aus seinem Büro auf. Es gibt einen heftigen Wortwechsel über den Sinn, mich als `Pfand´ dazubehalten, schließlich das ehrenhafte Versprechen, den Stempel am nächsten Tag zu besorgen - und endlich lässt er uns gehen.
Inzwischen hat der Chef schon einiges erledigen können und hofft, dass er das Fahrzeug heute aus dem Hafen holen kann. Als wir uns nachmittags alle wieder im Hotel treffen, kommt die nächste Hiobsbotschaft: Das Auto ist nicht mehr zu fahren, da die Kardanwelle kaputt ist. Die, man kann es kaum anders sagen, Idioten im Hafen von Colon haben es mangels einer Rampe nicht auf das Flat gefahren, sondern mit einem Gapelstapler drauf gehoben. Nun ist die Welle verbogen und muss entweder ersetzt oder repariert werden. Zusammen mit Mr. Brian, der sehr freundlich und eine große Hilfe ist, fährt er zur Toyota-Niederlassung und erfährt, dass eine neue Welle aus Japan geschickt werden müsste und dies vier Wochen dauern würde. Also entscheiden wir uns für die Reparatur, die innerhalb eines Tages erledigt sein soll. Als wir die Welle am nächsten Abend bekommen, scheint alles in Ordnung zu sein, und erleichtert können wir uns wieder als Touristen fühlen und uns endlich Cartagena de Indias anzuschauen.
Unser Hotel liegt in Bocagrande, dem modernen Hochhausviertel der Stadt. Aus der Luft sieht die flache, schmale Landzunge wie ein Pappdeckel aus, auf dem hohe Bauklötzchen stehen. (Sollte der Meeresspiegel tatsächlich auch nur 30cm ansteigen, dürfte die ganze Pracht verloren sein.) Alle internationalen Hotelketten sind vertreten und wechseln sich mit Wohntürmen für reiche Kolumbianer ab. In der Hauptgeschäftsstraße findet man Luxusläden ebenso wie Straßenstände, die touristischen Schnickschnack verkaufen. Das kulinarische Angebot reicht von den wenig zu empfehlenden, allgegenwärtigen Arepas - das sind trockene, fade Maisfladen - und viel Frittiertem bis zu erstklassigem Essen. Auch hier ist der gute Mr. Brian, der sich selbst einen `foodie´ nennt, eine wahre Quelle guter Tipps. Er fragt, was wir gerne essen würden und nennt uns dann das passende Restaurant.
Es stellt sich heraus, dass er viele Jahre in Monaco ein angesehenes Spezialitäten-Geschäft hatte, bevor er mit Anfang sechzig beschloss, nach Kolumbien zu gehen. Jetzt ist er zweiundsiebzig und hat vor knapp zwei Jahren sein ganzes Geld in das kleine Hotel investiert, in dem er selbst mit Hund und Katze wohnt und jeden Morgen in der Frühstücksküche den Löffel schwingt. Nach und nach werden die Zimmer renoviert und - was in Mittelamerika ungewöhnlich ist - thematisch gestaltet. Wir sind einstweilen dankbar für die funktionierende Klimaanlage, ein sauberes Bad und das opulente Frühstück.
Am letzten Tag besichtigen meine Leute dann endlich auch die berühmte Altstadt Cartagenas, eine der ältesten Kolonialstädte Südamerikas. Um die Stadt vor den Piraten zu schützen, die sich Gold und andere Schätze, die die Spanier aus dem Land schafften, ebenfalls unter den Nagel reißen wollten, wurde Cartagena mit einer gigantischen Befestigungsanlage versehen. Heute kämpft man in Souvenirläden, Hotels und Restaurants um das Geld der Touristen. Erst etwas außerhalb der Kernzone normalisiert sich das Bild, und das übliche Gewimmel einer kolumbianischen Stadt gewinnt die Oberhand.
Nach einer Woche verlassen wir Mr. Brian und sein Hotel ein wenig wehmütig und setzen unsere Reise entlang der Karibikküste in Richtung Baranquilla und Santa Marta fort. Es ist Sonntag, die Leute haben riesige Boxentürme vor ihre Behausungen gestellt und sitzen mit Bierflaschen daneben. Die Costenos, die Küstenbewohner, gelten als besonders feierfreudig und stellen dies nun mit ohrenbetäubenden Lärm unter Beweis. Hinter Santa Marta beginnt der Parque Tairona, der einen der schönsten Küstenabschnitte Kolumbiens umfasst. In der Villa Casa Grande, einem Campingplatz mit Cabanas, lassen wir uns für die nächsten Tage nieder. Das Meer ist wild und die starke Strömung lässt Badefreuden nicht zu, aber am Strand unter Palmen können wir uns von den Ereignissen der letzten Zeit erholen.
