Charly´s weite Reise

April 2014

Buenos dias! Que tal?

Als wir die Grenze nach Bolivien erreichen, haben meine Leute irgendwie vergessen, welch bürokratischer Irrsinn sie gleich erwartet. Es müssen nicht nur Kopien von allen möglichen Dokumenten gemacht werden, sondern die Dame vom Zoll verlangt auch ein Gesundheitszeugnis für mich, da wir aus Chile einreisen. Sie bekommt das mit vielen Stempeln versehene, mehrseitige Papier aus Patagonien gezeigt - und ist zufrieden. Die vielen Kopien können leider keinesfalls an Ort und Stelle gemacht werden, und so laufen meine Leute zu einem der Läden, die sich hinter der Grenze befinden, und auf dem groß `Copias´ steht.

Der junge Typ blickt kaum auf, als sie eintreten und meint nur, der Kopierer sei `mal´, außer Betrieb. Auf die Frage, wo man denn noch kopieren könne, deutet er vage die Straße hinauf. Auch im nächsten Laden ist der Kopierer angeblich `mal´ und im übernächsten auch. Als sich das Spiel ein weiteres Mal wiederholt, wird die Fotografin stur und meint, sie bleibe jetzt da, bis er wieder funktioniere. Ein Mann, der sich ebenfalls in dem Laden aufhält, sagt daraufhin etwas zu der jungen Frau, die hier arbeitet, und plötzlich geht der Kopierer dann doch.

Auch das Zolldokument für das Auto wird in diesem bescheuerten Kaff registriert, und zwar von dem gleichen jungen Typ, den sie als ersten kennen gelernt haben. Um alles zu bezahlen, muss man noch schnell bei einer der Geldwechslerinnen, die zwischen den LKW auf der Straße kauern, Bolivianos tauschen, und schon kann man zurück zur Grenze, wo man dann noch eine Stunde auf die endgültige Ausstellung des eigentlichen Dokuments warten soll. Aber der Chef ist ja kein Anfänger mehr. Er bleibt einfach freundlich lächelnd am Schalter stehen und kann den Vorgang dadurch erheblich beschleunigen. Leider wird das Auto nur für dreißig Tage ins Land gelassen, während wir für neunzig Tage Aufenthalt bewilligt bekommen - dies könne man aber in La Paz noch ändern lassen. Willkommen in der dritten Welt!

In La Paz genießen wir dann die Annehmlichkeiten des Hotel Oberland: saubere Duschen mit warmem Wasser, gute Küche und Internet. Endlich bekommt das Auto auch neue Reifen, so dass wir uns den Pisten wieder gewachsen fühlen. Eigentlich haben wir es nicht eilig und beschließen, das Dokument für den Toyo verlängern zu lassen. Es geht in die Stadt, das Auto wird in der Nähe des Zollamts geparkt, und ich bekomme den Auftrag, aufzupassen.

Und dann passiert es. Meine Leute haben sich kaum in Bewegung gesetzt, als die Fahrertür geöffnet wird. Ich liege hinten und denke mir, dass sie wohl etwas vergessen haben. Dann macht sich jemand an der hinteren Tür zu schaffen, aber als sie sich öffnet, blicke ich in das verschlagene Gesicht eines Diebes. Jetzt gilt es und so gebe ich mein Bestes und belle wie ein Wahnsinniger. Der Gauner fährt der Schrecken in die Glieder, er schlägt nach mir und verpasst mir einen Hieb ans Auge. Aber er traut sich nicht weiter ins Auto hinein, sondern ergreift die Flucht. Zum Glück kommt der Chef nach wenigen Minuten wieder.

Er stellt entgeistert fest, dass die Schlösser kaputt sind und seine Sonnenbrille und das Display vom Radio fehlen. Meinen Einsatz nimmt er vorerst gar nicht zu Kenntnis, sondern lässt seinen Reisepass aus der Hand fallen, springt ins Auto und will der Fotografin entgegen fahren. Sie hat ironischerweise einen bewachten Parkplatz gesucht und die erstaunliche Auskunft bekommen, dass man dort sein Auto mit Schlüssel abgeben muss, angeblich, um das Fahrzeug umstellen zu können! Als sie sich ein paar Meter weiter treffen, ist die Aufregung groß, und sie wird noch größer, als sie endlich den Verlust des Reisepasses bemerken.

