Charly´s weite Reise

Oktober 2013

Buenas dias! Como estais?

Der Grenzübertritt von Peru nach Bolivien ist unkompliziert und dauert nicht lange. Es kommen uns vor allem Fußgänger entgegen, viele festlich gekleidet, die auf dem Weg zu einer Fiesta in den Nachbarort sind. Nur wenige Kilometer, dann sind wir in Copacabana.

Der Strand ist nicht ganz so groß wie der berühmte in Brasilien, aber baden mag man im kalten Wasser dieses schön am Titicaca-See gelegenen Örtchens sowieso nicht - zumal es auch wegen anderer Dinge bekannt ist. Man kann hier vor der Wallfahrtskirche sein Auto segnen lassen, auf dass es keine Pannen und Unfälle erleidet. Man schmückt es mit Blumen und Heiligenbildern und begießt es mit Bier oder Hochprozentigem. Der ein oder andere Schluck in die eigene Kehle verkürzt die Wartezeit in der Schlange.

Unglücklicherweise verlassen sich vor allem die Fahrer der Sammeltaxen und Busse zu sehr auf die wundertätige Madonna, und so stürzt fast täglich ein Fahrzeug in eine Schlucht oder knallt gegen eine Felswand. Die Zeitungen zählen die Toten, und die Hinterbliebenen stellen Gedenkschreine am Straßenrand auf. So stehen in Peru und Bolivien nicht einzelne Kreuze, sondern häufig zehn oder mehr zusammen am Unglücksort.

In Bolivien sind die Hunde erstmals in Rudeln unterwegs. Jetzt ist die Zeit, in der die Hündinnen läufig sind, und da man weniger weibliche als männliche Tiere am Leben lässt, ist die Konkurrenz groß. Ich mache einen weiten Bogen um die kämpfenden Gruppen, aber als der Bordmechaniker eines Morgens alleine unterwegs ist, wird er von ihnen attackiert. Nur mit Mühe kann er den Biestern und der drohenden Tollwutbehandlung entkommen.

Wir haben Gesellschaft von Franzosen, die unerschrocken mit ihren für europäische Straßen gebauten Wohnmobilen unterwegs sind und einen siebten Sinn für freie Stellplätze haben. Selten findet man sie auf den üblichen Hotelhöfen, dafür auf Parkplätzen vor Krankenhäusern, Schulen oder Plazas. Auch mangelnde Sprachkenntnisse halten sie nicht von großen Unternehmungen ab, einzig das in ihren Augen dürftige kulinarische Angebot lässt sie leiden.

Und da haben sie nicht ganz unrecht, denn für Europäer ist das seit Mittelamerika übliche, immergleiche Essen, das aus großen Mengen Reis und Kartoffeln mit einem kleinen Stück zähen Fleisch oder trockenen Fisch besteht, auf Dauer frustrierend. Warum muss Brot immer trocken sein? Was machen die Leute mit dem Fleisch, dass es praktisch ungenießbar ist? Warum macht man an Salat keine Soße oder stellt wenigstens Essig und Öl dazu? Fragen, auf die man keine Antwort findet, und wo nur selber kochen hilft.

Als am Samstagmorgen ein LKW neben uns hält, riesige Boxen und die dazugehörige Musikanlage abgeladen werden, ahnen wir Schlimmes und verlassen Copacabana. Auf einer schönen Strecke nähern wir uns der Engstelle, die den großen mit dem kleineren Teil des Titicaca-Sees verbindet, und die man mit Fährbooten überqueren muss. Als wir am anderen Ufer weiterfahren, sehen wir auf einem Grundstück ein großes Schilfboot.

Zufällig haben wir die Werkstatt entdeckt, die für Thor Heyerdal die Boote Kontiki und Ra gebaut hat. Mit ihnen konnte er schließlich beweisen, dass die frühen Peruaner mit solchen Schiffen bis in den Südpazifik gelangen konnten. Der Besitzer zeigt uns Fotos und erzählt, dass er schon auf mehreren Tourismusmessen in Europa sein Land vertreten hat. Heute stellen sie auch Terrassenmöbel in modernem Design aus Schilf her, die in alle Welt verschickt werden.

