Charly´s weite Reise
Buenas tardes!
Zur Mittagszeit fahren wir an unzähligen LKW vorbei zur Grenzstation. Inzwischen haben wir uns an den üblichen Ablauf von Personeneausreise, Fahrzeugdesinfektion und Zollprozedur gewöhnt. Mehrere Fernseher laufen und übertragen die 1. Mai - Ansprache von Präsident Ortega. Er bedankt sich beim Schwesternstaat Venezuela für die großzügige Hilfe und erinnert an die Großtaten der lieben Brüder Fidel und Raul in Kuba. Während dessen staunen wir über die verschiedenen Gebühren, die sich auch diesmal zu einem stattlichen Sümmchen addieren. In Nicaragua hat man zusätzlich einen Polizeiposten zu passieren - für eine letzte Inspektion vor der Einreise.
Ein junger Beamter will noch einen Blick ins Innere des Wagens werfen und wird gewarnt, dass sich ein Hund darin befände. Als er mich hechelnd auf der Bank liegen sieht, muss er lachen - er hatte mit einem großen Tier gerechnet, das sich bellend auf ihn stürzen würde. Erleichtert wendet er sich wieder dem Fernseher zu, in dem jetzt gleich das Champions-League-Spiel zwischen den Bayern und Barcelona beginnt. Hier sind außer uns natürlich alle für die Spanier. Schon in Honduras haben wir viele Barca- und Messi-Trikots gesehen, die von Unicef gespendet wurden.
In Ocotal machen wir Pause am zentralen Park, einer grünen Oase in dem sonst trockenen und staubigen Ort. Schläfrige Ruhe liegt in den Straßen, und nur wenige Menschen sind unterwegs. Ein zerlumpter Junge bettelt uns um Cordobas an, aber Geld geben wir keins. Dann möchte er etwas zu essen haben. Als er sieht, dass auch wir nur das Übliche haben, ist er ein bisschen enttäuscht. Dann nimmt er aber doch Tostadas und Bananen, setzt sich und isst. Anschließend fängt er wieder mit Leierstimme zu betteln an und muss grinsen, als wir mit gleicher Tonlage ablehnen. Ein paar Kekse tun es schließlich auch, und als wir fahren, winkt er uns nach.
Auffallend ordentlich und sauber ist es entlang unserer Strecke nach Somoto. Nicaragua ist in der Region bekannt für die guten Straßen - sofern es welche gibt. In vielen Gemeinden ist nur die Hauptstraße asphaltiert, und in abgelegeneren Gegenden fehlt ein Belag völlig. In Mittelamerika sind wir mit unserem Auto ziemlich unauffällig. In Guatemala dachte man, wir würden für die UN arbeiten, und seit Honduras werden die Landcruiser als Ambulanzfahrzeuge genutzt. Auch privat fährt man hier fast ausschließlich japanische Autos.
Nicaragua ist neben Honduras das ärmste Land, das wir bisher besuchen. Seit Mexiko sehen wir die windschiefen Hütten, die aus Brettern, Wellblech und Plastikplanen notdürftig zusammen gebaut wurden. Die Behausungen haben keinen Fußboden, kein Fenster und an Stelle der Tür hängt ein Tuch als Sichtschutz vor dem Eingang. Von flächendeckender Versorgung mit Trinkwasser kann keine Rede sein. Allerdings müssen hier noch deutlich mehr Menschen unter diesen Bedingungen leben als in den Nachbarländern. Der Mann, der genau so eine Unterkunft auf dem Grundstück eines Restaurant in Somoto bewohnt, spricht lächelnd von Überleben. Er bewacht den Platz, auf dem wir übernachten können, und erzählt von den Wohltaten der Kirche. Evangelikale Freikirchen aus den USA machen den Katholiken zunehmend Konkurrenz und missionieren erfolgreich.
Beim Spaziergang durch den Park entkomme ich einmal mehr nur knapp einem Hundeangriff. Genau wie meine Leute führe auch ich ein Luxusleben. Im Vergleich zu meinen Kollegen, die selten etwas Gescheites zu fressen bekommen und ihr Leben lang keinen Tierarzt sehen, geht es mir blendend. So wundert es mich eigentlich nicht, dass der eine oder andere neidisch wird und sauer reagiert.
