Charly´s weite Reise

Mai 2014

Hola, amigos! Que tal?

Nachdem wir auch die Grenze nach Uruguay ohne Probleme passiert haben, ist unser erster Eindruck von der sogenannten Schweiz Südamerikas: Hier herrscht ziemlich wenig Betrieb. Von den rund vier Millionen Einwohnern lebt etwa ein Drittel in der Hauptstadt Montevideo, die anderen verteilen sich weiträumig im Rest des Landes, das etwa halb so groß wie Deutschland ist. Es ist kaum Verkehr auf den Straßen, die Küstenorte an den endlosen Sandstränden sind klein und wirken ohne Sommergäste seltsam unbewohnt. Kühe und Schafe hingegen sind zahlreich und weiden auf saftigen Wiesen unter Palmen. Den Beinamen `Schweiz´ hat Uruguay allerdings nicht wegen der Kühe bekommen, sondern wegen seines erfolgreichen Bankwesens.

Wir kommen nach Santa Teresa, wo eine gut erhaltene Festung zu besichtigen ist. Das Fort liegt in einem großen Park, der sich bis zu den Dünen am Meer erstreckt. Der Nationalpark wird vom Militär auf sehr angenehme Art verwaltet. Man kann hier schön campen, lange Strandspaziergänge unternehmen und kleinen grünen Papageien zuschauen, die ihre großen Gemeinschaftsnester hoch oben in die Bäume gebaut haben und mit viel Getöse ihren Geschäften nachgehen. An einem See entdecken wir noch einmal die merkwürdigen Sumpfschweine, die gar keine Schweine, sondern die größten Nager der Erde sind, und, als sie uns sehen, nicht grunzen, sondern bellen. Nach ein paar Tagen wollen wir jedoch weiter und die letzten Vorbereitungen für die Heimreise treffen.

Dazu braucht man einen passenden Standort, und es sind mal wieder Original-Schweizer, die nicht nur ganzjährig geöffnet haben, sondern auch über einen guten Internetzugang verfügen. Das Wetter ist herbstlich, es windet und regnet, und der Aufenthalt im Auto ist bei dieser Witterung nicht sonderlich spaßig. So sind wir ganz froh, dass es nach einigen Telefonaten schließlich mit der Buchung der Flüge klappt, auch wenn das Ende der Reise so in greifbare Nähe rückt. Wir werden von Buenos Aires nach Madrid fliegen, da es die einzige günstige Möglichkeit ist um direkt nach Europa zu kommen - wichtig, da ich ja dabei bin. Der Flug darf nicht zulange dauern, und meine Leute wollen mich auch nicht bei irgend einem Zwischenstopp verlieren. Jetzt müssen wir noch auf die Bestätigung warten, dass Iberia mich auch mitnimmt, und machen übers Wochenende einen Ausflug nach Punta del Este.

Hier zeigt sich, dass es auch in diesem Teil der Erde Leute mit viel, viel Geld gibt. Ein Hochhaus reiht sich ans nächste, jedes will höher und schöner sein als der Nachbarturm, und obwohl die meisten Appartments nur im Sommer bewohnt werden, scheint sich das alles zu lohnen. Wir übernachten am Jachthafen, in dem jetzt auch nicht viel los ist. In den wenigen Restaurants und Edelläden, die noch geöffnet haben, warten einsame Kellner und frierende Verkäuferinnen auf die wenigen Kunden, die sich bei dem kalten Wind auf die Straße trauen. Nur am äußersten Ende zeigt sich noch der alte Ort mit kleinen, niedrigen Häusern, Kirche und dem Leuchtturm.

Wir sind am Rio del Plata, aber der Fluss ist so breit, dass man glaubt noch am Meer zu sein. In Punta Ballena kommen wir zufällig zur Museums - Werkstatt des Malers Paez Vilaro, das in einem ungewöhnlichen Haus, der casapueblo, untergebracht ist. Während meine Leute einen Rundgang durch die Ausstellung machen, schaue ich den Paraglidern zu, die die Aufwinde an der Landzunge nutzen. Wir fahren die Küstenstraße weiter nach Westen, übernachten ein letztes Mal am Strand, kaufen doch noch einen Mate-Becher mit silbernem Trinkhalm, obwohl das Gebräu wirklich ungenießbar zu sein scheint, und sind schließlich wieder im Pueblo Suizo am Stellplatz.