Obwohl nur wenige Minuten vergangen sind, ist er spurlos verschwunden. Zum Glück ist die Botschaft nicht weit und die Beschaffung des Ersatzdokuments kann zügig in Angriff genommen werden. Und jetzt endlich entdeckt die Fotografin, dass mein Auge wie das von Karl Dall aussieht. Die beiden Pappnasen fangen langsam an meinen heldenhaften Einsatz zu würdigen und kommen allmählich darauf, dass die Veluste weit größer sein könnten. (In der Werkstatt, die ein paar Tage später die Vorrichtung für ein zusätzliches Schloss anfertigt, meint man ganz trocken, dass normalerweise das ganze Auto weg wäre.)

Mein Auge erholt sich schnell, die Schlösser können repariert und die Sonnenbrille ersetzt werden. Musik gibt es vorerst keine, und der Zoll sieht uns auch nicht mehr. Wir lernen noch eine Italienerin, zwei Franzosen und eine deutsche Reisegruppe kennen. Die Deutschen sind mit einem zum Bus umgebauten LKW unterwegs und reisen von Chile über Bolivien nach Brasilien. Das Reiseleiterpaar erzählt uns, dass sie gerade in eine der berüchtigten Straßenblockaden gekommen wären und diese nur mit Mühe hätten umfahren können.

Diese bloqueos werden seit Jahrzehnten von den unterschiedlichsten Gruppen veranstaltet, um politische oder gewerkschaftliche Forderungen durchzusetzen. So sind sie Dauerthema bei Bolivienreisenden und können mancher Fahrt eine unangenehme, mitunter mehrere Tage dauernde Zwangspause bescheren. Zur Zeit sind die Minenarbeiter in `Verhandlungen´ mit der Regierung, aber auch Studenten haben eine der wenigen Hauptverkehrsstraßen unpassierbar gemacht. Auch unsere Planung gerät durch die drohenden Sperrungen etwas durcheinander.

Nach zehn Tagen verlassen wir La Paz, überqueren den Paso La Cumbre mit seinen mehr als 4700 Metern und fahren in die Yungas, wie hier die tief eingeschnittenen Täler auf der Ostseite der Anden heißen, hinunter. Über die berühmte Todesstraße, die sich einspurig nach Coroico windet, tauchen wir in den grünen Teil Boliviens ein. Subtropische Vegetation und feuchte Schwüle nehmen mit jedem Kilometer abwärts zu. Die Wolken ziehen an uns vorbei, um sich oben in der Höhe aufzulösen. Früher war die Todesstraße die einzige Verbindung und entsprechend gefährlich, wenn einem LKW oder Busse entgegen kamen. Inzwischen gibt es eine gut ausgebaute Alternativroute, und die alte Trasse gehört vor allem den Mountainbikern und Touristen wie uns.

Von Coroico aus könnte man durch das Tiefland weiter nach Osten fahren, und eigentlich ist das auch unsere Absicht. Die Piste nach Trinidad soll nach den starken Regenfällen, die weite Teile Boliviens unter Wasser gesetzt hatten, wieder befahrbar sein. Allerdings ist ein Teil der Strecke zur Zeit Baustelle und nur nachts geöffnet. Nachtfahrten jedoch sollte man hier vermeiden, schon bei Tag sind die Pisten oft unangenehm zu fahren. Die Besitzerin des Hostels, bei dem wir übernachten, weist uns außerdem darauf hin, dass wegen der zahlreichen LKW viel Staub auf uns zukäme. Die fünfhundert Kilometer Piste durch die Berge nach Cochabamba kann sie auch nicht wirklich empfehlen, denn wenn man Pech habe, müsse man nach der Hälfte der Strecke umkehren, weil eine Brücke kaputt sei.

Also bleibt nur der Weg zurück über La Paz, und wegen der drohenden Blockaden brechen wir schweren Herzens am nächsten Tag wieder auf. Widerwillig durchqueren wir noch einmal die Stadt und das Altiplano bis kurz vor Oruro, übernachten an einer schmuddeligen Fernfahrerkneipe und setzen dann unseren Weg nach Cochabamba fort. Hunde haben den Straßenrand in der Nähe ihrer Gehöfte unter sich aufgeteilt und warten in regelmäßigen Abständen, dass etwas Fressbares aus den Fenstern der vorbei fahrenden Autos fliegt. Vielleicht haben sie sich das von den Alten abgeschaut, die ebenfalls am Straßenrand sitzen und auf milde Gaben hoffen.

Ganz allmählich werden die Pässe, die wir überqueren, niedriger, und die Landschaft grüner. Hinter Cochabamba nehmen wir die alte Trasse, die sich irgendwo in den Bergen in eine Piste verwandelt, und fahren durch Orte, die nach dem Bau der neuen Straße, die durchs Tiefland führt, endgültig abgehängt scheinen. Als wir eine Pause machen, kommt eine Frau und fragt nach Medikamenten. Die wenigen Geschäfte verkaufen nur das Allernötigste, die ganze Gegend ist auf Selbstversorgung eingestellt.

