Charly´s weite Reise

Juli 2013

Buenos dias, como estais?

Ich habe eine kleine Sommerpause eingelegt und mir mit dem Bericht etwas Zeit gelassen. Inzwischen müsste es ja Winterpause heißen, denn mittlerweile bin ich jenseits des Äquators, auf der Südhalbkugel, in Ecuador. Aber der Reihe nach:

Noch sind wir in Salento und machen einen Ausflug ins Nachbartal. Das Besondere an den Wachspalmen, die wir im Valle del Cocora sehen, ist, dass sie als einzige Nahrungsquelle für einen vom Aussterben bedrohten Papagei dienen. Wir machen einen Spaziergang auf einem von Touristen-Pferden zertrampelten Weg, der uns bergauf zu einer kleinen Hütte führt, in der man sich stärken kann. Man könnte weiter in den Parque Los Nevados aufsteigen, mit viel Glück einen der verschneiten Gipfel sehen und in einem großen Bogen zum Ausgangspunkt zurückkehren - aber dafür ist es heute zu spät.

Am nächsten Tag verabschieden wir uns von einem Schweizer Paar mit den schönen Namen Ursi und Urs und brechen Richtung San Agustin auf. Dazu überqueren wir hinter Armenia wieder die Zentralkordillere nach Osten und gelangen bei Espinal erneut in das fruchtbare Tal des Rio Magdalena. Unser Tagesziel ist die Tatacoa-Wüste. Laut GPS gibt es einen direkten Weg dorthin, so dass wir am späten Nachmittag dort sein sollten. Aber das Gerät hat nicht bedacht, dass man den Fluss überqueren muss. Die nächste Brücke befindet sich erst in Neiva, und so müssen wir einen langen Umweg fahren. Während wir uns durch den Feierabendverkehr der Stadt schlängeln, wird es dunkel. Als wir Neiva hinter uns lassen, sind die Schlaglöcher auf den Nebenstraßen genau so schlecht zu erkennen wie Fußgänger, spielende Kinder und Tiere, die in den kleinen, unbeleuchteten Ortschaften auf der Straße unterwegs sind. Erschöpft finden wir einen guten Platz nahe eines kleinen Observatoriums, an dem wir ungestört bleiben können.

Am nächsten Tag zeigt sich, dass wir zwar in einer trockenen Gegend, in der Kakteen wachsen, aber eigentlich nicht in der Wüste gelandet sind. Lediglich wenige erodierte Stellen erinnern an die großen Verwandten in Utah oder Mexico. Vielleicht schafft es die Zeit, hier eine wirkliche Wüstenlandschaft entstehen zu lassen - bis dahin werden noch viele Fotografen mit Teleobjektiven die Betrachter ihrer Bilder täuschen.

Nachdem wir ordentlich Wärme getankt haben, fahren wir weiter nach San Agustin. Wir sind wieder in den Bergen, es regnet. Obwohl wir nicht allzu viele Kilometer zurücklegen, brauchen wir auch hier viel Zeit, um unser Tagesziel zu erreichen. Überall gibt es Baustellen, werden Pisten geteert, die Straßen erneuert und verbreitert. Häufig kommt man nur im Schneckentempo vorwärts, weil die überladenen LKW an den Bergen nicht überholt werden können.

San Agustin ist bekannt wegen seiner großen präkolumbischen Steinskulpturen. Sie dienten der Bewachung von zahlreichen Grabkammern, die man im Boden gefunden hat. Manche tragen Steinplatten, mit denen die Gräber abgedeckt waren, andere wurden an den Eingängen gefunden. Heute stehen viele von ihnen in einem archäologischen Park, und wir Besucher können raten, welche Bedeutung sie im Einzelnen hatten.

Um nach Popayan und weiter in den Süden zu kommen, muss die Kordillere erneut überquert werden. Erfreulicherweise kann die direkte Strecke nach Popayan zur Zeit wieder sicher befahren werden, da das Militär die Guerilla aus dieser Berggegend vertrieben hat. Vor wenigen Jahren musste man den ganzen Weg bis Armenia - rund 500 km - wieder zurückfahren. Über schlammige Piste geht es durch Bergnebelwald, der seinem Namen alle Ehre macht, hinauf in den Paramo, das baumlose Hochland. Die Wolken hängen tief in den Bergen, es ist kühl und regnet. Erst am Westabhang wird es trockener und die Sicht wieder frei.

