Charly´s weite Reise
Hola, amigos!
Mitte Juli überqueren wir wenige Kilometer hinter Ipiales die Grenze nach Ecuador, das elfte Land, das wir besuchen. Hier verläuft der Äquator, die berühmte Linie, welche die Nord- von der Südhalbkugel trennt. Die Grenzprozedur ist unkompliziert und kostenlos, allerdings dauert es auch hier etwa zwei Stunden, bis alle Papiere für Mensch und Fahrzeug fertig sind - für mich interessiert man sich nicht.
Wir fahren auf gut ausgebauter Straße durch die Berge, deren Hänge mit einem Flickenteppich aus Feldern bedeckt sind. Je nach Höhenlage werden Kartoffeln, Zwiebeln, Erbsen, Getreide und andere Feldfrüchte angebaut. Es herrscht deutlich weniger Verkehr als in Kolumbien, vor allem fehlen die vielen Mopeds, die dort die Ortschaften unsicher machen.
Während in Kolumbien die Straßen dem bereits existierenden Verkehr angepasst und entsprechend ausgebaut werden, bereitet man sich in Ecuador auf eine gigantische Motorisierung in der Zukunft vor. Erstaunlich oft werden drei-, vier- und fünfspurige Trassen angelegt, obwohl kaum Autos fahren. Entlang der Fahrbahnen mahnen Schilder zu Umweltschutz: Bewahrt die Natur! Verseucht nicht das Wasser! Schützt die Bäume! Bäume gibt es allerdings im Hochland kaum noch. Lediglich am Ostabfall der Anden sind noch ausgedehnte Bergnebelwälder erhalten, und natürlich gibt es den Regenwald des riesigen Amazonasgebietes.
Unser Weg führt nach Ibarra und zu Graham, einem eingewanderten Australier, der am Rande der Stadt eine Baumschule betreibt. Er lässt Overlander kostenlos auf seinem Gelände übernachten und hat ihnen sogar ein Bad und eine Küche eingerichtet. So kann er neue Leute kennen lernen und der Eintönigkeit seiner Arbeit etwas entgegen setzen. Hier treffen wir ein junges Paar, er kommt aus Weinheim und sie aus Neustadt a. d. Weinstraße, die mit ihrem Landcruiser Richtung Kolumbien unterwegs sind. Von ihnen bekommen wir alle Reiseführer von Südamerika geschenkt - eine wirklich noble Geste!
Nach Otavalo, das nur wenige Kilometer südlich liegt, fährt jeder Ecuadorreisende. Es ist berühmt für seine Märkte, auf denen Kunsthandwerk, Gemüse und Vieh verkauft werden. Die Bewohner der Region gelten als eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Indigena-Gruppen der Anden. Wir werden in der Stadt mehrmals von Menschen angesprochen, die Deutschland kennen. Entweder waren sie selbst schon dort oder haben Verwandte, die da leben. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise haben die Leute keine Ahnung, wo Deutschland liegt.
Das Städtchen ist aufgeräumt, es gibt Ampeln und Zebrastreifen, über die ein Fußgänger gefahrlos die andere Straßenseite erreichen kann. Viele Frauen tragen Tracht und arbeiten dennoch nicht nur an Essensständen, sondern ebenso in Buchhandlungen oder auf der Post, die diesen Namen auch verdient.
Während eine Gallone Benzin oder Diesel, das sind knapp vier Liter, ungefähr einen Dollar kostet, muss man für eine Postkarte nach Europa drei Dollar bezahlen. Das wiederum entspricht dem Preis für ein dreigängiges Mittagessen. Ecuador hat Anfang des Jahres 2000 den Sucre aufgegeben und die US-Währung eingeführt. Man musste der Inflation, die zum Schluss 100 Prozent betrug, ein Ende setzen. Daraufhin sind zwar viele Preise gestiegen, aber die Wirtschaft konnte sich stabilisieren. Der jetzige Präsident Correa, der in seiner zweiten Amtszeit regiert, hat anscheinend tiefgreifende Umstrukturierungen vorgenommen. Es wird wohl nicht nur in Straßen, sondern auch in das Bildungs- und Gesundheitswesen investiert, und es gibt Mikro-Kredite für kleine Geschäftsleute. Die Wohlhabenden zahlen jetzt Steuern, und die ausländischen Ölfirmen müssen sich an Infrastrukturmaßnahmen, etwa zur Bereitstellung von Trinkwasser, beteiligen.
