Charly´s weite Reise

Oktober / November 2013

Hola, amigos!

Tatsächlich ist in Argentinien manches anders. Zum Einen gibt es wieder Bäume, die die Bewohner in ihren Orten und zum Windschutz um ihre Höfe und Felder gepflanzt haben. Wir sind im südamerikanischen Frühling angekommen, und die Pappeln und Weiden leuchten in frischem Grün. Zum anderen gibt es jede Menge Grill- und Campingplätze, die ebenfalls unter hohen, alten Bäumen liegen. Die Einrichtungen sind nicht immer in bestem Zustand, da anscheinend das Geld zur Renovierung fehlt. Aber wir sind sehr zufrieden, dass wir wieder unserer Route folgen können, ohne uns Gedanken über den nächsten Übernachtungsplatz zu machen.

Nachdem wir die Grenze auf dem Altiplano, bei der Chilenen und Argentinier gemeinsam die Formalitäten abwickeln, überquert haben, fahren wir nach Osten und viele Kilometer später schließlich eine steile Serpentinenstrecke hinunter ins Tal. In der Quebrada Humahuaca bewundern wir bunte Felswände und Artesania, die der in Ecuador, Peru und Bolivien verblüffend ähnelt. Dann wenden wir uns endgültig nach Süden und folgen kleinen Nebenstraßen, um nach Salta zu kommen.

Der städtische Camping ist um ein riesiges Schwimmbecken angeordnet, dass leider noch leer ist. Für uns sind die Temperaturen sommerlich, aber für Argentinier ist noch keine Badesaison. Wir lernen Schweizer kennen, die wegen einer größeren Reparatur ihres Landcruisers schon länger auf dem Platz sind. Ihnen wurde, während sie einen Stadtausflug machten, das Auto aufgebrochen und einiges geklaut. Also kein guter Ort um länger zu bleiben. Auch die Stadt mit dem eigenen Fahrzeug zu durchqueren entpuppt sich als schlechte Idee. Umleitungen und Einbahnstraßen machen uns die Orientierung schwer, und schließlich geben meine Leute auf - wir hauen ab.

Der Nordwesten Argentiniens ist ausgesprochen trocken. Fast keiner der Flussläufe führt Wasser, und nur die Algarrobo-Bäume und Kandelaber-Kateen fühlen sich richtig gut versorgt. Alle anderen Pflanzen müssen bewässert werden. Zu jedem Baum führt ein kleiner Graben, und die Weinstöcke, die hier noch in kleinen Weingärten wachsen, werden ebenfalls künstlich am Leben gehalten.

Kurz vor Cachi stoßen wir auf die berühmte Ruta 40, die den Norden Argentiniens mit dem Süden Patagoniens verbindet. Viele Reisende folgen der gut viertausend Kilometer langen Straße, die noch zu einem großen Teil aus staubiger Erd- und Schotterpiste besteht. Diesen Ehrgeiz haben wir nicht, zudem die Landschaft, durch die man kommt, nicht überall reizvoll sein soll.

Cachi ist ein nettes Dorf mit einer schattigen Plaza, die von kleinen kolonialen Gebäuden umrahmt wird. Wir machen Bekanntschaft mit der argentinischen Variante der Siesta, die die spanische noch übertrifft: Von halb drei bis um halb sieben geht nichts, alles hat geschlossen. Neben dem Camping liegt die Schule, und in den Pausen und nach Schulschluss bevölkern Schüler den halböffentlichen Platz. Hier haben sie nicht die im Rest des Kontinents üblichen Schuluniformen an, sondern tragen, ebenso wie die Lehrer, über ihrer normalen Kleidung weiße Kittel. So sieht es aus, als wären im ganzen Land Heerscharen von Chemielaboranten unterwegs.

Auf unserem Weg zum Weinort Cafayate kommen wir durch Felsenlandschaft und schlucken Staub. Im Nachbarort San Carlos liegt der großzügige Camping Municipal mitten im Dorf neben der Plaza. Nur wenige Camper sind da, aber zum Wochenend-Asado, dem argentinischen Grillspaß, füllt sich der Platz mit Familien aus der Gegend. Nebenan wurde ein kleiner Rummel mit drei Hüpfburgen und ein paar Verkaufsständen aufgebaut. Auch die Schausteller nutzen das Badehaus des Camping, an dem abends in riesigen Holzbadeöfen das Wasser erhitzt wird - uns wird sogar extra Bescheid gegeben, wenn es heiß genug zum Duschen ist.

