Charly´s weite Reise

Mai 2013

Hola, amigos!

Costa Rica setzt sich bereits an der Grenze von seinen nördlichen Nachbarn ab. Ein großes Transparent teilt dem Besucher schon von weitem mit, dass der Grenzübertritt k o s t e n l o s ist! Das Ganze findet in einem modernen Gebäude wohl geordnet und zügig statt, nur die Gepäckstücke einer Reisebus-Gruppe werden gründlich kontrolliert. Um das Auto einzuführen muss man aber auch in Costa Rica das vertraute Hin und Her zwischen verschiedenen Stellen absolvieren. Etliche Kopien sind zu machen und eine recht teure dreimonatige Versicherung muss abgeschlossen werden, auch wenn man nur kurz im Land bleiben möchte.

Vom Grenzort Penas Blancas wollen wir nur ein paar Kilometer weiter nach La Cruz. Am Geldautomaten hat man die Wahl zwischen den einheimischen Colones und dem US-Dollar. Unsere Vorstellung, dass man mit Colones leichter in kleinen Geschäften bezahlen könne, erweist sich als falsch. Überall wird einem der Preis in Dollar genannt und erst auf Wunsch in Colones umgerechnet - der Wechselkurs ist fix.

Auf dem Weg zur Finca, auf der wir einige Tage bleiben wollen, sehen wir die Vorbereitungen zu einer Reiterveranstaltung. Pferde und Menschen haben sich in Westernklamotten geschmissen und warten unruhig auf den großen Auftritt, die Parade. Die Finca gehört Agi und Guido, einem Paar aus der Schweiz, die vor 17 Jahren hierher eingewandert sind. Sie halten Rinder und Pferde, große Teile des Geländes sind bewaldet. Da auch der Nordwesten Costa Ricas zur tropischen Trockenzone gehört, sieht es im Wald, in dem sogar drei Natur-Lehrpfade angelegt sind, aus wie bei uns im Spätherbst. Die meisten Bäume haben ihr Laub abgeworfen. Die Ursache ist, wen wundert`s, `Hitzestress´. ( Verständlicherweise habe auch ich mich noch mal ordentlich gehaart und mein Fell den Temperaturen angepasst.)

Unser Stellplatz, das Wohnhaus der Familie und die Cabinas, die vermietet werden, liegen jedoch am Ufer des Rio Sapoa unter dicht belaubten Baumriesen. In ihnen tummeln sich Brüll- und Klammeraffen, Kolibris und Faultiere. Im Fluss lebt ein Krokodil, das sich um die Mittagszeit auf einen der Felsen im Wasser begibt, um sich ausgiebig zu sonnen und meine Gedanken an ein erfrischendes Bad vereitelt. Abends, in der Dämmerung, fliegen kleine Gruppen schneeweißer Vögel knapp über der grünen Wasseroberfläche entlang. Da Agi sehr gut kocht und Guido beim gemeinsamen Abendessen mit seinen Gästen geduldig deren neugierige Fragen beantwortet, bleiben wir eine Weile.

Der Platz ist bei deutschsprachigen Travellern bekannt, und so treffen wir hier nicht nur ein Paar aus Regensburg, das während seiner Reise ein interessantes Kunstprojekt verfolgt, sondern auch eines aus Stuttgart. Die Regensburger haben Leinwand und Farben dabei und bitten überall, wo sie hinkommen, unterschiedlichste Menschen ein Bild zu malen. So haben sich Unbekannte und Künstler aus allen Ländern Nord- und Mittelamerikas bis jetzt beteiligt - die Südamerikaner werden folgen. Zur WM in Brasilien soll das Projekt beendet sein. Bis dahin wird die Leinwand auf die stattliche Länge von 110m wachsen, was der Seite eines Fußballfeldes entspricht. Falls Herr Blatter und Co. dann auch noch ein Einsehen haben, kann sie dort gezeigt und später zu Gunsten einer Hilfsorganisation versteigert werden.

Die Stuttgarter sind mit einem LKW unterwegs, der von vorne wie ein Müllauto aussieht - ein Riesending mit hochmoderner Ausstattung. Da sie, wie viele Traveller, ihre Internetadresse auf das Fahrzeug geschrieben haben, wissen wir sofort, wer sie sind. Ihre Seite wurde uns vor längerer Zeit empfohlen, weil sie akribisch über sämtliche Stellplätze, Routen und Erlebnisse ihrer Reise berichten. So sind wir bereits vor unserer ersten Begegnung informiert, wo sie mit dem Auto Oberleitungen abgerissen und Unfälle in engen Ortschaften hatten. Auch wissen wir, dass sie Pisten für nahezu unbefahr halten, die für uns kein Problem darstellten. Jetzt hören wir nichts davon. Alles ist super, das Fahrzeug wendig und bestens geeignet um in Indio-Dörfer zu fahren und sich bei den Leuten in den Vorgarten zu stellen. Je ärmer die Menschen leben, desto `spannender´ findet er sie, die Umstände nennt er `hochinteressant´. Nur seine Frau, die heimlich rauchen muss, äußert unter vier Augen Zweifel.

