Charly´s weite Reise

März 2014

Hola, amigos, que tal?

Der März gehört der Atacama, einer der großen Wüsten der Erde. Schon die Gegend um Valparaiso ist trocken, und die wenigen Eukalyptusbäume kämpfen ums Überleben. In Los Vilos verlassen wir die Küste und nehmen die Route durchs bergige Hinterland nach Ovalle. Wir sehen Kakteen, die flammendrot in Blüte stehen, und Ziegen, die die letzten trockenen Büsche abknabbern. Zwischendurch tauchen Täler auf, in denen Weinbau betrieben wird, und wenige Kilometer vor Ovalle liegt ein großer Stausee, dessen Reserven nahezu aufgebraucht sind.

Im Valle del Encanto fließt noch ein Bächlein, und schon vor langer Zeit haben sich Menschen hier aufgehalten und ihre Spuren hinterlassen. Petroglyphen verzieren die Felsen, die den Bachlauf säumen, und eine `Badewanne des Inka´ ist zu bestaunen. Man darf campen, und so gehört, nachdem der letzte der wenigen Besucher gegangen ist, das Tal eine Nacht lang uns.

Zurück an der Küste folgen wir der der Panamericana nach La Serena. Eine schöne, quirlige Stadt, ein langer Strand und zahlreiche Hochhäuser mit Ferienappartements erwarten uns. Wir bummeln durch die Innenstadt und laufen die Strandpromenade entlang. Meine Leute versuchen sich einmal mehr an den Fitnessgeräten, die man in Chile buchstäblich in jedem Ort findet. Später folgen wir dem Rio Elqui ins Valle Elqui. Grüne Weinfelder erstrecken sich zu beiden Seiten des Ufers. Auch hier gibt es einen riesigen Stausee, dessen Wasser den intensiven Anbau ermöglicht. Die steilen Wände der umliegenden Berge halten den kalten Südwind ab, und so gedeihen hier sogar Papayas und Zitrusfrüchte. Berühmt ist vor allem der Pisco, ein überaus beliebter Weinbrand, der aus den zuckersüßen Trauben hergestellt wird.

In Paiguano, einem kleinen sympathischen Ort, finden wir einen traumhaften Campingplatz unter Bäumen direkt am Flüsschen. Hängebrücken verbinden die Ufer, von denen aus man in die Naturbecken steigen und sich abkühlen kann. Auch zwei Motorradfahrer aus Deutschland haben diese Oase gefunden und bleiben wie wir für ein paar Tage. Sie haben viel vor: In Valparaiso sind sie gestartet und wollen in zweieinhalb Monaten erst nach Lima in Peru fahren, von dort aus mit dem Flugzeug einen Abstecher ins Amazonasgebiet machen, dann über Cusco nach Bolivien fahren und über das Altiplano und Argentinien wieder nach Chile zurückkehren.

Aber auch unser Chefnavigator will es wissen. Männer neigen zum Sammeln von `Rekorden´, und ein solcher liegt auf 4779 m Höhe sozusagen vor der Tür. Der Paso Agua Negra lockt, auch wenn wir zur Zeit nicht nach Argentinien wollen. Andere sind die Schotterpiste über diesen hohen Pass gefahren und haben davon geschwärmt. Einer der Motorradfahrer ist bei 4000 m umgekehrt, weil sein Kreislauf nicht mehr höher wollte. Und so bleibt uns gar nichts anderes übrig, als es ebenfalls zu versuchen - immerhin sind wir ja Höhen erprobt.

Nur leider ist es schon eine ganze Weile her, dass wir auf dem Altiplano waren, und leider hält die Akklimatisierung nicht ewig. Nachdem wir am Grenzposten, der viele Kilometer vor der eigentlichen Grenze stationiert ist, unsere Pässe abgegeben haben, folgen wir der Piste durch die immer wieder faszinierende Welt der vielfarbigen Felsenberge. An einem Stausee machen wir Rast, und der Chefnavigator verspürt leichte Kopfschmerzen. Noch müssen wir mehr als tausend Meter nach oben - aber egal! Der Fotografin und mir macht der schnelle Anstieg nichts aus, und so schrauben wir uns weiter in die Höhe. Als wir den Pass erreicht haben, pfeift ein eisiger Wind. Nur ein kurzer Stopp, um die obligatorischen Beweisfotos zu machen, dann geht es zügig wieder hinunter. Trotzdem brummt in dieser Nacht dem Chefnavigator der Kopf, aber am nächsten Tag geht es schon wieder besser.