Wie soll es weitergehen? Einen Abstecher nach Venezuela werden wir wegen der undurchsichtigen, politischen Lage nicht machen und auch das Grenzgebiet meiden, um nicht am Ende noch Entführern in die Hände zu fallen.
In Kolumbien beginnen die mächtigen Anden, die hier im Norden aus drei parallel verlaufenden Bergzügen bestehen, die sich weiter südlich zu einer Kordillere vereinen. Die Route über die Ostkordillere nach Bogota soll schön und weniger stark befahren sein als die von Cartagena nach Medellin. Der Reiseführer gibt neben jedem Ortsnamen die Höhe und die Temperatur an - Jahreszeiten gibt es so nahe am Äquator nicht mehr, noch nicht einmal ausgeprägte Trocken- oder Regenzeiten. So erreicht man die persönlich als angenehm empfundenen Klimazonen, indem man die Berge hoch oder herunter fährt.
Aber bevor wir die Höhen erreichen, müssen wir uns noch einen Tag durch das tropische Flachland schwitzen. Die Gegend ist grün, Weideland und Zuckerrohrfelder wechseln sich mit kleinen Ortschaften ab, und über die gebührenpflichtige Landstraße wälzt sich ein endloser Strom aus wenigen PKW, vielen LKW und unzähligen Tanklastzügen, einer Pipeline auf Rädern. Es wird nicht gefahren, sondern geheizt, was die Motoren der überladenen camiones hergeben. Entkommen kann man dem ständigen Wechsel zwischen waghalsigen Überholmanövern und durch Baustellen erzwungenen Stillstand nur durch den Halt an einem der staubigen Truckstops. Hier wird neben den normalen Tankstellen geschmuggeltes Benzin und Diesel aus Venezuela verhökert, da Treibstoff dort praktisch nichts kostet. Der Boden unter und zwischen den Fässern ist getränkt mit ausgelaufenenem Diesel, es stinkt. Wir übernachten kurz vor Aquachica an einer Tankstelle, an der sich zum Glück eine Dusche befindet. In dieser unglaublich schwülen Nacht, in der sich kein Lüftchen regt, werden wir von unzähligen Moskitos fast aufgefressen.
Wir sind froh, dass wir, als es hell wird, weiter können und wenigstens etwas Erfrischung durch den Fahrtwind bekommen - in den letzten Monaten haben wir mehr als einmal bedauert, keine Klimaanlage im Auto zu haben. Mittags erreichen wir endlich die Berge. Als wir in Bucaramanga aus dem völlig überhitzten Auto steigen, kann ich kaum glauben, dass wir es geschafft haben. Seit Anfang März waren wir bis auf wenige Tage in einem Teil der Welt unterwegs, in dem wir wegen des Klimas auf keinen Fall leben wollten. Auch wir haben im kühlen, verregneten Deutschland sehnsüchtig Filme über diese Gegenden angeschaut. Aber um einen `authentischen´ Eindruck zu erhaschen, sollte man sich dabei mit einem Schwarm Moskitos in einer Sauna einschließen, einen ordentlichen Aufguss machen und den Schlüssel für die nächsten Wochen wegwerfen.
Die Straße windet sich noch ein paar Kilometer nach Süden und gibt dann den Blick in den Canon de Chicamocha frei. Auf dem Parkplatz des Nationalparks können wir übernachten. Anders als in den nördlichen Ländern gilt hier das Interesse weniger den Naturschönheiten, sondern vielmehr verschiedenen Attraktionen, deren größte eine Seilbahn zur gegenüber liegenden Seite des Canyons ist. Ein Stückchen weiter folgen wir am nächsten Tag einer Nebenstraße, die sich wie die meisten in Kolumbien als Holperpiste entpuppt, und gelangen durch kleine Tabakpflanzungen zum Fuß des Canyons nach Jordan.
