Charly´s weite Reise
Buenos dias, que tal!
Obwohl im Hochgebirge gelegen ist der Grenzübergang `Los Libertadores´ einer der ältesten zwischen Argentinien und Chile. Von Mendoza aus begann der Befreiungsfeldzug von Jose de San Martin, bei dem er hier mit seinem Heer und mehr als zehntausend Pferden und Mauleseln die Anden überquerte, um die Spanier in Chile endgültig zu schlagen. Während man sich vor dem Bau des Tunnels mühsam über den Bermejo-Pass quälen und den eisigen Winden trotzen musste, kann man heute, vor den kalten Böen geschützt, in seinem Auto warten, bis die Fahrzeugschlange einen der Bürocontainer erreicht hat, in denen die Formalitäten abgewickelt werden.
Problemlos passieren wir die Grenze. Allerdings will der nette chilenische Lebensmittelkontrolleur, der bei lauter Rockmusik mit seinen Kollegen die Fahrzeuge inspiziert, unsere argentinischen Tomaten und Avocados nicht ins Land lassen. So haben meine Leute die Wahl, das Gemüse herzugeben oder so viel sie können an Ort und Stelle aufzuessen.
Die Straße windet sich in atemberaubend steilen Serpentinen die Westseite der Anden hinunter und führt schließlich in die erste größere Ortschaft, nach Los Andes. Auf der Suche nach einem Platz für die Nacht kommen wir schließlich zu einem privaten Picknickgelände. Da wir kein Zelt aufbauen wollen und somit für einen möglichen Kontrolleur nicht als Campinggäste zu erkennen wären, überlassen uns die überaus freundlichen Besitzer ihre Wiese, heizen die Dusche an und verabschieden uns zwei Tage später aufs Herzlichste.
Wir sind in Mittelchile, am nördlichen Ende des Valle Central. Dieses fruchtbare Längstal erstreckt sich bis zum Seengebiet weiter im Süden und bildet das landwirtschaftliche Zentrum. Hier liegen die großen Obst- und Weinanbaugebiete des Landes, und wir kommen in den Genuss wunderbarer Süßkirschen, Heidel- und Erdbeeren, Nektarinen und Pfirsiche.
Überhaupt haben wir Glück - wir sind genau zur richtigen Zeit nach Chile gekommen. Der Sommer hat begonnen, und alles um uns herum blüht. Schon lange haben wir nicht mehr so viele Blumen gesehen, üppige Rosenhecken in Rot und Weiß, gelbe Lupinen, meterhohe Schafgarben. Auch hier wird viel bewässert, aber da sich die Wolken an dieser Seite der Anden abregnen, führen die Flüsse ausreichend Wasser.
Auf dem Weg zum Pazifik streifen wir noch einmal die Halbwüste, die weiter nördlich in die Atacama-Wüste übergeht, und sehen schon von Weitem einen alten Bekannten - den Küstennebel. In dem kleinen Badeörtchen Papudo nieselt es, und nur einige Hartgesottene liegen am Strand oder nehmen ein Bad im Meer. Die Strandbuden haben neben Flip-Flops auch Wollmützen und Schals im Sortiment und wir fragen uns, wann sich hier der Nebel lichten und die Saison beginnen wird.
Auch das Seebad Vina del Mar wartet noch auf die etwa eine Million Gäste, die hier ihre Ferien verbringen sollen. Jetzt sind außer uns nur ein paar Jogger und Sonntagsausflügler an der kilometerlangen Strandpromenade der modernen Stadt unterwegs.
Ins benachbarte, wesentlich ältere Valparaiso ist es nur noch ein Katzensprung. Gut zweihundert Jahre lang spielte der erste größere Hafen, den man auf dem Weg vom Atlantik in den Pazifik, nach Umrundung des Kap Hoorn oder der Durchfahrt durch die Magellan-Straße, erreichte, eine wichtige Rolle - bis zur Eröffnung des Panama-Kanals 1914. Danach verlor Valparaiso viel von seiner Bedeutung, aber heute legen neben Fracht- auch Kreuzfahrtschiffe hier an und bringen mehr als hunderttausend Touristen im Jahr an Land.
