Charly´s weite Reise

April / Mai 2014

Bom dia! Tudo bem?

Aufatmen in Brasilien! Auch wenn die Luft feucht und schwer ist und die Moskitos zahlreich sind, so scheint das Leben hier schon auf den ersten Blick leichter zu sein als in Bolivien. Corumba wirkt aufgeräumt, geordnet und recht wohlhabend. Abends sitzen die Leute auf Campingstühlen vor ihren Häusern, und wir fallen überhaupt nicht auf, als es sich die Zweibeiner ebenfalls mit einem Bierchen hinter dem Auto bequem machen und die kühle Luft genießen. Um den kleinen Park, an dem wir stehen, wird um diese Zeit gejoggt, und am nächsten Morgen sind die ersten Frühsportler schon vor Sonnenaufgang unterwegs.

Direkt bei Corumba beginnt das größte Sumpfgebiet der Erde, das Pantanal, bewohnt von unzähligen Kaimanen, Sumpfschweinen und Vögeln aller Art. Wir wollen am südlichen Rand auf einer Dammpiste ein Stück hineinfahren und auf einer der Fazendas übernachten. Am Abzweig zur Piste werden wir bereits sehnlichst erwartet. Wir halten wir an, um eine kurze Pause zu machen, die Fotografin öffnet die Fenster zum Lüften und sofort überfällt uns ein Schwarm großer, schwarzer Moskitos. In Sekundenschnelle dringen Hunderte ins Auto ein und lassen sich auf meinen Leuten nieder. Obwohl diese, so schnell sie können, alle Luken wieder schließen, sind sie noch Stunden später mit dem Kampf gegen die Blutsauger beschäftigt. Es ist schon eine ziemlich eklige Angelegenheit, da jede erschlagene Stechmücke einen Blutfleck auf Armen, Beinen oder der Inneneinrichtung hinterlässt. Der Plan, weiter die Tierwelt des Pantanal zu erkunden, ist jedenfalls mit ihnen gestorben.

Vorbei an überfahrenen Kaimanen und weißen Rindern, die auf endlosen Weiden grasen, geht es nun Richtung Bonito. Brasilien ist riesig, und allein der südlichste Zipfel, den wir durchqueren, ist größer als Deutschland. Der Staub der roten Lehmerde, deren Farbe in kräftigem Kontrast zum Grün der Pflanzen steht, hat Straßen und Häuser mit einer dunkelroten Schicht überzogen. Ab und zu regnet es ein wenig, dann schaut die Sonne wieder zwischen den Wolken hindurch. Die Urlaubssaison ist in Brasilien vorbei, und so sind wir in Bonito die einzigen Gäste auf dem Campingplatz, der glücklicherweise noch geöffnet hat.

Er liegt wunderbar an einem klaren Fluss inmitten eines subtropischen Waldstücks. Morgens tummeln sich Affen in den Bäumen, die mit viel Getöse auf ihr Frühstück warten. Endlich kommt ihr Freund und bringt eine Schüssel mit Getreide, auf das sie sich gierig stürzen. Der Chef der Bande schaufelt sich gierig die Hände voll und lässt die Hälfte in den Fluss fallen - was wiederum einem Schwarm Fische, die ebenfalls gewartet haben, zu ihrem Anteil verhilft. Den Rest des Tages sind die Kletterspezialisten im Dickicht des Waldes verschwunden, und nur ein paar Laufvögel mit Federbüscheln auf dem stolz erhobenen Kopf drehen ihre Runden.

Am Geburtstag des Chefmechanikers kommen wir um die Mittagszeit nach Jardim, zum Buraco dos Araras, dem Ara-Loch. Der etwa siebzig Meter tiefe, fast kreisrunde Einbruch beherbergt wohl an die hundert der farbenprächtigen Papageien. Leider ist gerade `low activity´. Der obligatorische Guide, der meine Leute auf dem 900 Meter langen Rundweg um das Loch begleitet, meint, es sei um diese Tageszeit einfach zu warm, und die Vögel würden ruhen. Schade, dass man diese Information nicht schon am Eingang bekommt, bevor man das nicht unerhebliche Eintrittsgeld zahlt. Aber der junge Ranger gibt sich redlich Mühe, die Pflanzen der Umgebung zu erklären. Und dann - zum Glück für meine Leute - erhebt sich ein Paar der blau-rot-grünen Vögel und dreht eine ausgiebige Runde. Am Abend gibt es zur Feier des Tages eine unglaublich schlechte Pizza, dann klingt der Tag in Rio Brilhante aus.