Früher war hier was los, aber heute liegt der Ort fast verlassen am Fluss. Während wir etwas essen, brettern nur einige Crossmaschinen über die schmale Hängebrücke, deren Fahrer, ausgestattet mit Helmkameras, uns typisch kolumbianisch mit hochgerecktem Daumen grüßen. Als wir uns bei der winzigen Polizeistation nach dem Weg erkundigen, kommen auf einmal zwei Männer und reden auf uns ein. Die Dolmetscherin versteht so gut wie nichts, aber dem Chefmechaniker ist klar, dass einer der beiden eine Mitfahrgelegenheit sucht. Also lassen wir ihn einsteigen und uns den Weg nach Villanueva zeigen. Als er an der Plaza aussteigt, werden wir von den hiesigen Polizisten mit Handschlag begrüßt und ausgefragt. Die obligatorische Besichtigung der Wohnkabine folgt und ruft einmal mehr ungläubiges Staunen hervor. Einerseits ist man beeindruckt, was sich alles darin befindet, andererseits können sich die Leute nicht vorstellen, dass wir in der kleinen Kabine wohnen.
Nach einem kurzen Besuch im Steinmetzort Barichara, dessen Einwohner der Spezialität der Gegend, einer Riesenameise - die wir nicht probieren - am Ortseingang ein Denkmal gesetzt haben, und einem Abstecher nach San Gil, das wegen eines Parks bekannt ist, in dem mit langen, grauen Flechten bewachsene Bäume stehen, geht es weiter nach Villa de Leyva.
Das malerische Städtchen liegt auf gut 2100m und gefällt uns. Tagsüber brennt die Sonne, aber nachts wird es kühl. Nicht nur der alte Stadtkern besteht aus weiß verputzten Häusern, die mit kunstvollem Schnitzwerk verziert sind, sondern auch die neueren Gebäude der Umgebung passen dazu. Außerdem haben wir einen sehr angenehmen Platz bei einem Hostal gefunden, so dass wir die nächsten Tage hier bleiben. Wir lernen ein junges amerikanisches Paar kennen, dass Südamerika durchquert hat, auf der Rückreise ist und uns seine Standplatzliste überlässt. So haben wir jetzt außer den `deutschen´ Plätzen auch noch die der Amerikaner. Ein holländisches Paar kommt gerade aus Venezuela und erzählt vom Klopapierengpass, der dort ausgebrochen ist. Und zu guter Letzt verbringen wir einen langen Tag mit Wolfgang aus Berlin, der in den letzten drei Monaten Argentinien und Kolumbien als Backpacker bereist hat.
Beim routinemäßigen Wechseln der Reifen stellt der Bordmechaniker fest, dass die reparierte Kardanwelle zu lang geraten ist und deswegen das Getriebe gefährdet. So suchen wir in Tunja nach einer Werkstatt und haben Glück. Man vermittelt uns über drei Ecken, und nach zwei Stunden hat die Welle die erforderliche Länge. Wir finden sogar die einzige Stelle im Umkreis, die unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen unsere Propangasflasche, die wir zum Kochen brauchen, auffüllen kann. Der Wachmann empfiehlt uns einen Abstecher nach Paipa - Camping sei da kein Problem.
Aber hier merken wir, dass uns nichts anderes übrig bleiben wird, als die Übernachtungsplätze der `Listen´ aufzusuchen. Die Campingplatz Paipas ist geschlossen, an den Hotels lässt man uns nicht übernachten, und selbst die Polizei kann uns keinen Ort nennen, der sicher ist. Uns einfach irgendwo hinzustellen, wie wir das an anderen Orten in anderen Ländern häufig gemacht haben, trauen wir uns nicht. Zwar haben wir bisher nichts Negatives erlebt, aber in Kolumbien ist Vorsicht angesagt. So landen wir an diesem Abend an einer Tankstelle, die 24-Stunden geöffnet hat und übernachten neben Tanklastzügen.
Die berühmte Puente de Bocaya, an der die Spanier im Freiheitskampf vernichtend geschlagen wurden, entpuppt sich als winziges Brückchen inmitten einer sozialistisch anmutenden Anlage, daneben befindet sich ein Standbild des Freiheitskämpfers Bolivars, das wie ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal unserer Heimat aussieht.