Leider können meine Leute kein Sofa mitnehmen, und so gesellt sich die Dame des Hauses dazu und preist ihre Webarbeiten an. Da kann man dann schließlich nicht nein sagen und will eines der teuren Stücke erwerben. Dass wir nicht genug Bolivianos haben, sei kein Problem, man nehme auch Dollar und Euro. Wie schon in Peru wird jeder Geldschein genau angeschaut, ob er auch ja keine Macke hat. Als einer der Dollarnoten einen kleinen Riss aufweist, droht das Geschäft noch zu platzen. Angeblich bedeute dies einen Wertverlust von mindestens fünfzehn Prozent, die die Geldwechsler einbehalten würden. Zum Glück haben wir noch einen Schein in Superqualität, der den hohen bolivianischen Ansprüchen genügt.

Am Nachmittag erreichen wir El Alto, die inzwischen selbständige Vorstadt von La Paz, die noch auf der Hochebene liegt. Wir versinken für die nächsten Stunden im Verkehrschaos. Als wir endlich die richtige Straße gefunden haben und dem Gewimmel von Marktständen und Taxis entkommen sind, blicken wir hinunter auf die größte Stadt Boliviens. Sie zieht sich tausend Höhenmeter eine Schlucht hinab, und die roten Backsteinhäuser breiten sich über die Steilhänge aus. In der Mitte überragen die Hochhäuser die Kathedrale und den kolonialen Restbestand. Die Armen leben oben und die Reichen unten.

Um zu dem einzigen uns bekannten Stellplatz zu kommen, müssen wir die Stadt komplett durchqueren. Wir gelangen zum schicken Hotel eines Schweizers und können dort in einem stiefmütterlich behandelten Hof parken. Das Beste ist ein modernes und sauberes Badehaus und das gute Restaurant. Hätten wir nicht ein paar Dinge zu erledigen, würden wir wohl nicht lange bleiben. Aber der Toyota braucht neue Filter und ich eine ärztliche Gesundheitsbescheinigung für die Weiterreise nach Chile.

Erfreulicherweise kommt ein weiteres Auto auf den Platz. Ein Paar aus Deutschland reist mit einem PKW, einem Kombi, durch Südamerika. Sie sind immer für mehrere Wochen unterwegs und lassen ihr Auto dann stehen, bis sie zur Weiterreise wieder da sind. Ihr seht, es gibt viele Möglichkeiten um ferne Welten zu erkunden! Als wir abends zusammen grillen, stellt sich heraus, dass die Fotografin und die nette neue Platznachbarin sich als Kinder schon einmal kannten. Sie besuchten die gleiche Klasse in der Grundschule, wohnten im gleichen Viertel und spielten zusammen. Dass man sich ausgerechnet hier wieder über den Weg läuft, ist mehr als erstaunlich.

Die nächsten Tage verbringen wir mit endlosen Fahrten durch die Stadt um unsere Besorgungen zu machen. Dummerweise ist die Glasplatte, die unseren Küchenblock abdeckt, zu Bruch gegangen, und wir wollen sie durch eine Edelstahlplatte ersetzen lassen. Zufällig kommen wir zu einer Werkstatt, die Sonderanfertigungen für Offroad-Fahrzeuge macht und von dem Auftrag ganz begeistert ist. Sie geben sich richtig Mühe, und die Platte passt schließlich wie angegossen. Auch die Autoteile sind irgendwann da, und so können wir uns ganz der Prozedur `Gesundheitsbescheinigung´ widmen.