Bevor wir in Santa Helena am Stausee Itaipu das Wochenende verbringen, übernachten wir an einem Posto. Jeder Overlander kennt diese großen Fernfahrer-Raststätten, die es entlang der Hauptrouten gibt. Ich vergucke mich an diesem interessanten Ort in eine der schönen brasilianischen Hundedamen und kann nur sagen: So ist Liebe auf den ersten Blick. Also warte ich auf einen günstigen Moment, um ihr einen Besuch abzustatten. Während die Zweibeiner sich mit einem LKW-Fahrlehrer über unsere Reise unterhalten, entwische ich um die nächste Ecke ins Dunkel. Und der Plan geht auf, ich kann meine Liebste unbehelligt treffen. Als ich eine ganze Weile später glücklich wieder Richtung Tankstelle schlendere und der Chefin auf dem Seitenstreifen der Schnellstraße in die Arme laufe, suchen nicht nur meine Leute, sondern auch der Fahrlehrer und seine Kollegen den Platz nach mir ab. Die einen befürchten, ich sei überfahren worden, die anderen denken, man hätte mich geklaut. Ziemlich uncool, wie ich finde. Als wäre ich nicht alt genug!

In Santa Helena gibt es ein großes Badegelände mit Campingplätzen, Grillstellen und Spazierwegen in einem großzügigen Park. Die Anlage wird um diese Zeit nicht bewirtschaftet, ist jedoch frei zugänglich, und die Sanitäreinrichtungen sind ebenfalls offen. Es ist Samstag, und so lernen wir eine neue Variante südamerikanischen Wochenendvergnügens kennen. In dieser Gegend liebt die Jugend tiefer gelegte Pick-ups, deren Ladeflächen voll gepackt sind mit den größten und lautesten Musikboxen, die gerade zu haben sind. Die jungen Pärchen drehen in bekannter Manier langsam ihre Runden und beschallen die Umgebung. Finden sie einen lohnenden Platz - etwa den neben unserem Auto - so halten sie und lassen uns bis in die frühen Morgenstunden an ihrem erlesenen Musikgeschmack teilhaben.

Sonntags kommt der Rest der Familie - die Jungen müssen jetzt erst einmal schlafen - in den Park. Sie packen ihre Campingstühle aus, flanieren ein bisschen die Promenade entlang und trinken Mate-Tee, vielleicht auch ein Bierchen. Abends senkt sich himmlische Ruhe über uns, und am Montagmorgen sind wir bereit für Iguacu.

Die Wasserfälle von Iguacu erstrecken sich über mehr als zwei Kilometer Länge, die Wassermassen stürzen bis zu siebzig Meter in die Tiefe, und jedes Jahr kommen Millionen von Besuchern, um sich das Naturspektakel anzuschauen. Ich darf natürlich nicht mit, also brechen meine Leute alleine auf. Ein Shuttle-Bus bringt die Besucher vom Eingang des Parks zu den verschiedenen Attraktionen wie Schlauchbootfahren oder Zip-Lining, die alle extra kosten. Am letzten Halt beginnt der Weg, der den Fluss entlang führt und von dem aus man die verschiedenen Fälle auf der gegenüberliegenden argentinischen Seite sehen kann. Schließlich gelangt man zu einer Aussichtsplattform und blickt direkt in den `Schlund des Teufels´. Es ist die schönste Stelle, und auch meine Leute sind schwer beeindruckt von dem tosenden Schauspiel. Zu guter Letzt gönnen sie sich das leckere Buffet im Restaurant, dann kehren sie zum Camping zurück und zeigen mir die Bilder.

Am nächsten Tag schüttet es wie aus Kübeln, und man kann kaum einen Schritt nach draußen machen. Das gesamte Gelände des Hostels steht knöcheltief unter Wasser, und die wenigen Gäste vertreiben sich den Tag an der Bar. Der 1. Mai zeigt sich schon wieder freundlicher, die Sonne kommt langsam durch die Nebelschwaden, und wir fahren mal kurz nach Argentinien, um die Fälle auch noch von dieser Seite zu sehen. Aber die Zweibeiner finden, dass es sich nicht unbedingt lohnt, zumal es brechend voll ist. Abends steht der große LKW-Bus der deutschen Stoffeltruppe neben uns auf dem Platz. Die beiden Reiseleiter sind allerdings allein und haben endlich mal Zeit für ein Schwätzchen. Sie haben ihre Truppe am Flughafen wieder sich selbst überlassen und sind auf dem Rückweg nach Chile.

Auch für uns geht es weiter, nach Osten zum Atlantik. Der Weg nach Curitiba führt über ein Hochplateau, auf dem wir noch einmal Araukarien, den Ur-Bäumen des Kontinents, begegnen. Bevor die Europäer kamen, war dies das Gebiet der Guarani-Indianer. Heute leben sie in Reservaten, auf die Schilder an der Straße aufmerksam machen. Ansonsten deuten nur kleine, einfache Verkaufsstände, die mit bunten Strohkörbchen behängt sind, darauf hin, dass hier jemand lebt. Wir halten an einem der Stände und haben die eigenartigste Begegnung mit Indios der ganzen Reise, von Nord- bis Südamerika.

Wir steigen aus, und im nächsten Moment kommen zahlreiche Kinder aus dem Gebüsch gesprungen und wedeln uns, um Bonbons bettelnd, mit Rasseln und Körbchen vor der Nase herum. Zwei Frauen mit Babies auf den Armen tauchen auf und halten mit völlig unbewegten Gesichtern ebenfalls ihre Artesanias vor unsere Nasen. Kein Lächeln, keine Reaktion auf das, was wir sagen, nur der Preis geht ihnen über die Lippen, als wir eine der Rasseln nehmen. Zwei Kilometer weiter liegt der nächste Ort, wieder völlig brasilianisch, ganz normal.

