Charly´s weite Reise

April 2013

Buenos dias!

An der Grenze zu Guatemala warten schon die Geldwechsler. Im Gegensatz zu ihren Kollegen am mexikanisch - belizianischen Übergang versuchen sie uns ein wenig über´s Ohr zu hauen. Aber nach eifrigem Gebrauch aller zur Verfügung stehenden Taschenrechner einigen wir uns schließlich und der eigentliche Grenzübertritt kann beginnen.

Dazu gehört zuerst die Ausreise, bei der man einen kostenpflichtigen Stempel bekommt und das Auto am Zoll ausgetragen wird. Es folgt die äußere Desinfektion des Autos, die Bezahlung derselben, und dann die Einreise der Personen, die ebenfalls Gebühr kostet. Um nun das Fahrzeug einzuführen, müssen etliche Kopien aller möglichen Dokumente besorgt werden. Leider ist wegen des gestrigen Gewitters der Strom ausgefallen, so dass eine Taxifahrt in die Stadt nötig ist. Ein Luxusgeschäft für Elektrogeräte verfügt über einen Generator, und eine nette Verkäuferin kopiert freundlicherweise alle Papiere - umsonst. Zurück am Zoll können nun alle Unterlagen ordnungsgemäß gestempelt und abgeheftet werden - das kostet noch einmal einige Quetzales, und am Ende der ganzen Prozedur sind wir etwa 50 US-Dollar los. Nun müssen wir nur noch eine mautpflichtige Brücke überqueren - und schon haben wir freie Fahrt in Guatemala.

Was erwartet uns in diesem Land? Glaubt man der Seite des Auswärtigen Amtes, so dürfte man ab Mexiko in Richtung Süden gar nicht unterwegs sein. Mutige könnten noch nach Costa Rica fliegen, aber die Einschätzung der anderen mittelamerikanischen Länder lässt einem die Haare zu Berge stehen. Auch wir sind von den Warnungen beeindruckt. Reisende, die uns von Süden entgegen kommen, haben jedoch nur Gutes berichtet und die Sicht des AA kritisch bewertet.

Also machen wir uns auf den Weg nach Tikal. Einst war dies eine der größten Maya-Städte, die ebenso wie einige der in Mexiko gelegenen, um das Jahr 900 aufgegeben wurde. Gründe dafür könnten Überbevölkerung und ökologischer Raubbau gewesen sein. Die meisten der geschätzten 16.000 Gebäude sind nach wie vor unter dem Dschungel verborgen. Ausgegraben wurde das spirituelle Zentrum, das so angelegt wurde, dass ein Abbild der astronomischen Kenntnisse entstand. Es wurden sowohl die Himmelsrichtungen als auch kalendarische Abläufe durch die Anordnung und Bauweise dargestellt.

Ganz so einfach, wie wir dachten, wird der Besuch jedoch nicht. Am Tor zu dem die Anlage umgebenden Park werde ich von einem aufmerksamen Wächter erspäht - hier sind keine Hunde erlaubt. Also müssen wir zurück nach El Remate, einem kleinen Ort am Lago Peten Itza, wo wir schon Kaffeepause gemacht hatten. Hier gibt es große, schattenspendende Bäume und eine kleine Touristen-Info, in der man meinen Leuten gerne eine Tour nach Tikal für den nächsten Morgen verkauft. Los geht es mitten in der Nacht, um halb vier! Ich muss zum Glück nicht mit, sondern kann mal so richtig ausschlafen. Die freundliche Dame will ein Auge auf mich und das Auto haben, während meine Leute unter der Führung von Luis ihren Ausflug machen.

Eine Gruppe mit etwa 15 Leuten tappt im Dunkeln los, um bei Sonnenaufgang an der höchsten Pyramide zu sein. Sehen kann man während der zunehmenden Dämmerung nicht viel, dafür umso besser hören, wie der Wald und die Brüllaffen erwachen. Luis ist zum Glück ein kompetenter Guide, der mit viel Humor nicht nur einiges über die Mayas, sondern auch über die Tiere erzählen kann. Er lockt eine Tarantula aus ihrem Erdloch und die Spinnenphobiker lassen sich mit dem haarigen Tier fotografieren. Er zeigt die Verstecke der Spider Monkeys hoch in den Bäumen und bringt das ortsansässige Krokodil dazu, sich aus dem Wasser zu bewegen und das Maul aufzureißen. Insgesamt hat sich der teure Spaß gelohnt - die Eintrittspreise für Ausländer haben sich gewaschen. Damit auch die Einheimischen die Ruinen besuchen können, ist der Eintritt für sie sonntags umsonst.