Wir übernachten außerhalb der Stadt und fahren am nächsten Tag zur Besichtigung des historischen Zentrums noch einmal zurück. Ich habe Wachhundaufgaben, passe also aufs Auto auf, und lasse meine Begleiter alleine los ziehen.
Die Stadt erstreckt sich über vierzig Hügel und das Gewirr der auf- und absteigenden Gassen macht Besuchern die Orientierung schwer. So nehmen meine Leute ausnahmsweise den Reiseführer mit um nicht auf die falschen Hügel zu steigen. Von den ehemals dreißig Aufzügen, die den Bewohnern das Leben leichter machten, funktionieren leider nur noch drei oder vier. Während meine Leute also mit dem Buch in der Hand schauen, wohin sich die anderen Touristen bewegen, werden sie vom Reiseleiter einer Kleingruppe angesprochen. Er zeigt seine Visitenkarte und erzählt, dass er in eben diesem Reiseführer empfohlen werde, und lädt die beiden dann ein, sich seiner Gruppe beim Besuch eines Zauberkünstlers anzuschließen. Ein paar Kartentricks später stellt sich heraus, dass er vor seiner Auswanderung nach Chile sogar einige Jahre im Odenwald gewohnt hatte.
Der historische Teil Valparaisos hat Mühe sich dem Verfall zu widersetzen. Seit er 2003 als Weltkulturerbe anerkannt wurde, scheint etwas Geld in die Sanierung einzelner Gebäude geflossen zu sein. Die Leute bemühen sich ihre bunt gestrichenen Holzhäuser zu retten, die an den Steilhängen der Hügel kleben, aber auch die immer wiederkehrenden Erdbeben machen den Erhalt nicht einfacher.
Bis zur Hafenstadt San Antonio folgen wir der Küste nach Süden und kommen im Badeort Algarrobo am größten Pool der Welt vorbei. Mehr als tausend Meter ist das blaue Wunder lang und verwöhnt die Gäste der riesigen Ferienanlage. Während sie im angenehm warmem Wasser planschen, haben sie einen ungestörten Blick auf den Strand und die Wellen des kalten Pazifiks.
Wir ruhen uns lieber am Lago Rapel aus, auf einem schön gelegenen Campingplatz. Hier ist es wieder richtig warm, Sonnenbrandwetter. Die Fotografin rammt sich beim Versuch, eine Avocado wie ein Fernsehkoch von ihrem Kern zu befreien, das Küchenmesser in die linke Hand - ansonsten passiert nicht viel. Die Besitzerin des Platzes bietet uns gleich zweimal an, die Wäsche umsonst in ihrer Maschine zu waschen - und zum ersten Mal seit Monaten wird sie wieder sauber. Die siebte Nacht ist gratis und so bleiben wir, bis die Woche voll ist und schauen den Wochenendgästen beim Wassersport zu.
In der Nähe von San Clemente machen wir die erste Bekanntschaft mit dem chilenischen Nationalparkwesen. Wenn man wandern möchte, bleibt einem kaum eine andere Möglichkeit, als einen der Parks aufzusuchen, da praktisch das gesamte Land in Privatbesitz und somit eingezäunt ist. Die schweren Holzgatter sind mit Eisenketten und Vorhängeschlössern gesichert, und verwehren jeden Zugang. Laut dem deutschen Wanderführer `Rother´ dienen die Parks in erster Linie dazu, Eintrittsgelder zu kassieren. Die Infrastruktur ist häufig dürftig, und die Preise für Campingplätze in den Parks sind erstaunlich hoch. Für Ausländer ist der Besuch doppelt so teuer wie für Chilenen, da sie ja im Land keine Steuern zahlten, wie ein Ranger uns erklärt. Das Hundeverbot ignorieren wir inzwischen. Ich werde hinein geschmuggelt, und dann lassen wir es drauf ankommen. Bis jetzt bin ich noch nicht erwischt worden und konnte wenigstens mal wieder den ein oder anderen Waldspaziergang machen.