In Maldonado haben wir Holzplatten besorgt, mit denen wir den Innenraum des Autos gegen die Fahrerkabine abtrennen wollen. Das wird für die Verschiffung nötig sein, um potentiellen Dieben das Leben schwer zu machen. Jetzt treffen meine Leute alle Vorbereitungen für den Umbau, sägen die Bretter zu, bohren Löcher vor und überlegen, was wo wie verstaut werden muss. Gerade als sie fertig sind, kommen Reisebekannte, die wir vor einem halben Jahr in Chile kennen gelernt haben. Während die Zweibeiner einen längeren Schwatz halten, gehe ich auf Futtersuche und finde zwar kein Sumpfschwein, aber immerhin einen kleinen, toten Nager. Wie wäre es, wenn ich, ganz allein auf mich gestellt, überleben müsste? Würde ich, wie jetzt, zögern? Sicher nicht. Also fasse ich mir ein Herz und verspeise schließlich meinen Fund mit Haut und Haar.

Die Schnellstraße führt uns nach Montevideo, in die beschauliche Millionenstadt, und wir kommen entlang der Küstenpromenade zum Leuchtturm. Hier kann man sich unter die Flanierer mischen und ungestört die Nacht verbringen. Am nächsten Morgen schauen wir uns das kleine, historische Viertel an, und machen dann einen letzten Satz nach Colonia del Sacramento. Die Fährtickets sind schnell gekauft und die Abfahrtszeit, morgens um halb fünf, wird mit Schaudern zur Kenntnis genommen. Einen Tag haben wir aber noch, um uns das Weltkulturerbe-Städtchen anzuschauen. Es wurde als Festung von den Portugiesen am Nordufer des Flusses errichtet, nachdem die Spanier bereits das Südufer an der Stelle besetzt hatten, wo heute Buenos Aires liegt. Colonia kann auf eine wechselvolle Vergangenheit zurückblicken. Viele Tagestouristen besuchen den beschaulichen Ort, aber die jungen Bewohner zieht es in das wesentlich aufregendere Buenos Aires. Ein älterer Restaurantbesitzer erzählt von der Abwanderung, auch seine drei Söhne haben Colonia und Uruguay den Rücken gekehrt. Er ist ein wenig traurig, wo es in Uruguay doch so angenehm, so tranquillo, sei!

Und er hat nicht unrecht, auch wir finden es angenehm hier - aber wir sind auch nicht mehr zwanzig. Dann fänden wir es vielleicht doch ein ganz kleines bisschen langweilig, so auf die Dauer, und würden möglicherweise mal auf der anderen Seite des Rio del Plata gucken, was dort so passiert.

Als wir in aller Herrgottsfrühe, praktisch mitten in der Nacht, an die Fähre kommen, wartet bereits eine lange Schlange an den Abfertigungsschaltern. Die Passformalitäten werden von Uruguay und Argentinien gemeinsam erledigt und dauern nur Sekunden. Als wir den Zollzettel für das Auto abgeben wollen, meint man, das würde auf der argentinischen Seite erledigt. Und so gehen wir doch noch einmal in die Falle, denn als wir nach drei Stunden Fährfahrt im Morgengrauen bei Nieselregen dort ankommen, schüttelt die Dame vom Zoll den Kopf. Nein, hier wäre ja Argentinien, sie würden das Papier nicht entgegennehmen, aber man könne es sicher mit der Post nach Uruguay schicken!


Jetzt sind wir in Buenos Aires: Cafes, Restaurants, Autos, Busse, Musik, Lärm, Galerien, Geschäfte, große Häuser, Paläste, breite Avenidas, sonntags ein großer Trödelmarkt mit Tango, und viele, viele Menschen. Wir wohnen in San Telmo, einem malerischen Viertel mitten in der Stadt. Ich bin mit meinen Leuten zu Fuß in der Innenstadt gewesen, über die berühmte Plaza de Mayo geschlendert und am Obelisk vorbei gefahren. Das Auto ist bereit für die Verschiffung, und wird vom Chefnavigator gerade zum Hafen gebracht. Ich habe eine neue, große Flugbox bekommen - und hoffe, dass man mich diesmal nicht wieder irgendwo stehen lässt. Die Sommerkleider sind im Koffer, die Schuhe im Rucksack - es kann nach Hause gehen. Kaum zu glauben, nach dieser langen, schönen Zeit.


Macht´s gut, Freunde!


Charly

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