Obwohl wir noch in den Bergen sind, ist es unglaublich heiß. Seit Somoto sind wir wieder auf der Panamericana unterwegs und diese führt uns im Regenschatten der Kordillere nach Süden durch die ausgedörrte Landschaft. Die Trockenheit hat jetzt ihren Höhepunkt, und alle warten auf die Regenzeit, die im Mai beginnen soll. Am Straßenrand stehen verrostete Schilder der internationalen Entwicklungshilfe-Projekte. Leider lässt sich nicht mehr entziffern, was da geplant war, aber wir hoffen einfach mal, dass sie erfolgreich waren.
Als wir uns dem Managua-See nähern, wird es noch heißer. Es beginnt das Tiefland, das sich zwischen dem riesigen Nicaragua-See und dem Pazifik bis nach Costa Rica erstreckt. Reisfelder tauchen auf, die dank der Seen bewässert werden können. Der geerntete Reis wird vor den Lagerhallen auf dem Boden mit Rechen ausgebreitet und getrocknet.
Meine Leute kapitulieren vor der Hitze und lassen alle Pläne zu irgendwelchen Besichtungen fallen. Nicht nur der Vulkan Masaya, in dessen Krater Schwefeldämpfe aufsteigen und grüne Papageien leben, sondern auch die Kolonialstadt Granada, die ein sehenswertes Zentrum haben soll, werden von uns rechts liegen gelassen.
In San Jorge bei Rivas machen wir eine Pause am See. Von hier aus könnte man auf die gegenüber liegende Insel Ometepe übersetzen, die von zwei Vulkanen gebildet wird. Der gut 1600m hohe Concepcion macht der Fotografin die Freude und stößt zum Fototermin ein paar weiße Rauchwölkchen aus. Einige Touristen mit großen Rucksäcken sind unterwegs, und es gibt ein paar Hotels und Restaurants. Während wir durch Rivas fahren, zeigt sich, dass Moto-Taxis, die Tuc-Tucs, in Nicaragua noch in der Minderzahl sind. Häufige Transportmittel in den Städten sind einfache Pferdekutschen und Fahrrad-Rikschas.
Kurz hinter Rivas kommen wir in die dritte Polizeikontrolle an diesem Tag. Während man bisher nur den Führerschein sehen wollte und dann eine gute Fahrt wünschte, geht es diesem Polizisten um mehr. Er will außer den Papieren auch noch die beiden Warndreiecke, die wir haben, und den Feuerlöscher, den wir nicht haben, in Augenschein nehmen. Erst stellen sich meine Leute dumm und verstehen das mit dem ´extintor´ nicht. Als aber der Staatsdiener meint, das würde 20 Dollar kosten, die auf der Bank im Ort zu bezahlen wären - den Führerschein würde er so lange behalten - fallen der Dolmetscherin doch wieder ein paar spanische Worte ein, und die Diskussion beginnt. Zunächst wird die Höhe des vermeintlichen Bußgeldes kritisiert und ausgiebig bezweifelt, dass es die Vorschrift zum Mitführen eines Feuerlöschers überhaupt gibt. Als das nichts hilft, werden Block und Kugelschreiber gezückt, um den Namen und die Dienstnummer des Polizisten zu notieren. Leider hört jetzt der Spaß für Senor Dominguez auf. Als wir uns nicht mit dem Namen zufrieden geben und unbedingt noch seine Nummer haben wollen, gibt er den Führerschein zurück und lässt uns ziehen.
Letzte Station an diesem Tag und auch in Nicaragua ist Camping Matilda hinter San Juan del Sur. Wir stehen einmal mehr am Strand, auch wenn uns ein Stacheldraht den direkten Zugang zum Meer versperrt. Der Pazifik ist warm, die Sonne brennt und rötet die Haut einiger unvorsichtiger Backpacker, die in den benachbarten Cabanas Jugendherbergs-Atmosphäre verbreiten.
Wir sind nur wenige Kilometer vom relativ wohlhabenden Costa Rica entfernt, das von seinen Nachbarn durchaus beneidet wird. Erste Ausländer haben bereits Grundstücke in San Juan gekauft und schöne Häuser gebaut. Vielleicht versucht man dem Beispiel Costa Ricas zu folgen und sonnenhungrige Gringos mit Geld ins Land zu holen.
Noch einen Tag in der Hängematte, dann verlassen wir Nicaragua, das arme Land mit seinen netten Leuten. Frustriert scheint man hier nicht zu sein, eher vorsichtig optimistisch. Zumindest beim Tourismus gibt es ein gewisses Potential. Urlauber, die nach Costa Rica reisen, wagen inzwischen häufiger einen Abstecher nach Nicaragua.
Hasta luego, bis bald in Costa Rica!
© Die Reiseleitung 2012