Die meisten Gebäude in Kolumbien sind aus rotem Ziegelstein, häufig unverputzt. Popayan ist eine der wenigen weißen Städte. Im Zentrum wurden die Kolonialbauten nach Erdbeben wieder restauriert und sind gut erhalten. An der Plaza bilden sich lange Schlangen vor der Bank. Girokonten und Daueraufträge sind auch in Kolumbien unbekannt, und so muss man immer noch alle Geschäfte persönlich und jeden Monat aufs Neue abwickeln.

Auf dem Weg nach Pasto fahren wir durch ein immer trockener werdendes Tal, in dem überwiegend Schwarze leben. Auch sie sind Nachfahren ehemaliger Sklaven, die auf Zuckerrohrplantagen arbeiten mussten. Heute leben sie in Lateinamerika meist in Gegenden, wo es nichts zu verdienen gibt und die Infrastruktur unterentwickelt ist.

An einem Parador Turistico finden wir unter weit ausladenden Bäumen einen Platz. Auf der großen Wiese weiden Pferde und machen die Idylle komplett. Leider werden das tagsüber gut besuchte Schwimmbad und eine Bar aus überdimensionalen Lautsprechern bis zum Morgengrauen mit Latino-Schmalz beschallt. Zum Glück tagt am nächsten Tag eine Gruppe, und die Musikanlage schweigt. Erst am Abend setzt der Lärm wieder ein, und wir flüchten zum Schlafen ans äußerste Ende des Grundstücks.

In der Nähe von Pasto, am Lago de la Cocha, haben sich Schweizer niedergelassen und eine Hotelanlage im Alpenstil erbaut. ( So etwas hatten wir auch schon in Costa Rica gesehen, dort sogar mit Drehrestaurant, das leider nur zu besonderen Anlässen in Betrieb genommen wurde. ) Um übernachten zu dürfen, muss man im Restaurant zwischen rot-weiß-karierten Vorhängen und viel Holz zu Schweizer Preisen essen. Die kolumbianischen Gäste, die sich mal etwas Besonderes gönnen, sitzen in Winterjacken, mit Mützen und Handschuhen am Nebentisch und bibbern. Da die Bauweise leider nicht den Schweizer Maßstäben entspricht, geht die Wärme des Kaminfeuers direkt durch das Dach nach draußen.

Unser letztes Ziel in Kolumbien ist der Wallfahrtsort Las Lajas. Wir sind froh, dass wir den doch ziemlich wahnsinnigen Verkehr bis jetzt heil überstanden haben und wollen außer einem letzten Übernachtungsplatz in dem schönen Land auch den Segen der Jungfrau Maria erwerben. Eigentlich ist es nämlich ganz einfach: Man hängt, stellt oder klebt ein beliebiges Bild einer Jungfrau eines beliebigen Ortes in sein Auto, bekreuzigt sich vor dem Überholen in einer unübersichtlichen Kurve und gibt Gas. Hat man das Manöver überlebt, so wirft man der Dame ein Kusshändchen zu und rast weiter. Also kauft die Fotografin nach ausgiebiger Beratung durch den fachkundigen Verkäufer ein schönes Exemplar auf dem Devotionalien-Jahrmarkt, wo Kinder auf gekämmten und mit goldenen Krönchen geschmückten Lamas reiten können.

Seitdem fühle ich mich doch deutlich sicherer; und auch wenn der Fahrer sich mit dem Bekreuzigen noch schwer tut - das Kusshändchenwerfen klappt schon ganz gut. Wir sind ja bisher mit buddhistischen und indianischen Talismanen unterwegs, aber auf dem Kontinent der Katholiken sollte man auf den Beistand der Jungfrau vielleicht nicht verzichten.

Wie Ihr seht, habe ich auch Kolumbien letztlich gut überstanden. Die Menschen sind eindeutig netter als die Hunde, und die Landschaft ist großartig. Ich finde, dass Kolumbien mehr Touristen verdient hätte.

Listo, amigos. Hasta pronto, en Ecuador!

Kontakt

© Die Reiseleitung 2012