Wir machen einen Ausflug zur Laguna Mojanda oberhalb von Otavalo, zu der über viele Kilometer eine gepflasterte Straße führt. Bei einem Spaziergang entlang des Sees lernen wir einen Ranger kennen, der uns zu einer Spazierfahrt durch die Paramo-Landschaft einlädt. Während wir unterwegs sind, klart der Himmel auf, und wir können in der Ferne immerhin Quito sehen. Die Gipfel der hohen, schneebedeckten Vulkane bleiben allerdings hinter dicken Wolken verborgen.
An unserem letzten Morgen in Otavalo verstaucht sich die Fotografin den Fuß. So muss sich der Chefmechaniker allein das Äquator-Denkmal in der Nähe von Quito ansehen. Es ist Samstag, und `Mitad del Mundo´ ist gut besucht, auch wenn das Museum, in dem man Äquator-Experimente gezeigt bekommt, geschlossen ist. Angeblich soll es sowieso nicht stimmen, dass das Wasser im Abfluss auf der Südseite des Äquators anders herum abfließt, als auf der Nordhalbkugel. Angeblich hat man hier mit Taschenspieler-Tricks nachgeholfen, genauso wie bei der Vorführung, bei der der Regen zu verschiedenen Seiten fällt, je nach dem, ob man auf der Nord- oder Südhalbkugel ist. Ich habe lediglich feststellen können, dass er überall von oben kommt.
Was uns weit mehr beschäftigt, ist die Tatsache, dass es am Äquator so kühl ist. In den Bergen auf 2000m bis 3000m Höhe überrascht es weniger, aber auch an der Pazifik-Küste ist es nicht besonders warm. Das merken wir, als wir über Sto. Domingo ans Meer fahren und es hier bei Nieselregen kaum wärmer als 20°C wird. Auch über die Jahreszeiten ist man geteilter Meinung. Manche sagen, dass jetzt Sommer, andere, dass Winter sei. Einige verorten die Regenzeit im Dezember und Januar, obwohl wir finden, dass es jetzt im Juli ganz schön nass ist. Fest steht, dass man für einen Ecuador-Besuch warme Regenkleidung einpacken sollte.
Die Menschen, die in der Küstenregion leben, sind erschreckend arm. Die Häuser stehen auf Stelzen, sind traditionell aus Holz oder Bambus gebaut und in der modernen Variante aus Stein. Man hat kein Geld für Fenster oder Verputz, so dass die Leute in Rohbauten hausen müssen. Die Fischerorte sind in einem desolaten Zustand, und in den wenigen Städten sieht es nicht besser aus. Im Hinterland gibt es Bananen und Kakao, deren Anbau in Kleinbetrieben jedoch kaum lohnt. Erst im Gebiet Los Rios, zwischen Guayaquil und Quevedo, sehen wir auf der Rückfahrt große Plantagen und bessere Lebensumstände.
Nach einer Nacht an einer Tankstelle beginnt erneut der Aufstieg in die Berge. Da die Hauptverbindung von Quevedo nach Lacatunga gerade wegen Sprengarbeiten gesperrt ist, müssen wir viele Kilometer Piste fahren. Leider halten Nebel und Wolken die Sicht in engen Grenzen und verschwinden erst, als wir den Kamm überqueren. Wir sind wieder im Hochland nahe der Laguna Quilotoa angekommen. Wir bleiben ein paar Tage bei einem Hostal, machen Spaziergänge und genießen die Sonne. Der Wind frischt von Tag zu Tag mehr auf und bläst schließlich so, dass die geplante Wanderung auf dem Kraterrand um die Lagune nicht mehr möglich ist. Die Einheimischen sind alle vermummt, um den Wind und Staub abzuhalten.
Wichtiger Bestandteil der Trachten in den Bergen sind Tücher, die je nach Witterung um den Kopf oder den Körper gebunden werden. Manchmal ersetzen sie den Rock, als Poncho die Jacke. Außerdem dienen sie als Rucksack, Babytragetuch oder Sitzunterlage. Sollte man so ein Tuch wirklich einmal nicht brauchen, so legt man es zusammengefaltet auf den Kopf und hat es bei Bedarf zur Hand.