Die Etappe in die Minenstadt Copiapo ist lang, und die Vegetation wird immer spärlicher. Ebenso wie die meisten anderen Städte am Rande oder in der Wüste wurde auch Copiapo wegen der reichhaltigen Bodenschätze, die es hier gibt, gegründet. Wir übernachten an einer Copec-Tankstelle und bekommen unerwarteten Besuch: Moskitos. Meine Leute verlieren den Abwehrkampf und werden ordentlich zerstochen.

Von nun an bestimmt völlige Vegetationslosigkeit das Bild. Man warnt uns, dass es bis zur Hafenstadt Antofagasta außer einer Tankstelle mit dem trügerischen Namen Agua Verde keinen Ort und keine Versorgungsmöglichkeit mehr gibt. Wasser sucht man hier vergebens. Lediglich ein paar eingestaubte, zwangsweise hierher verschleppte Bäume, die zwischen Häuserruinen stehen, bekommem wohl hin und wieder ein paar Tropfen spendiert, und fristen ihr trauriges Dasein. Alles ist völlig zugemüllt - was, abgesehen von Patagonien, auch in Chile nichts Besonderes ist - und wir ergreifen die Flucht und übernachten mitten im Nirgendwo zwischen erodierenden Felsen.

Antofagasta bekommt ebenso wie die Städte Iquiquqe und Arica sein Wasser aus den Anden, dass in Pipelines über hunderte von Kilometern an die Küste gebracht wird. Heerscharen von Stadtangestellten gießen von morgens bis abends die Grünanlagen und schaffen die Illusion einer normalen Umgebung. La Portada, ein Felsentor aus Kalkstein vor der Küste, ist das Wahrzeichen der Stadt. Von hier führt unser Weg weiter nach Calama, wo die größte offene Kupfermine der Welt liegt.

Die Straße führt durch die umgebaggerte, auf der Suche nach Bodenschätzen zerwühlte Wüste. Sie ist stark befahren, und alle paar Meter zeugt eine Gedenkstelle von den Vielen, die wahrscheinlich zu langsam unterwegs waren und deshalb ihr Leben lassen mussten. In Chacabuco schaut sich der Technikfreund einen verlassenen Ort aus der Salpeterzeit an. Salpeter diente zur Herstellung von Schießpulver und Dünger und war bis in die 1920er Jahre ein Riesengeschäft. Bolivien, zu dem die Atacama einst gehörte, verlor damals das lukrative Land an Peru, welches es seinerseits anschließend von Chile abgenommen bekam. Dann konnte man Dünger künstlich herstellen, und das Salpetergeschäft brach zusammen. Unter der Diktatur Pinochets wurde der Ort als Lager genutzt und Intelektuelle aus ganz Chile hier eingesperrt. Heute lebt nur noch der Wachmann mit seinen Hunden an dem zerfallenden Ort.

Je mehr wir uns Calama nähern, umso staubiger wird es. Bewegt man sich durch die Atacama, so kann man kaum glauben, dass ausgerechnet hier wegen der guten Sicht ins All sämtliche Superteleskope der Welt versammelt sind. Leider ist Wochenende, und die Kupfermine Chuquicamata, die für einen Teil des Staubes verantwortlich ist, für Besucher geschlossen. Also brechen wir noch einmal nach San Pedro auf, das bei unserem ersten Besuch einen so ungünstigen Eindruck auf uns machte.