Bevor wir nach Zipaquira kommen, um die Catedral de Sal zu besichtigen, wollen wir am Embalse de Neusa, einem Stausee, übernachten. Um ihn zu erreichen, geht es viele Kilometer über Piste. Wir kommen immer höher, an kleinen Kohlegruben vorbei und sind bei Einbruch der Dunkelheit endlich dort. Es ist ungemütlich und nieselt auf 3000m, die Wolken hängen tief. Obwohl wir auf einem offiziellen Campingplatz sind, und der Preis eher über dem Schnitt liegt, sind die sanitären Einrichtungen entweder ruiniert oder abgeschlossen. Erst am Morgen öffnet einer der beiden Wächter auf Anfrage die Toilette; der kolumbianische Zeltnachbar hat sein Geschäft vermutlich wie ich an einem Busch erledigt.
Die Fotografin stellt sich unter der Salzkathedrale eine helle, aufwändig gestaltete Kirche, die aus einem Salzstock heraus gearbeitet wurde, vor. In Wirklichkeit besteht die Attraktion aus grauen, poppig beleuchteten Salzstollen, die zu einem Kreuzweg führen, dessen Stationen einfallslos aus großen Salzkreuzen bestehen. Schließlich gelangt man in eine große Halle, die durch automatisch gesteuerte Lichteffekte eine gespenstisch kitschige Atmosphäre bekommt. Dazu ertönt meditative Musik, es riecht nach Popcorn. In einem Seitengang findet man Kaffeebars, Imbissstände und Souvenirshops, die Scheußlichkeiten aus dem grauen Salz und schöne Dinge von der Küste verkaufen. Natürlich kann man sich auch von einer der behelmten Damen fotografieren und sein Bild am Ausgang ausdrucken lassen.
Nach diesem kulturellen Highlight wenden wir uns kurz vor Bogota nach Westen, überqueren die Ostkordillere und rollen bergab nach Villeta, wo man keine Tiere auf dem Campingplatz erlaubt. So bleibt uns nichts anders übrig, als in einer ruhigen Seitenstraße zu übernachten. Besorgte Bewohner der `besseren´ Nachbarschaft erkundigen sich sofort nach unserem Vorhaben - man weiß nicht genau, ob sie vor uns oder um uns Angst haben - und der Wachmann erklärt sich bereit, auf uns aufzupassen.
Mit jedem Meter, den wir an Höhe verlieren, wird es wärmer. Mittags erreichen wir bei tropischen Temperaturen Honda, das am Rio Magdalena, der wichtigsten Wasserstraße Kolumbiens liegt. Auf ihr wurden früher alle wichtigen Güter zur Karibikküste transportiert. Das Gold, das die Spanier außer Landes schafften, und der Kaffee, der im letzten Jahrhundert sogar mit Hilfe einer 117km langen Seilbahn von Manizales zu diesem Fluss gebracht wurde. Nachdem wir einmal mehr die fade kolumbianische Küche überstanden haben - meine Leute sind froh, dass sie selbst kochen können - schrauben wir uns die Zentralkordillere hoch, überqueren am Paso de Letras den höchsten Punkt und gelangen nach Manizales und Chinchina.
Landschaftlich ist Kolumbien ein wahrer Augenschmaus, eines der schönsten Länder unserer bisherigen Reise. Leider sind Wanderungen und selbst Spaziergänge nur in sehr begrenztem Umfang und nach entsprechender Planung, häufig nur mit einem Führer, möglich.
Gleich hinter Chinchina beginnt das `Kaffee - Dreieck´, vor zwei Jahren zur Weltkultur-Landschaft geadelt, mit zahlreichen kleinen Kaffee-Fincas, von denen wir eine besuchen. Am besten lässt sich die hiesige Kaffeee-Produktion an den Steillagen mit dem traditionellen Weinbau bei uns vergleichen. Auch der Stolz auf die sorgfältige Gewinnung des Hochland-Kaffees in Handarbeit kommt überall zum Ausdruck.
Den Tipp zum Besuch der Finca ´El Sinai´ haben wir von anderen Reisenden bekommen. Sie waren äußerst angetan von dem überaus freundlichen Don Cesar, einem früheren Kampf- und Zivilpiloten, der jetzt im Rollstuhl sitzt. Er hat sich sein Handicap allerdings nicht bei einem Unfall zugezogen, sondern wurde von einem eifersüchtigen Nebenbuhler mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Jetzt bringt er auf temperamentvolle Art frischen Wind in das Kaff, dessen Einwohnerschaft immer noch jeden Fremden skeptisch beäugt. Wie wir vor Ort merken, ist er auf Gäste wie uns gar nicht eingestellt. Aber nach einem kurzen Anruf von ihm können wir auf dem Grundstück eines Freundes bleiben, der ein kleines Ferienhaus mit großartiger Aussicht besitzt.