Für mich interessiert sich dabei niemand. Anstandshalber gehe ich mit zur Veterinärin, die das Zeugnis ausstellt und uns zur richtigen Bank schickt. Dort überweisen wir die Gebühr für die SENASAG, das zuständige Amt. Außerdem braucht man von allem Kopien... Ihr ahnt schon, wie es weitergeht? Nun, ich will Euch nicht mit der Beschreibung einer bürokratischen Prozedur langweilen, die am Ende drei Tage dauert und offiziell noch nicht einmal abgeschlossen ist. Auf den letzten Stempel zur `Legalisierung´ verzichten wir und verlassen La Paz.

Als wir auf dem Altiplano nach Uyuni rollen, sehen wir die elenden Bedingungen, unter denen die Menschen ihr Dasein fristen. Schockierend sind die Außenbezirke der Kleinstadt Oruro. Kein intaktes Haus, Krater in den ohnehin unbefestigten Straßen, Müll, wohin man schaut. Von hier, dem Hochland, bekam Präsident Evo Morales viele seiner Stimmen, und sein Bild prangt jetzt auf jedem Straßenschild und in jedem Geschäft. Ob er wird halten können, was er verspricht?

Weiter geht es nach Süden. Der Asphalt hört auf, die Piste beginnt. Wir werden außer wenigen Metern im Zentrum von Uyuni bis Chile keine geteerte Straße mehr finden. Zunächst wollen wir zum größten Salzsee der Erde, dem Salar de Uyuni. Abends erreichen wir das Ufer, an dem nur noch zwei, drei Hotels stehen.

Ich bin entsetzt. An die baumlose Hochebene hatte ich mich gerade so gewöhnt, aber das hier ist wirklich das Letzte. Trockener, versalzter Lehm, in dem nicht einmal mehr ein Grashalm wächst, ist definitiv nichts für Hunde. Ich habe Mühe, einen Erdhaufen zu finden um mein Geschäft zu verrichten. Am nächsten Tag fahren wir zu allem Überfluss auch noch auf den Salar.

Es ist trocken, so dass man problemlos die Salzkruste befahren kann. Außer uns sind noch etliche Geländewagen mit Touristen und unsere neuen Offroad-Freunde aus La Paz unterwegs. Man trifft sich am ersten aus Salz gebauten Hotel, das mittlerweile wieder baufällig ist. Dann fahren wir ein gutes Stück auf der endlos erscheinenden, weißen, wabenförmigen Oberfläche dahin, bis meine Leute glauben, dass sie eine gute Stelle für die obligatorischen Salar-Fotos gefunden haben. Ich steige gar nicht erst aus, mir ist das zu blöde. Wie alle anderen auch nutzen sie die schattenlose Umgebung, um ein bisschen in die Foto-Trickkiste zu greifen und Bilder für die Ewigkeit zu schießen. Immerhin fahren wir wieder zurück und übernachten nicht in der Salzwüste.

In Uyuni füllen wir unsere Vorräte auf und starten nach einem Mittagessen zur Lagunenroute. Diese soll uns durch das Reserva Nacional de Eduardo Avaroa bis zur chilenischen Grenze führen. Wir übernachten irgendwo am Rande der Piste, die bis zur Abzweigung zum Park hinter Villa Alota in gutem Zustand ist. Bis hierhin sind wir praktisch allein auf der Welt, nur sehr vereinzelt tauchen Lehmziegelhäuser in der kargen Landschaft auf. Und dann sind sie auf einmal da, die Geländewagen mit den Touristen, und rasen mit höchst möglicher Geschwindigkeit durch den Sand und über die Geröllfelder, riesige Staubwolken hinter sich aufwirbelnd.

Ab hier gibt es bis zum eigentlichen Parkeingang keinen festgelegten Weg mehr, sondern jeder fährt, wo er will. Die Richtung ist klar - immer den Reifenspuren nach - und der Blick auf das GPS dient nur noch der groben Orientierung. Wir fahren über eine Bergkuppe, und plötzlich taucht die erste Lagune vor uns auf. Tiefblau, mit weißen Salzrändern und rosa Punkten, die sich beim Näherkommen als Flamingos entpuppen. Unterschiedliche Mineralien und Algen geben jedem der Seen, an die wir nun kommen, eine andere Farbe.