Der Platz am Wassergraben ist noch da, die Touristen sind es auch, und die Fotografin meidet die Geschäfte, die sie in unfreundlicher Erinnerung hat. So besuchen wir ganz entspannt den Salar, der sich jedoch nicht weiß, sondern größtenteils lehmfarben präsentiert. Mich interessiert das Ganze wenig, und erst unsere Runde über den chilenischen Altiplano mit Vicunas, Lamas und kleinen Bachläufen macht mir wieder Spaß. Eigentlich steht das höchstgelegene Geysirfeld der Welt - Vorsicht: Rekord! - auf dem Programm. Die Geysire spucken aber aus irgendeinem Grund nur vor Sonnenaufgang, so dass man entweder sehr früh aufbrechen oder aber vor Ort übernachten muss. Der letzte Teil der Strecke entpuppt sich als Mörderpiste, und die Gummis, die den Auspuff abfedern, gehen kaputt. Das Gelände am Geysirfeld ist öde, ein kalter Wind bläst über die Berge, und die Aussicht hier zu übernachten, behagt uns gar nicht.

Wir würden gerne weiterfahren, aber da der Schnee des letzten Winters die Strecke ruiniert hat, müssen wir die Piste bis zu einer anderen Abzweigung wieder zurück. Der Auspuff schlägt gegen das Auto, und der Bordmechaniker verliert allmählich die Nerven. Auch die neue Strecke ist in einem erbärmlichen Zustand, eine Waschbrettpiste wie aus dem Bilderbuch. Nach einer Kaffepause geht es wieder und siehe da, ein kurzes Stück später - Asphalt! So kommen wir besser voran als erwartet, verlieren ordentlich an Höhe und erreichen abends bei Chiuchiu eine kleine kreisrunde, blaue Lagune. Der Rio Salado fließt gemächlich vorbei und verwandelt den Uferstreifen in ein ungewohnt grünes Band.

Als wir wieder in Calama sind, versuchen wir erneut, die Mine zu besuchen. Aber das ist umständlicher als erwartet. Man muss sich vorher in der Stadt anmelden und kann dann bei einer Tour mitfahren. Der Technikfreund gibt auf - immerhin hat er unterwegs schon einige Teile, wie die Räder und Kippermulden der Riesenmaschinen, die hier zum Einsatz kommen, gesehen. Im Supermarkt decken sich meine Leute mit Gewürzgürkchen und Knäckebrot ein, dann wenden wir uns wieder nach Westen. Schnurgerade führt die Straße nach Tocopilla, begleitet von mehreren Stromtrassen, die die Energie von der Küste nach Calama bringen.

Ein wirklich schöner Abschnitt entlang des Pazifiks beginnt. Die Straße nutzt den schmalen Streifen, den die Kordillere lässt, und schlängelt sich nach Iquique. Ab und zu kommen wir an kleinen Fischerorten vorbei, die jedoch nichts Malerisches an sich haben. Sie zeigen die Armut der Fischer, die mit ihrem Gewerbe schon lange kein Geld mehr verdienen können. Neben dem Fischfang taucht man nach Muscheln und Meeresigeln, die roh gegessen werden. Und dann erscheint wie eine Fata Morgana die Stadt.

Der Reiseführer schreibt vom Miami Chiles, was ein wenig übertrieben sein mag. Aber Wolkenkratzer gibt es viele, und je näher sie am Meer stehen, umso besser finden es die Leute. Das historische Viertel mit seinen alten Holzhäusern wurde restauriert, und man kann sie von den ebenfalls erhaltenen Holzbürgersteigen aus bewundern. Außerdem hat die Stadt die Zofri, eine zollfreie Zone, in der jede Menge Autos und Autozubehör verkauft werden. Trotzdem finden sich auch hier keine passenden Reifen für unser Fahrzeug, und wir werden auf den alten Schlappen noch einmal nach Bolivien rollen müssen.

Die zweite Nacht wollen meine Leute etwas außerhalb der Stadt verbringen, da es ihnen an dem schönen Stadtplatz, der mir gefallen hat, zu laut war. Ich höre ja nicht mehr ganz so gut und fühle mich durch feiernde Jungmänner, die ihre Fahrzeugboxen aufdrehen, eigentlich nicht gestört. Aber man fragt mich nicht, und so landen wir am Strand, etwas außerhalb. Es ist Samstagnachmittag und ein paar Familien sind da, um zu grillen. Das lockt die wenigen Hunde der Strandsiedlung ans Wasser, und sie streunen von einem zum anderen und hoffen, dass für sie etwas abfällt.