In Samaipata haben sich einige Deutsche und Holländer angesiedelt und ein Minimum an touristischer Infrastruktur aufgebaut. Wir treffen die deutsche Reisegruppe wieder, die sich als süddeutsche Stoffeltruppe entpuppt, und installieren seit langem wieder unser Moskitonetz. Santa Cruz liegt bereits im Tiefland und ist eine wohlhabende, nicht sonderlich sehenswerte Stadt, die sich weit ins Umland ausdehnt. Jetzt haben wir die Anden wirklich hinter uns gelassen und das schwülwarme, grüne Flachland vor uns.

Es geht nach Nordosten durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet, dann biegen wir auf die Missionsroute ab. Die deutschsprachigen Jesuiten kamen im 18. Jahrhundert vom Atlantik aus in diese Gegend und gründeten Siedlungen. Mit den ansässigen indianischen Volksstämmen sollen sie in gutem Einvernehmen gelebt, und auch ihr Missionierungseifer soll sich in Grenzen gehalten haben. Jede der Missionen hatte eine eigene, schlagkräftige Truppe, die eine ganze Weile die Unabhängigkeit in dem entlegenen Urwaldgebiet sichern konnte. Aber letztendlich war ihr Treiben sowohl den Spaniern als auch den Portugiesen suspekt, sie wurden besiegt und die Indianer als Minenarbeiter versklavt und verschleppt.

Die Missionen verfielen, bis sich vor einigen Jahren Restauratoren der Kirchen mit ihren Wandgemälden annahmen. Die Unesco vergab ihr Weltkulturerbe-Siegel und so können die wenigen Touristen, die sich in die Gegend verirren, die Gebäude in neuem Glanz bewundern. Die Ortschaften sind von Viehweiden und Wald umgeben, der in Bolivien noch weite Teile der Ebene bedeckt.

Endlich treffen wir wieder auf die Straße, die uns nun auf direktem Weg nach Brasilien führt. In Chochis bewundern wir noch die roten Felsen, und in Aguas Calientes gelangen wir an einen Thermalfluss mit fast vierzig Grad heißem Wasser. Es ist Wochenende, und der erste Campingplatz gleicht eher einem Festival-Gelände, dass sich nach einem Regenschauer allmählich in ein Schlammloch verwandelt. Viele Familien sind zum Baden und Grillen angereist, und laute Musik quillt aus übersteuerten Autoanlagen. Uns ist das Wasser bei den tropischen Außentemperaturen eindeutig zu warm. Aber die Einheimischen sehen das anders und halten sich stundenlang in dem hüfthohen Fluss auf.

Erfreulicherweise gibt es noch einen weiteren Platz, der in einem wesentlich besseren Zustand ist. In der Nacht beginnt es zu regnen, und am nächsten Morgen packen die Leute ihre Sachen zusammen und reisen ab. Als es mittags wieder trocken wird, sind wir alleine mit den Moskitos. Die Fotografin haben sie schon an die hundert Mal gestochen, und an etlichen Stichen haben sich kleine Bläschen gebildet. So schön es hier aussieht, so unangenehm ist oft der Aufenthalt.

Wir nähern uns der Grenze und beschließen, unsere letzten Bolivianos in Diesel zu investieren. Bis jetzt haben wir immer den für Ausländer vorgesehenen dreifachen Preis, etwa neunzig Cent für den Liter, bezahlt. Aber an dieser Tankstelle will man uns anscheinend noch ein Abschiedsgeschenk machen und gibt den Treibstoff zum ortsüblichen Tarif ab. So haben wir noch einiges an Geld über, als wir nach umständlicher Zollprozedur auf bolivianischer Seite kurz vor Corumba die Grenze passieren.

Die brasilianischen Formalitäten sind kaum der Rede wert, und nach nicht einmal zehn Minuten sind wir im Land. Nur will hier niemand bolivianisches Geld haben, und so muss der Bordmechaniker noch einmal zu Fuß zurück, um die letzten Scheine zu tauschen. Im Grunde sind wir froh, Bolivien hinter uns zu haben. Es ist mühsam zu bereisen, und auch die Leute sind uns nicht wirklich ans Herz gewachsen. Mir waren die vielen streunenden Hunde nicht geheuer, die wirklich an jeder Ecke herumlungern und sich häufig unmöglich aufführen.

Das ist, soviel kann ich jetzt schon sagen, in Südbrasilien anders. Es macht wieder Spaß spazieren zu gehen, die Hunde sind weitgehend unter Kontrolle und die Leute ausgesprochen freundlich. Nur das Portugiesisch macht uns ein wenig zu schaffen!

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