Wir übernachten auf 4600m und können zum ersten - und bisher einzigen Mal - die Standheizung nicht benutzen. Zwar stehen wir im Windschatten einer Felswand, aber dennoch wird es richtig kalt. Morgens ist sogar das Wasser im Hundenapf gefroren, aber die Sonne hat Kraft. Schon nach dem Frühstück ist es deutlich wärmer und bald schon braucht man keine Jacke mehr. Wir erreichen die rot gefärbte Laguna Colorada und schließlich den Zoll.

Der bolivianische Zollposten liegt auf über 5000m bei einer Borax-Mine und einem Geysir. Möglicherweise hat man ihn wegen des heißen Wassers hier angesiedelt, das für die vermutlich einzige Zentralheizung auf dem Altiplano genutzt wird. Nach einer Minute ist das Auto ausgestempelt, und weiter geht es, an einer Gruppe Radfahrer vorbei, die zehn Tage für diese Strecke brauchen, zu den Termales.

Kleine Becken mit angenehm warmen Wasser liegen am Wegesrand, aber für ein Bad ist meinen Leuten der Wind zu kalt. An der Laguna Verde übernachten wir ein weiteres Mal, und der Bordmechaniker riskiert den Betrieb der Heizung. Sie läuft, die Stimmung ist bestens und die Landschaft bei Sonnenuntergang fantastisch. Je länger wir uns in dieser entrückt wirkenden Umgebung befinden, umso besser gefällt sie uns. Wir können nur jedem Bolivienreisenden den Besuch dieser abgelegenen Gegend empfehlen, wenn nicht mit dem eigenen Fahrzeug, dann vielleicht mit einer organisierten Tour.

Am nächsten Morgen umrunden wir die letzte Lagune und kommen zum Parkausgang. Hier stehen Tourjeeps aus Chile - die Grenze naht. Noch ein paar Kilometer, dann taucht der bolivianische Grenzposten auf. Während wir parken, schließt der Beamte noch schnell den Schlagbaum, damit alles seine Richtigkeit hat. Dann stempelt er die Pässe aus, und weiter geht es.

Um in Chile einzureisen, fahren wir gut sechzig Kilometer nach San Pedro de Atacama. Wir wissen nicht, dass seit Mitte September auch die Möglichkeit einer direkten Weiterfahrt nach Argentinien besteht, und landen so in dem mit Abstand übelsten Touristennest, das wir bisher gesehen haben. In dem staubigen Ort verlangt man Mondpreise und behandelt zum Dank die Touristen mit ausgesuchter Unhöflichkeit. Trotzdem ist das Kaff voll mit ausländischen, meist jugendlichen Gästen.

Während wir gerade die Tankstelle suchen, um uns anschließend im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub zu machen, hält Eugen neben uns und fragt, ob er uns helfen könne. Zuerst zeigt er uns den Weg zur Zapfsäule und dann einen schönen Platz außerhalb des Ortes am ausgetrockneten Fluss, aber neben einem Bewässerungskanal. So kommen wir doch noch zu einer Verschnaufpause, befreien das Auto vom gröbsten Dreck und schwatzen mit Eugen, der seit fast zehn Jahren in Südamerika umherzieht und viele Geschichten auf Lager hat.

Aber nach zwei Tagen drehen wir um und fahren die gleiche Straße zurück in die Berge. Diesmal jedoch biegen wir nicht nach Bolivien ab, sondern fahren weiter zum Paso de Jama, wo die Grenze nach Argentinien liegt.

Es war schön in den Ländern der Indios, auch wenn wir manches mit Verwunderung oder Bestürzung gesehen haben. Aber ich freue mich jetzt auf Gauchos, argentinische Steaks und etwas mehr zivilisatorischen Komfort. Eugen zumindest meinte, das Schlimmste hätten wir hinter uns!

Hasta luego, amigos!

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