Außerhalb der Parks gibt es in diesem Teil Chiles fast nur Kiefer- und Eukalyptusplantagen - und diese sind ebenfalls eingezäunt. Auf dem Weg zurück zum Meer durchqueren wir ein solches Gebiet, aus dem das Holz an die Küste gebracht, dann nach Japan verschifft und dort zu Zellulose verarbeitet wird. In Constitucion erreichen wir wieder den Pazifik, wandern ein wenig durch die Dünen von Putu und besuchen die durch Vogelkot weiß verkrusteten Felsen am schwarzen Strand. Am Fischerhafen kaufen meine Leute gekochte Krebse, reißen sich beim Pulen die Finger auf und füttern streunende Hunde. Die Küste ist dünn besiedelt. In den kleinen Fischerorten versucht man über die Runden zu kommen und den Fang des Tages an die Vorbeifahrenden zu verkaufen. Ein paar Kilometer weiter im Hinterland hält man Rinder und Kühe und stellt bemerkenswert guten Käse her.
Je weiter wir nach Süden kommen - wir fahren wieder landeinwärts nach Chillan - umso vertrauter kommt mir die Landschaft vor. Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine Gegend, die in Deutschland liegen könnte. Getreidefelder, Kuhweiden und Kiefernwald bedecken die Hügel. Dazwischen tauchen kleine Ortschaften auf, die sich bei genauerem Hinsehen von deutschen Dörfern dann aber doch unterscheiden. Die einstöckigen, mit Blech gedeckten Holzhäuser stehen wie auf dem Schachbrett an staubigen, ungeteerten Straßen.
Überhaupt wundern wir uns, dass es so viele Schotterstraßen in Chile gibt. Die Panamericana bildet die Nord - Südachse und ist eine gut ausgebaute, vierspurige Autobahn mit schicken Raststätten. Ansonsten sind die Hauptrouten asphaltiert, die meisten Nebenstraßen sind, sehr zum Leidwesen des Fahrers, staubige Pisten. Der Staub ist fein wie Mehl und dringt durch alle Ritzen. Richtig unangenehm wird es, wenn man viel Gegenverkehr hat und alles um einen herum in einer riesigen Wolke verschwindet.
Seit einiger Zeit gibt das Auto Geräusche von sich. Der Bordmechaniker hört es schon lange, die Fotografin ab und zu und ich gar nicht. Es scheint vom Getriebe zu kommen, aber so ganz klar ist das nicht. Das Öl wird abgelassen, aber es zeigt sich kein Abrieb. Die Fachliteratur wird studiert, aber außer der launigen Bemerkung, dass die `Angst vor dem Getriebetod´ der ständige Begleiter des Toyota-Fahrers sei, findet sich kein hilfreicher Hinweis. Der Chef schaut sich einen Reparaturfilm an, der das fachgerechte Zerlegen eines Getriebes zeigt, und bereitet sich schon mal auf das Schlimmste vor. Dann unternimmt er einen letzten Diagnoseversuch und kommt zu dem Ergebnis, dass möglicherweise die Kupplung der Übeltäter ist. Mit dieser anscheinend guten Botschaft fahren wir nach Temuco zu Edgardo Schneider in die Werkstatt. Der nette ältere Werkstattbesitzer hat deutsche Vorfahren und spricht selber noch deutsch, was sich als Riesenvorteil herausstellt, da keiner von uns seinen Mitarbeiter versteht.
Nach einem Wochenendausflug zu den Vulkanen Lonquimay und Tolhuaca geht es am Montag wieder in die Werkstatt. Bis zum Abend ist die defekte Kupplungsscheibe ausgetauscht, das Getriebe von außen untersucht - es scheint alles in Ordnung zu sein - und alles wieder zusammen gebaut. Eine erste Probefahrt beruhigt, denn das Geräusch ist weg. Allerdings ist jetzt ein anderes Geräusch zu hören - Hilfe! Aber wir beschließen erst einmal abzuwarten, das Ganze zu beobachten und weiter zu fahren.