Als wir am späten Samstagnachmittag in seiner Begleitung einen Spaziergang zum Mechaniker des Ortes machen, um den Luftfilter des Autos mit Pressluft zu reinigen, passiert das Unglück.
Ich habe mich tapfer durch die aufdringliche Meute der Hunde bewegt, die ihren Besitzern an Neugier in nichts nachstehen. Meine Leute beobachten besorgt einen starken braunen Hund, der jedoch, wie sie glauben, sicher hinter einem Zaun gehalten wird. Aber schon im nächsten Moment ist auch er auf der Straße, stürzt auf mich zu und fällt wie ein Berserker über mich her. Mein Leibwächter reagiert blitzschnell, versucht ihn zu packen und drischt mit dem Luftfilter auf ihn ein. Die Menge gafft, vom Besitzer der Töle ist erwartungsgemäß nichts zu sehen, und außer meinen Leuten rührt sich keiner. Nachdem das Vieh zweimal abgewehrt werden konnte, dringt es zu mir durch und beißt mich ins Hinterbein. Er hat eine Ader erwischt - Blut spritzt - erst jetzt kommt Bewegung in die Menge der Schaulustigen. Bevor der Drecksköter mich totbeißen kann, kann mein Bodyguard ihn wegzerren und festhalten. Inzwischen ist der Besitzer aufgetaucht und nimmt widerstrebend seine Kampfmaschine mit. Die Ortskrankenschwester kommt mit einer Kompresse und später sogar mit einer Decke, und Cesar organisiert den Transport zum Tierarzt. Die Dorfgemeinschaft hat ein schönes weißes Bänkchen am Ort des Kampfes, auf dem ich jetzt liege und vor mich hinblute, während wir auf das Auto warten.
Dann rast Cesar, so schnell er kann, nach Chinchina zum Tier-Notdienst. Veterinario Ricardo hat alle Mühe, das Loch in der Ader zu verschließen. Er braucht viele Tücher, um das Blut aufzunehmen, das unaufhörlich aus meinem Bein quillt, aber am Ende schafft er es, die Wunde mit vier Stichen zu nähen. Bis die Fäden am Ende der Woche gezogen werden, bin ich im Krankenstand.
Cesar ist wohl froh, dass meine Leute keinen Aufstand im Ort machen und Unruhe stiften. Er stellt uns einige seiner zahlreichen Verwandten vor, in deren Augen der Bordmechaniker ein Held ist, hilft uns bei der Beschaffung eines neuen Luftfilters und zeigt uns, wie der Kaffee verarbeitet wird. Meine Leute braten einen Berg Frikadellen für ihn und seine Familie und freunden sich überflüssigerweise mit dem Nachbarhund an. Zum Schluss dürfen wir nichts für unseren Aufenthalt bezahlen, sondern bekommen einen Metallstock überreicht, der mir zukünftige Attacken ersparen soll.
Jetzt sind wir in Salento, einem malerisch gelegenen Touristennest, und stehen auf der Wiese eines Backpacker-Hostels. Die vorwiegend jungen Gäste kommen aus den Nachbarländern, den USA, Europa und Australien. Erik, der mit einem Motorrad unterwegs ist, gibt unserem Toyota den ersten Platz auf der Liste der Reisemobile, die er bisher gesehen hat, und fotografiert jedes Detail. Eine Mexikanerin lässt die Hündin der Finca auf eigene Kosten sterilisieren, und das Pferd von der Nachbarweide steht am Zaun und lässt sich mit Bananenschalen füttern. Das Wetter ist durchwachsen, wie im deutschen Sommer. In den nächsten Tagen soll es weiter nach Süden zum `Tal der Wachspalmen´ gehen, dann durch die Tatacoa-Wüste nach San Agustin zu den großen Steinfiguren und schließlich nach Ecuador.
Übrigens, Euch allen schöne Ferien!
Hasta luego, hasta pronto!
© Die Reiseleitung 2012