Da es zwar windig, aber auch sonnig ist, versuchen wir als nächstes unser Glück beim Cotopaxi, dem höchsten aktiven Vulkan der Erde. Bereits auf der Fahrt zum Nationalpark zeigt er sich, und als wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit am Besucherzentrum ankommen, können wir ihn aus der Nähe bewundern. Hier übernachten wir und hoffen, dass wir bei Tagesanbruch noch einmal Glück haben. Und tatsächlich ist am Morgen nicht nur der Cotopaxi, sondern auch der Illiniza zu sehen. Da Sonntag ist, sind auch etliche Ecuadorianer unterwegs. Einige versuchen mit ihren Stadtautos über die Pisten zu preschen, manche scheitern. Eine junge Frau ziehen wir heraus, bei der nächsten Familie überlassen wir die Hilfe den Landsleuten. Gegen Mittag kommen die Wolken, und es beginnt zu regnen. Hoch zufrieden lassen wir den Berg hinter uns - andere Traveller haben schon tagelang umsonst im Nebel gewartet um ihn zu sehen.
Unser nächstes Ziel ist der Osten, wo die Anden zum Amazonas-Becken hin abfallen. Über Sangolqui fahren wir über den Passo Guamari zu den heißen Quellen nach Papallacta. Der Bordinformatiker trotzt dem inzwischen nasskalten Wetter, nimmt ein ausgiebiges Bad und wärmt sich auf. Um zu den Wasserfällen San Rafael zu kommen, biegen wir in Baeza nach Norden ab und folgen der Öl-Pipeline.
Man fördert das Schwarze Gold am Rande des Regenwaldes bei Lago Agrio und pumpt es von dort über die Anden in den Westen zur Hafenstadt Guayaquil. Nicht jeder scheint mit den Aktivitäten der Ölfirmen einverstanden zu sein und hat seinen Protest `Texaco: Nunca Mas!´ auf die Stahlschlange gesprüht.
Im idyllischen Tal des Rio Quijos bauen Chinesen ein Wasserkraftwerk. Ob die Cascadas noch so mächtig sein werden, wenn es einmal in Betrieb ist? Zur Zeit stürzen die Wassermassen die höchsten Fälle Ecuadors voller Kraft herunter und überraschen den Besucher, nachdem er einen Spaziergang durch den üppigen Wald gemacht hat.
Das Grenzgebiet zu Kolumbien soll unsicher sein, da sich kolumbianische Drogenanbauer hierhin zurück gezogen haben und vom Militär bekämpft werden. Immer wieder kommt es dabei zu Grenzverletzungen und Flüchtlingsbewegungen nach Ecuador. Also fahren wir zurück nach Baeza und weiter nach Tena. Jetzt sind wir auf 400m Höhe, und die Wärme der Tropen umfängt uns.
Entlang des Rio Napo, einem weiteren der zahllosen Amazonas-Zuflüsse kommen wir in das Örtchen Mishualli. Hier hat man sich völlig auf westliche Touristen eingestellt, lässt freche Affen zur Freude der Besucher auf der Plaza ihr Unwesen treiben und veranstaltet Bootsfahrten in den Regenwald zu Höchstpreisen. Man kann Eingeborene besuchen - wenn man Glück hat, sind diese sogar nackt - und sich Tänze vorführen lassen.
Auf der anderen Seite des Flusses geht es wieder normal zu. Eine Fraueninitiative bietet Cabanas und Camping an. Es gibt ein Restaurant mit gutem Essen, ein kleines Museum und eine Tilapia-Fischzucht. Eine Gruppe englischer Volunteers hat ihren Arbeitseinsatz beendet und feiert Abschied. Da wir nicht weiter in das Amazonasgebiet fahren werden, schauen wir uns einen Film an und hören erstaunt, dass der Regenwald die Hälfte des Jahres bis zu fünf Meter unter Wasser steht. Ein großer Teil der Wolken steigt an der Ostseite der Anden auf, regnet sich hier ab und kommt als Wasser über die Flüsse zurück in den Wald.
Man kann von Tena mit Frachtbooten bis nach Iquitos in Peru fahren und von dort aus weiter auf dem Amazonas nach Brasilien. Diese Reise soll allerdings recht beschwerlich sein und kann ziemlich lange dauern.
Zum Glück wollen meine Leute an Land bleiben. Ihnen reichen die Pfützen und der Matsch, die sich nach den täglichen Regenfällen um das Auto bilden - zumal der Verlust einer Fußmatte zu beklagen ist, die den gröbsten Dreck draußen gehalten hatte.
Uns bleibt also nur der Weg zurück in die Berge - doch davon beim nächsten Mal!
Hasta luego!
© Die Reiseleitung 2012