Wir sind in Araucanien, wo das Seengebiet Chiles liegt. Wir erleben eine Bilderbuchlandschaft, die sich bei strahlendem Sonnenschein von ihrer besten Seite zeigt. Schneebedeckte Vulkane, blaue Bergseen und Reste des ursprünglichen Urwalds ergeben ein perfektes Bild. Auf den Wiesen blühen Margeriten, an den Bachläufen wachsen meterhohe Fuchsien, die Straßenränder werden von blauen und rosa Lupinen gesäumt, und klare Bergbäche stürzen als Wasserfälle in die Tiefe. Wir finden herrliche Plätze. Mal ist es ein wunderbar gelegener Camping, ein anderes Mal ein freier Platz an einem Fluss. Es gibt Seen mit feinen schwarzen Stränden, die sogar meine wasserscheuen Begleiter ins Wasser locken. Ab und zu gibt es sogar einen Spazierweg - wenn auch leider viel zu selten.
Bis vor hundertfünfzig Jahren lebten hier die Mapuche- und Pehuenche-Indianer, die den Spaniern lange Widerstand leisten konnten. Aber schließlich wurden sie fast ausgerottet, und das Land an vorwiegend deutschsprachige Einwanderer vergeben. Diese wiederum kamen aus Enttäuschung über das Scheitern der bürgerlichen Revolution 1848 in Deutschland oder einfach um ein besseres Leben zu finden. Sie kolonisierten das Land und hinterließen ihre Spuren. So findet man `Kuchen´, verschindelte Häuschen und manchmal auch nur noch einen Namen, der an ihre Wurzeln erinnert. So heißt die Veterinärin im Touristenstädtchen Pucon, die mein Attest für die Weiterreise nach Argentinien ausstellt und kein Wort deutsch spricht, Gisela Krause.
Auf unserem Schlängelkurs durch die urtümlichen Araukarien- und Südbuchenwälder lernen wir an einem der vielen Seen ein junges Paar aus Deutschland kennen, die mit zehn Monate alten Zwillingsmädchen Urlaub machen. Sie haben sich in Santiago ein einfaches Wohnmobil gemietet, mit dem sie in sechs Wochen nach Punta Arenas, der südlichsten Stadt Patagoniens, fahren wollen. Auch Schweizer haben wir getroffen (ist da überhaupt noch jemand im Land?), die in drei Jahren fast einmal um die Welt gefahren sind. Ein australisches Paar hat den schönen Ausdruck `mid-career-break´ benutzt, um ihre Auszeit zu beschreiben. Er ist begeisterter Fliegenfischer, und Südchile ist ein Eldorado für Freunde dieser Sportart. Auch ein junger Amerikaner, Neil, ist diesem Hobby verfallen - aber beide teilen das Schicksal so vieler Angler - sie fangen nichts. Mit Neil sitzen wir abends in Puerto Fuy am Lagerfeuer, er knabbert an einem Salamibrot mit Erdnussbutter, und hören von seinen Plänen ein Jahr lang als Backpacker Neuseeland, Asien und Russland zu bereisen. Am nächsten Morgen ist er schon wieder mit seinen Angeln beschäftigt, während wir uns auf den nächsten Landeswechsel vorbereiten.
Nach vier Wochen in Chile wollen wir zurück nach Argentinien, um die viel gepriesene Gegend um Bariloche zu erkunden. Dazu wählen wir den kleinen Übergang Hua Hum, zu dem erst eine Fähre und dann eine Piste führt.
So werden wir die Feiertage irgendwo auf der anderen Seite der Grenze verbringen und das Neue Jahr auf argentinisch begrüßen. Da wir die südlichste Region Südamerikas jetzt fast erreicht haben, wird der nächste Bericht von Patagonien handeln.
Einen schönen Winter wünschen wir Euch zu Hause! Hasta luego!
© Die Reiseleitung 2012