Endlich machen auch wir das lang ersehnte Asado. Dazu kauft man beim Metzger seines Vertrauens ein riesiges Stück Fleisch und etwas Brot, besorgt sich Holzkohle, und los geht´s! Fleisch wird hier in rauen Mengen verzehrt, so dass manch einer gar nicht bemerkt, wenn etwa eine der dicken Grillwürste fehlt. Meinem feinen Näschen entgeht das allerdings nicht, ich finde die herunter gefallene Wurst, und das Mahl beginnt. Es folgen Kotelettknochen, Brotstücke und Fleischreste. Abends sind nicht nur meine Leute nach zwei Grilldurchgängen satt, sondern auch ich kann mich kaum noch bewegen. Am nächsten Tag wiederholt sich das Ganze, denn die Holzkohle könnte ja schlecht werden.

Letzte Nacht hat eine Musikgruppe bis in die Morgenstunden nicht nur schön, sondern auch laut, ihre Hits zum Besten gegeben. Heute wird San Carlos in allen Straßen mit Kirchenprogramm beschallt. Eigens dafür aufgehängte Lautsprecher tragen Lieder und Predigt vom Vorplatz der Kirche bis in den letzten Winkel. Verschiedene Gesangsgruppen bereiten sich auf dem Camping auf ihren Auftritt vor oder erholen sich danach.

Während wir beim Essen sitzen, kommen immer wieder Reiter im traditionellen Gaucho-Outfit vorbei. Die Frauen sitzen auf einem Damensattel, und die Männer haben vor ihre Beine Felle gespannt, die am Hals der Pferde befestigt sind und Wind und Staub abhalten sollen. Sie blähen sich wie zwei große Ohren auf und erschweren den Tieren das Vorwärtskommen. Abends werden dann etliche Marienstatuen auf Sänften bei einer großen Prozession durch den Ort getragen, und die Gauchos bilden die Nachhut. Begleitet wird das Ganze von einer Lautsprecherstimme, die jede Gruppe ankündigt, sich bei ihr bedankt und alle Anwesenden hochleben lässt. Viva San Carlos! Als Abschluss gibt es ein kleines feines Feuerwerk - dann fallen alle in ihre Betten, und es kehrkrönendent Ruhe ein.

Wir lassen die Weingüter von Cafayate hinter uns und sind wieder in der Fast-Wüste. Ein kleiner Abstecher nach Amaiche del Valle bringt uns zum Pachamama-Museum. Es zeigt Mineralien der umliegenden Minen und eine große Sammlung von Werken des einheimischen Künstlers Henri, der auch das Museum maßgeblich gestaltet hat.

Über Belen und Chilecito, wo man die Reste einer Drahtseilbahn besichtigen kann, kommen wir nach Villa Union. Nur hin und wieder durchbrechen farbige Felsen und einsame Orte das Einerlei aus Gestrüpp und Algarrobe-Bäumen. Wir fahren Stunde um Stunde, Tag für Tag, und haben kaum das Gefühl vorwärts zu kommen. Die Kilometer spulen unter uns vorbei, und die Mahlzeiten sind eine willkommene Abwechslung. Morgens brennt die Sonne auf der Fahrerseite ins Auto und nachmittags auf der Beifahrerseite. Inzwischen liegen die Berge der Anden nur noch rechts von uns, links erstreckt sich endlos flaches, kaum bewohntes Land. Nur wenige Fahrzeuge fahren hier entlang, und man ist froh, wenn man keine Panne bekommt.

Und so wundert es uns irgendwann auch nicht mehr, dass eine Frau verehrt wird, die auf der Suche nach ihrem Mann in der Wüste verdurstet ist. Senora Correa hatte ihr Baby dabei und gab ihm die Brust, als sie selbst bereits im Sterben lag. So konnte es überleben, bis man die tote Mutter fand. Überall stehen nun die Schreine der Difunta Correa, der Entschlafenen Correa, am Straßenrand und sind mit allem Erdenklichen geschmückt, vor allem aber mit Wasserflaschen.

Ein weiterer Volksheiliger kann ebenfalls helfen, Gauchito Gil. Er stammt eigentlich aus dem Osten Argentiniens und ist als eine Art Robin Hood zu Ansehen gekommen. Da er kopfüber an einem Kreuz sterben musste, wird er mit blauem Umhang, einem riesigen Schnauzbart und eben einem Kreuz auf dem Rücken gezeigt. Seine Schreine werden mit roten Fahnen angekündigt und sind häufig mit einem Grillplatz ausgestattet.

Schreine von anderen Heiligen, die immerhin vom Papst anerkannt sind, werden mit Schildern ausgewiesen. Sonst würde man vielleicht San Expedito suchen und aus Versehen bei einer der zahlreichen Jungfrauen halten.