Abends schauen wir der Dorfjugend beim Fußballspielen und Bullriding auf einem am Ast eines Baumes aufgehängten Fass zu. Die Schweine des Ortes laufen frei herum, suhlen sich am Ufer des Sees und gönnen sich ein Nickerchen unter einer Palapa. Die Leute grüßen und verwickeln uns in Gespräche über das Woher und Wohin. Der erste Eindruck von unserem neuen Gastland könnte nicht besser sein.

Ein Abstecher zu den kleinen Ort Flores, der auf einer Insel im See liegt, dann fahren wir nach Süden und bleiben für drei Tage auf der Finca Ixobel nahe der Stadt Poptun. In Mittelamerika gibt es keine Campingplätze mehr, so dass man etwa auf Hotelparkplätzen, vor Polizeistationen, an Tankstellen oder aber auf einer Finca übernachtet. Diese Fincas haben Cabanas, ein Restaurant, manchmal einen Pool und eine Campingwiese. Diese hat auch noch einen schönen Badeteich - und jede Menge Zecken. Nicht nur ich, sondern auch die Fotografin werden von den kleinen Blutsaugern zu Dutzenden befallen. Noch Tage später tauchen sie zwischen ihren Zehen und an meinen Pfoten auf.

Wie wir gehört haben, m u s s man nach Rio Dulce und von dort eine Bootsfahrt nach Livingston machen. Also stehen wir im Hof bei Bruno´s Restaurant, dass direkt am Fluss liegt. Da man von der Karibik bis hierher selbst mit großen Jachten fahren kann, liegen etliche, meist kleinere Schiffe vor Anker. Ältere, vom Alkohol gezeichnete Amerikaner lungern in der tropischen Hitze auf der Terrasse herum und machen nicht den Eindruck, als würden sie hier noch mal wegkommen. In der Nacht tobt nebenan auf dem Festplatz ein grandioser Lärm zum Betrieb uralter Fahrgeschäfte.

Während ich am nächsten Tag an Land bleibe, machen meine Leute ihre Tour mit dem Wassertaxi, einer Lancha. Es braust über den grünen Fluss, dass das Wasser nur so spritzt. Der Rio Dulce fließt durch den Dschungel zum Meer, an seinem Ufer sind abwechselnd Liegeplätze für Luxus - Jachten und palmgedeckte Hütten mit Einbäumen zu sehen. Eine Rucksack-Touristin wird unterwegs an einer Dschungel-Finca abgesetzt, die abends bestimmt von Millionen von Moskitos heimgesucht wird. In Livingston, das mit dem Auto nicht zu erreichen ist, schwitzen Schwarze und Weiße gleichermaßen. Die Kraft langt gerade noch um ein Restaurant aufzusuchen. Es bietet jungen Leuten aus der Gegend die Möglichkeit eine Ausbildung zu machen. Es gibt Thai-Curry - eine willkommene Abwechslung - und Fruchtwasser mit zerstoßenem Eis, leider ist ein mittelschwerer Durchfall die Folge.

Da sind wir aber schon am größten See des Landes, dem Lago de Izabal. Das Wasser hat bestimmt 30° und die Luft 40°. Als sich auch abends kein Lüftchen mehr regt und selbst das Schlafen in der Hängematte kaum noch möglich ist, heißt es: Aufbruch in die Berge. Die Straße nach Guatemala-City ist eine Hauptroute für den LKW-Verkehr. Schwer mit Baustoffen aller Art beladen quälen sie sich auf der einen Seite den Berg hoch, um ihn auf der anderen mit einem Affenzahn wieder herunter zu rasen. Es gibt deutlich weniger Schrottautos als in Mexiko, und wenn wir schon beim Vergleichen sind - es ist viel sauberer. Die Hauptstadt ist in Zonen unterteilt. Die Straßenschilder weisen von der Zone 7 zur Zone 12, von Zone 5 nach Zone 9, und machen uns die Orientierung schwer. Wir haben Mühe den Weg im Stau hinaus zu finden und landen am späten Nachmittag erschöpft auf einem Freizeitpark kurz vor Antigua.