Curitiba wartet mit Hochhäusern auf und dem ersten Hinweis auf die bevorstehende Fußball-WM. FIFA - Fan - Fest steht auf den Plakaten, und an den Ampeln werden Spielpläne angeboten. Ansonsten ist hier noch niemand im Fußballfieber, was sich die Fans in Deutschland kaum vorstellen können. Die Stadt liegt im brasilianischen Küstengebirge auf rund 1200m, und die Hänge der Berge, die zum Meer abfallen, sind mit üppigem Grün und Bananenstauden bewachsen.

In Paranagua schlendern wir durch das kleine historische Zentrum, dann folgen wir der Küste nach Matinhos. Es ist immer noch schön warm, und wir sitzen am Strand des Ferienörtchens und wollen auch die Nacht hier verbringen. Aber das ist der Nachbarschaft nicht recht. Viel zu gefährlich sei dies, soviel verstehen meine Leute, und so werden wir bei einem der Anwohner im Hof, sicher hinter einem verschlossenen Tor, untergebracht.

Mit einer Fähre setzen wir nach Guaratuba über und bekommen von einem eingewanderten Deutschen ein paar Tipps und seine Straßenkarte überlassen. Wir wollen uns Blumenau anschauen, wo man aufs Oktoberfest gehen kann, und biegen ins Landesinnere ab. Man hätte sich den Umweg sparen können. Dass die Deutschen auch hier tüchtig sind, kann man an den vielen Textilfabriken und Betrieben sehen, die aus der Kleinstadt ein wirtschaftliches Zentrum gemacht haben - nicht schön, aber erfolgreich. Das Festgelände Vila Germanica ist ein großer Komplex für Freiluftveranstaltungen aller Art, mit nachgebauter Fachwerkidylle und Bierverkauf. Überhaupt begegnen wir hier im Süden deutschen Namen auf Schritt und Tritt, kaum eine Werkstatt oder Firma, die nicht Hinz oder Kunz hieße.

Zurück am Meer fahren wir auf der Autobahn, der wichtigsten Nord - Südverbindung, an ausgestorbenen Badeorten vorbei, deren Hochhäuser von Weitem zu sehen sind. In Portobelo verlassen wir die Straße und bleiben an einem der feinen Sandstrände, die der Grund sind, warum man die gesamte schöne Küste bis Porto Alegre mehr oder weniger zugebaut hat. Um Florianopolis herrscht ein enormer Verkehr, und so lassen wir es links liegen und fahren über Laguna und Torres weiter nach Süden.

Einen Abstecher in die Serra Gaucha wollen wir noch machen. Das bekannteste Städtchen Gramado liegt knapp unter 1000m und ist auch eine Gründung deutscher Einwanderer. Hier fühlt man sich ein wenig in einen Urlaubsort am Titisee im Schwarzwald versetzt. Aus den Lautsprechern, die geschickt an den Laternen versteckt sind, tönt Rosamunde, und in exklusiven Läden kann man sein Geld loswerden. Und man merkt auf einmal, dass Herbst ist. Die ebenfalls eingewanderten Ahornbäume verlieren ihr Laub, es gibt Morgennebel und nachts wird es empfindlich frisch.

In Porto Alegre stellt sich leichtes WM -Feeling beim Bordmechaniker ein, als wir an dem fast fertigen Stadion vorbeikommen. Aber erst in Rio Grande findet er im Supermarkt ein Regal mit all den schönen Sachen, die das Fanherz höher schlagen lassen. Mit großen Schritten nähern wir uns Uruguay, und erleben ein letztes Mal brasilianische Gastfreundschaft.

Wir durchfahren die Landzunge Campos Neutrais, ein Feuchtgebiet, wo auf großen Flächen Reis angebaut wird. Die wenigen Orte liegen weit auseinander, und selbst die Tankstellen bieten keinen Übernachtungsplatz. Endlich, ich bin kurz vorm Verhungern, beschließen meine Leute, in einen Feldweg abzubiegen und sich dort an den Rand zu stellen. Ein Mann in Gummistiefeln beobachtet das Manöver und lädt uns dann zu sich auf sein Grundstück ein, was sich als wirklicher Glücksfall erweist. Wir stehen auf einer kurz gemähten Wiese, und so kann uns der in der Nacht einsetzende Regen, der die Feldwege in Schlammpisten verwandelt, nichts anhaben.

Nur noch wenige Kilometer trennen uns von Uruguay, dem (fast) letzten Land unserer weiten Reise. So einfach wie die Einreise war, so schnell sind wir in Chuy aus dem sympathischen Brasilien auch wieder ausgereist. Zwei, drei Klicks im Computer, Ausreisestempel in die Pässe, Daumen hoch, ein offenes Lächeln, listo!

Ate luego!

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