Jedenfalls hat unser GPS einen Campingplatz in Vallecito anzubieten. Zuerst sehen wir eine große Tankstelle und dann unzählige Grillplätze. Einen ausgewiesenen Camping gibt es nicht, auch nur einige Andenkenläden und Kneipen, aber überall Grillplätze. Viele sind ziemlich schäbig, aber es werden weitere betoniert. Wir stellen uns schließlich an irgend einen und überlegen, was es mit diesem merkwürdigen Ort auf sich hat. Und endlich fällt der Groschen - wir sind im Epizentrum, der eigentlichen Kultstätte der Difunta angekommen, das jedes Jahr um die Osterzeit von hunderttausenden Fans besucht wird. Am nächsten Morgen statten wir den verschiedenen Kapellchen und dem zentralen Hügel einen Besuch ab. Alles ist übersät mit Danksagungen für ein Haus, ein Auto, einen gewonnenen Pokal und was sonst noch wichtig ist im Leben.

Wie jeden Tag starten wir bei strahlendem Sonnenschein und warmen Temperaturen. Es geht heute nach Mendoza, der Hauptstadt des argentinischen Weinbaus. Unterwegs wird es immer diesiger, trotz des Windes. Seit ein paar Tagen beobachten wir, dass es mit der klaren Luft vorbei ist. Luftfeuchtigkeit kann es nicht sein, dafür ist es zu trocken - staubtrocken. Inzwischen ist es, als würden wir durch Nebel fahren, und in Mendoza frieren wir. Abends fällt leichter Nieselregen, auf den Bergen schneit es. Pampero soll dieser Wind heißen, der alle ein bis zwei Wochen über der Pampa von Süden nach Norden bläst. Mal ist er trocken und kalt, mal bringt er Regen, und von Zeit zu Zeit Staub. Dann nennt man ihn den `Dreckigen Pampero´.

Mendoza gefällt mir. Es gibt den großen Park `San Martin´ mit unzähligen alten Bäumen, auch fast alle Straßen werden von Bäumen beschattet, und viele größere und kleinere Plätze laden zum Verweilen ein. Straßencafes servieren von Espresso bis Latte Macchiato alle zeitgemäßen Kaffeevarianten - endlich haben meine Leute das Paradox Kaffee produzierender Länder, in denen es nur Nescafe zu trinken gibt, hinter sich gelassen.

Der Chefökonom hat Gelegenheit, die bereits in Ecuador gehorteten Dollarnoten im Bankenviertel, wo sonst, schwarz zu tauschen und freut sich über einen Gewinn von dreißig Prozent gegenüber dem offiziellen Kurs - Zeichen für den Zustand der argentinischen Wirtschaft.

Nur Schuhe zu kaufen, stellt eine Herausforderung dar, der die Fotografin nicht gewachsen ist. Es gibt zahlreiche Geschäfte, die ihre Modelle, wie üblich, in den Schaufenstern anbieten. Aber jetzt geht man nicht einfach in den Laden um einige Schuhe näher zu betrachten und in die engere Auswahl zu ziehen. Hier muss man sich ein Modell im Schaufenster aussuchen und dem Verkäufer zeigen. Dieser geht dann mit der Kundin in den mit Kartons voll gestellten Laden und sucht das Modell in der passenden Größe heraus. Möchte man noch weitere Schuhe anprobieren, geht man wieder hinaus ans Schaufenster, zeigt dem Verkäufer das nächste Modell...neue Sandalen gibt es erst in Chile.

Auf dem schönen Camping, der etwas außerhalb der Stadt liegt, lernen wir ein Paar aus dem Saarland kennen, deren Fahrzeug gerade `durchrepariert´ wird, da man einem Geräusch nicht auf die Spur kommt, und treffen alte schweizer Bekannte wieder. Meine Leute verbringen ein paar unterhaltsame Tage, lassen nebenbei das Gas auffüllen und einen Ölwechsel machen - in Mendoza alles kein Problem.

Aber schließlich verlassen wir die Stadt und fahren über den Pass `Cruz de Paramillo´ nach Uspallata. Von diesem schön gelegenen Ort hat man einen herrlichen Blick auf das Aconcagua-Massiv, dessen höchster Gipfel, der Aconcagua, stolze 6959m misst und somit der höchste Berg ganz Amerikas ist. Am nächsten Morgen, es ist Mitte November, fahren wir entlang des Rio Mendoza, vorbei an der Puente del Inca, einem durch Erosion entstandenen Felsbogen, nach Las Cuevas. Hier beginnt der Tunnel, der uns nach Chile führt. Die Grenze verläuft im Tunnel, aber die Formalitäten beider Länder werden wieder gemeinsam, diesmal auf chilenischer Seite, durchgeführt.

Wir werden die Anden sicher noch einmal überqueren und nach Argentinien zurück kommen. Aber jetzt sind wir auf der Höhe von Santiago und Valparaiso, das früher, vor Eröffnung des Panama-Kanals, eine der wichtigsten Hafenstädte Südamerikas war, und das wir uns anschauen wollen.

Also, dann bis nächstes Mal in Chile! Macht´s gut!

Vale bien, hasta luego!

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