Mein Bodyguard begleitet mich bei einem kurzen Gang, als das Unglück in Gestalt eines großen, braunen Hundes mit dem Kopf eines Kampfköters über mich hereinbricht. Während er sich in mein Ohr verbeißt, packt der Chef ihn und drückt ihn mit aller Kraft zu Boden. Er schlägt ihm mit der Faust auf die Schnauze, aber das Vieh lässt lässt mein Ohr nicht mehr los. Die Fotografin hört mich und den Chef schreien und rennt herbei. Sie nimmt einen Stein und schlägt dem Angreifer sicher zehnmal auf den Schädel, bis dieser endlich sein Maul aufmacht, und ich fliehen kann. Schrecklich! Es wird eine Weile dauern, bis die Schmerzen nachlassen und noch länger, bis mein Ohr wieder zusammengewachsen ist.

In Arica, der Grenzstadt zu Peru, erhole ich mich etwas. Leider gibt es keinen Campingplatz, auf dem man ausruhen könnte, und so pendeln wir am endlosen Strand von einem Promenadenplatz zum anderen. Wasser bekommen wir von den Gärtnern, die die Grünanlagen wässern, und unsere Vorräte stocken wir im Supermarkt noch einmal auf. Dann geht es, mit einem wehmütigen Blick zum Pazifik, wieder zurück in die Wüste, hinauf in die Berge, Richtung Bolivien.

Die Straße, die ins Nachbarland führt, ist überaus wichtig für Bolivien. Damals, im Salpeterkrieg, hat das Land nicht nur die Atacama verloren, sondern auch den Zugang zum Pazifik. Später räumte Chile Bolivien das Recht ein, die Häfen in Arica und Antofagasta für seinen Handel wieder zu nutzen. So fahren fast ausschließlich bolivianische LKW diese Strecke, die sich auf nur zweihundert Kilometern Länge von Meereshöhe auf das Altiplano windet - dort oben, auf 4500 m Höhe, liegt die Grenze.

Man könnte locker an einem Tag nach Bolivien fahren. Aber da man dann vom Altiplano so schnell nicht mehr hinunterkommt, lassen wir es langsam angehen und gönnen uns zwei Übernachtungen in der Gegend von Putre. In dem Ort leben überwiegend Indigenas, die dem Volk der Aymara angehören. Und ebenso wie die Frauen in Peru oder Bolivien sind sie ihr halbes Leben mit der Herstellung und dem Verkauf von Artesania beschäftigt. Sie bieten ihre Sachen am strategisch besten Platz an, dem Aussichtspunkt über dem Dorf, und so kaufen auch meine Leute dann doch noch Mützen und Handschuhe. Ein paar Koka-Bonbons sollen dem Chef die Höhenanpassung erleichtern, und so erreicht er mit nur leichten Beschwerden ein letztes Mal das Altiplano.

Der Nationalpark Lauca ist vor allem wegen der schneebedeckten Vulkane, die sich bei schönem Wetter in der Laguna Chungara spiegeln, bekannt. Bei unserem Besuch hängen Wolken in den Bergen - aber wir wollen nicht meckern. Wir haben so viele schöne Landschaften bei bestem Wetter sehen können, dass wir leichten Herzens auf die Grenze zurollen, um Chile zu verlassen. Wenn man unsere Reise durch Chile auf Europa übertragen würde, so haben wir eine Strecke vom Nordkap bis zur Sahara zurück gelegt. Ausgesprochen vielfältige Landschaften und Klimazonen kann man in dem schmalen, langen Land durchreisen.

Jetzt sind wir wieder in La Paz am Hotel Oberland und bereiten uns auf die nächsten Etappen vor, die uns weiter nach Osten Richtung Brasilien führen sollen. Meinem Ohr geht es schon wieder ganz gut - alles Weitere beim nächsten Mal!

Hasta luego!

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