Meinen Leuten wird es dann zuviel angesichts dieser Großspurigkeit, Streit liegt in der Luft, und wir fahren zum Abkühlen an den Arenal-See. Der Stausee liegt in den Bergen, die Landschaft ist saftig grün, die Temperaturen sind sommerlich angenehm. In Nueva Arenal gibt es einen Park, in dem wir die nächsten Tage verbringen. Ab und zu regnet es - herrlich! Im Ort gibt es einen deutschen Bäcker, der schon kilometerweit vorher Werbung für Brot, Bratwurst und Bier macht. Tom, ein Typ um die vierzig mit langen, lockigen Haaren führt seinen Laden mit angeschlossener Kneipe und steht mächtig unter Stress. Antenne Bayern läuft, und die guten Stückchen gehen zu Münchner Preisen über die Theke. Als Overlander bekommt man freundlicherweise Rabatt und einige Horror-Geschichten, wie andere Reisende mit ihrem Auto komplett in einem Fluss abgesoffen sein sollen, gratis dazu.

Bei der Weiterfahrt sehen wir, wo von uns Guido schon erzählt hatte: Halb Costa Rica steht zum Verkauf, überall hängen die Schilder der Makler. Die Ausländer, Amerikaner und Europäer, sind auf dem Rückzug. Das Leben in der sogenannten `Schweiz Mittelamerikas´ ist teuer geworden - und unsicher. Dabei geht es im Wesentlichen um Betrügereien bei Geschäften und Diebstahl. Land und Leute haben sichtlich vom Geld der Zuwanderer und Touristen profitiert, aber nun scheint die Angst vor einem Einbruch extrem. Überall haben sich die Leute in ihren Häusern eingegittert, und wir fragen uns, ob dies Zeichen einer Massenpsychose oder realistischer Selbstschutz ist.

Eigentlich wollen wir die Ausbrüche des Vulkans Arenal aus der Nähe beobachten und bei Nacht die glühende Lava den Berg herabfließen sehen. Aber das Wetter hat sich geändert. Der Berg hängt in den Wolken, und heftige Schauer fegen über die Landschaft. Unsere Route führt über Ciudad Quesada nach Zacaro, wo es einen Park mit in Form geschnittenen Hecken zu bewundern gibt. Bei der Fahrt durch die Berge kommen wir selbst in die Wolkenzone und somit in dichten Nebel. Ungewohnte Kühle umgibt uns. Die Häuser sind von Hortensienhecken umgeben, es erinnert uns an die Bretagne.

Unser Tagesziel ist Sarchi, die Stadt der bunten Ochsenkarren. Schon auf dem Weg dorthin begegnen uns bemalte Exemplare, die von einem Dorffest kommen. Im Ort selber können wir bei einer der Werkstätten, die inzwischen hauptsächlich Souvenirs herstellen, auf dem schön angelegten Parkplatz übernachten. Abends kommt ein Nachtwächter und erklärt uns in kaum verständlichem Spanisch, dass er zwei wilde Hunde habe, die er später noch hole. Während er schlafe, würden die freilaufenden Hunde seine Arbeit übernehmen. Wir sollten besser im Auto bleiben, da die zwei keinen Spaß verstünden. Etwas schockiert von dieser Warnung traut sich keiner von uns mehr raus. Allerdings haben wir keinen Hund gehört oder gesehen - wer weiß, vielleicht schlafen die beiden ja nachts auch.

Wir sind jetzt im dicht besiedelten Valle Central und fahren an Kaffeesträuchern vorbei nach San Jose, der Hauptstadt, und weiter Richtung San Isidro. In der Gegend um San Miguel schlängelt sich das Sträßchen erneut durch Kaffeeplantagen, die in extremen Steillagen von Hand bewirtschaftet werden. Viele Sträucher stehen in voller Blüte und verbreiten einen intensiven, herrlichen Duft. Dann schieben sich wieder Wolken über die Berge, es beginnt zu regnen, und vom knapp 3500m hohen Cerro de la Muerte sehen wir nichts. Wir überqueren die Kordillere, an deren Fuß der Pazifik liegt. Nach einer langen Abfahrt tauchen wir in die schwüle Hitze ein und bleiben die nächsten Tage in Dominical.

Dieser Teil der Küste ist tropisch heiß und üppig grün. Strandmandel-Bäume und Palmen bilden ein dichtes Dach am Strand über uns und halten Sonne und Regenschauer ab. Außer uns hängen noch ein paar Surfer rum und ein junges französisches Paar, dem wir schon am Arenalsee begegnet sind. Mit kleinem Budget reisen und schlafen sie in einem amerikanischen Kombi. Das bedeutet ständiges Umräumen der verschiedenen Kisten und Taschen, Regen können sie eigentlich nicht gebrauchen. Um nicht zu ersticken, lassen sie nachts die Heckklappe offen und hängen eine Plane daüber. Sie wollen Ende diesen Jahres bereits in Patagonien sein und müssen sich entsprechend beeilen.

Unser letzter Aufenthalt in Costa Rica liegt wenige Kilometer weiter im Parque Nacional Marino Ballena. Hier haben wir den Strand für uns. Weit oben in einem Baum hört man Gekrächze und nach geduldigem Suchen können wir zwei Tukane entdecken. Mit den berühmten Quetzals hatten wir nicht soviel Glück.

Am nächsten Morgen brechen wir nach Panama auf. Mittags erreichen wir in Pasa Canoas die Grenze und ein neues, unbekanntes Land liegt vor uns. Wundert ihr euch, dass wir nicht länger im schönen und für Reisende so bequemen Costa Rica bleiben? Nun, meine Leute haben das Land vor langer Zeit schon einmal für ein paar Monate besucht. Jetzt zieht es sie zur Fähre nach Colon, von wo aus das Auto nach Südamerika verschifft werden soll.

Hasta luego, amigos!

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