Die frühere Hauptstadt wurde mehrmals durch Erdbeben zerstört und wieder aufgebaut. Sie ist ein koloniales Kleinod, Weltkulturerbe und Touristenmagnet. Am Eingang des staubigen, hässlichen Parkplatzes der Touristenpolizei weist ein auf englisch verfasstes Schreiben darauf hin, dass die Benutzung kostenlos ist. Allerdings findet der Polizist an der Schranke im Gegensatz zu uns, das eine `cooperation´, ein Trinkgeld vorab, eine gute Idee sei. Ein Platz, immerhin mit Bäumen, verlangt für die Nacht - wir glauben uns verhört zu haben - 30 Euro! Das finden wir dann alles etwas übertrieben und kehren nach der Stadtbesichtigung zurück zum Freizeitpark. Dort gehen seit dem frühen Morgen jede Menge Leute mit Essen, Singen, Ballspielen und Pferdereiten ihrem Sonntagsvergnügen nach.

Über Chimaltenango geht die Reise an den Atitlan-See, mit den beiden Vulkanen im Hintergrund ein bekanntes Postkartenmotiv, wenn, ja wenn die Sicht klar ist. Als wir die Kleinstadt Penajachel erreichen, liegt alles im Dunst. Das soll sich auch die nächsten Tage nicht ändern, obwohl wir geduldig warten. Erst am letzten Tag, es ist Samstag und Familien aus der Umgebung bevölkern den Platz zum Picknick, zeigt sich das Panorama. Aber mit Lesen und Tuc-Tuc-Fahrten nach Penajachel, wo wir uns artesania andrehen lassen, vergehen die Tage schnell.

Außer uns stehen noch andere Overlander, wie man in Fachkreisen sagt, auf der dauerbesprengten Wiese am Ufer des Sees. Die Deutschen und Schweizer fahren allerdings nicht mit einem Mini-Auto, sondern mit LKW durch die Gegend. Die Fahrzeuge sind mit komfortablen Wohnkabinen ausgestattet und haben den Wert einer Eigentumswohnung. Einer hat die Scharniere seines Kippführerhauses eingebüßt und wartet nun auf die Auslieferung des DHL-Express-Paketes mit den ersehnten Ersatzteilen, bevor er eine Werkstatt mit Kran finden muss. Die Schweizer sind auf dem Weg nach Mexiko, um dort das Fahrzeug nach Alaska zu verschiffen. Das ist so teuer, dass der arme Rentner sich mit zerrissener Hose, durch die man die Unterhose blitzen sieht, auf den Weg machen muss. Etliche der Overlander sind viele Jahre unterwegs und fahren jedes Jahr für ein paar Monate in die Heimat. Unser Eindruck ist, dass sie oft für Wochen auf irgendwelchen Plätzen herumlungern und relativ ziellos den Kontinent durchstreifen. Das nennt man in der Fachsprache `intensiv bereisen´.

Uns zieht es weiter durch die Berge. Die verschiedenen Mayagruppen können Eingeweihte an den unterschiedlichen Trachten erkennen. Mädchen und Frauen tragen sie ganz selbstverständlich, von jung bis alt gleich bunt gekleidet. Manchmal sieht man auch Männer in den traditionellen bunten Hosen, über die ein Bauchtuch gewickelt wird. Auch in der abgelegeneren Gegend nördlich der Sierra de Chuacus, in die sich wenig Touristen verirren, begegnet man uns freundlich und aufgeschlossen. Bis kurz hinter Uspantan, der Heimatgemeinde der Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu, ist die Straße geteert, dann beginnt die Piste. Sie führt durch die Berge und durch kleine Dörfer. Die Piste lässt einen langsam fahren, und so bleibt Zeit zum Winken und Grüßen. Ein riesiger Bergsturz hat allerdings vor Jahren die Verbindung unterbrochen und wird immer noch instand gesetzt.

In San Cristobal Verapaz machen wir ein Päuschen und überlegen gerade, wo wir wohl übernachten könnten, als uns ein junger Mann seine Hilfe anbietet. Von ihm bekommen wir einen kleinen Park an einem See empfohlen, in dem wir in Gesellschaft von Joggern und Anglern völlig unbehelligt bleiben können.

Ein Besuch im Quetzal Sanctuario ist weniger beeindruckend. Für ein überhöhtes Eintrittsgeld - das Vierfache des Preises für Einheimische - kann man einen Waldspaziergang machen, aber keinen Quetzal sehen. Nur ein ausgestopftes Exemplar des Wappenvogels, dem auch noch die meisten seiner prächtigen Schwanzfedern fehlen, steht einsam im Glaskasten.

Unsere Runde durch Guatemala endet hinter Chicimula an dem kleinen Grenzübergang El Florido. Uns hat es ausgesprochen gut gefallen. Die Menschen machen den Eindruck, als blickten sie trotz Armut und den Folgen des jahrzehntelangen Bürgerkrieges optimistisch in die Zukunft. Ein Land im Aufbruch!

Hasta luego, amigos!

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